Berlin · Das Fräulein auf Reisen

Kommste kieken? – Von Flohmärkten und Fischterrinen

Unsere Mägen sind wunderbar gefüllt vom Frühstück bei Lina Rothenberger und wir stürzen ins Berliner Leben, strecken die neugierigen Nasen in die Berliner Luft und reißen die Augen auf.

Was unser Begehr ist? Flohmarktschätze! Gegenstände mit Geschichte, manchmal auch nur das Betrachten schöner und unbekannter Dinge. Wenn ein alter Teddybär, die Nase von den vielen Gute-Nacht-Küssen schon ganz licht, mit treuen, gläsernen Augen traurig schaut, schaue ich zurück und frage mich oft: „Was Du wohl schon gesehen hast?“

Manchmal ist es auch beklemmend, wenn einem angelaufene Messingrahmen mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Großfamilien in die Hände fallen. Oder geliebte, lederne oder samtene Poesiealben. Diese kleinen Büchlein liegen oft dort auf den Tischen. Manche noch in Sütterlin beschriftet. Gab es keinen mehr in der Familie, der dieses Kleinod an sich nehmen wollte?

Doch Flohmarktsucht wäre nicht Flohmarktsucht, wenn es nicht die nette Geschichten zum erhandelten Stück gäbe oder ein nettes Gespräch und manchmal auch ein wahres Schnäppchen.

Ich erinnere mich an einen Flohmarktbesuch in Berlin und die Entdeckung einer alten Fischterrine, vermutlich aus den 1930er Jahren. Mein Vater betrachtete das gute Stück und fragte den Ur-Berliner hinter seinem Stand, was er denn wohl dafür berappen müsse. Die Summe, die genannt wurde, war meinem Vater zu hoch – hatte der Fisch, der auf dem Deckel der Terrine trohnte doch auch einen Riss. Die Terrine wurde also wieder dort platziert, mein Vater schüttelte mit dem Kopf und zog vondannen. Wir, das Schauspiel von weiter weg beobachtend, wurden Zeuge eines unvergessenen Handels. Der Ur-Berliner, vermutlich in seiner Ehre als Flohmarkthändler gekränkt, nahm die Terrine in seine Hände, trat hinter seinem Stand hervor und rief meinem Vater hinterher:

„Ey, Meester, ick bin doch so unjeschickt mit Porzellan!“

Und so packte der Ur-Berliner dem Meester dit Porzellanteil ziemlich jeschickt in Papier ein – zu dem Meester-Preis. Jutes Geschäft!


Berlins Flohmarkt-Kultur ist – wie ich finde – geschmeidiger als anderswo in Deutschland. Das Angebot ist groß.

Wir haben uns dieses Mal für den Flohmarkt am Schöneberger Rathaus entschieden (nicht empfehlenswert) und für den Flohmarkt am Fehrbelliner Platz. Hier wurden wir fündig, erworben LPs von Queen und von Reinhard Mey, einen Stopf-Fliegenpilz und eine Emaille-Backform.


Am zweiten Tag zog es uns dann in den Mauerpark und zum Arkonaplatz – beide Flohmärkte ganz in der Nähe der berühmten Bernauer Straße.

Geschichtsaffin wie wir nun mal sind, schweifen unsere Augen über dieses 1,4 km lange Denkmal – der alte Grenzstreifen. Ein zentraler Erinnerungsort an die deutsche Teilung, gelegen im Zentrum der Hauptstadt. Sucht man einen Parkplatz, um zum Flohmarkt am Mauerpark zu gelangen, trifft man auf dem Areal der Gedenkstätte auf das letzte Stück der Berliner Mauer.

Dieses Stück ist, lt. Homepage der Gedenkstätte Berliner Mauer, in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben und soll einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermitteln. Anhand der weiteren Reste und Spuren der Grenzsperren sowie der dramatischen Ereignisse an diesem Ort wird exemplarisch die Geschichte der Teilung nachvollziehbar.

Bedrückend und merkwürdig faszinierend zugleich ist dieser Teil Berlins. Für mich ist es schwer vorstellbar, so eingesperrt zu sein. Egal ob Ost oder West, meiner Freiheit beraubt – das ist erdrückend und bedrückend, und ich bin nachdenklich und dann dankbar. Schüttele mich kurz und gehe dann mit meinen Lieben zum Mauerpark hinüber, wo wir auf eine bunte Vielfalt treffen. Nicht nur unzählige Flohmarktstände mit den abenteuerlichsten Dingen, die feilgeboten werden. Nein, es gibt auch kleine Food-Trucks, Bullis und Wagen mit Köstlichkeiten aus aller Herren Länder. In den aufgereihten Bananenkartons werden wir tatsächlich fündig: Eine Kanne von Seltmann-Weiden, Serie Patricia Roter Apfel, eine süße Keramikdose für „Heiße Würstchen“, eine Märchen-LP und eine LP von Pippi Langstrumpf.



Wir treffen auf Kuriositäten, auf tolle Möbel, auf freundliche Menschen und merken nicht, wie die Zeit vergeht. Plötzlich sind zwei Stunden vergangen und wir schlendern hinüber zum Arkona-Platz. Diesen Flohmarkt mag ich besonders. Er hat etwas gemütliches und herrlich sonntagsträges an sich. Die Menschen sind alle sehr entspannt, es riecht nach Kaffee aus den umliegenden Caféhäusern, die Sonne scheint und wärmt uns den Rücken.

Als wir durch die Reihen tingeln, stellt sich eine herrliche Entspannung ein. Eigentlich könnten wir doch noch eine Nacht bleiben, wenn denn nicht Sonntag wäre und wir Montag nicht wieder arbeiten müssten. Die letzten Minuten lassen wir uns treiben, recken das Gesicht gen Himmel, saugen die frische Luft in uns hinein. Mit diesem Gefühl geht es zurück, raus aus der Hauptstadt, durch das grüne Brandenburg, über Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen – Regen begrüßt uns.

Berlin, schön warste, laut warste, facettenreich warste…


 

2 Kommentare zu „Kommste kieken? – Von Flohmärkten und Fischterrinen

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