Rezepte · Wandelbar...Marktfräulein & Fliegenpilz

Wenn der Vorhang fällt, sieh‘ hinter die Kulissen…Treffen sich zwei Fräuleins – Episode V – Glutenfreie Hefekränze

Der Zylinder ist bedeckt mit feinem Staub, ein zarter grauer Schleier. Sein einst sattes Schwarz ist ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Die Ränder leicht ausgefranst, der Stoff an der einen oder anderen Stelle etwas dünn. Die Öffnung zur Decke des mit Holz ausgekleideten Wagens gerichtet, steht er links vor dem ovalen Garderobenspiegel auf dem Tischchen aus Kirschholz mit den filigran-geschwungenen Beinen. Rechts daneben auf dem Tischchen liegen weiße Stoffhandschuhe, hier und da von Stockflecken übersät, durch vieles Tragen schon die Form der Hände angenommen. Unter dem Tisch steht ein Paar auf Hochglanz polierte Lackschuhe. Die Hacken seitlich abgelaufen, das Leder im vorderen  Bereich schon ganz brüchig, die Schnürsenkel faserig. Doch die Schuhe glänzen.

Ein Frack hängt an der Tür des Wagens auf einem Drahtkleiderbügel, der sich unter der Schwere des Kleidungsstücks biegt und nach unten zieht. Kummerbund, Schleife in tiefstem Bordeauxrot mit Holzwäscheklammern an das Revers geklemmt. Über der Tür ein rundes Fenster. Gegenüber des Tischchens ein weiteres. Das letzte Tageslicht fällt durch die dreckige Scheibe in den Wagen, tauchen das Innere in milchiges Licht. In den feinen Sonnenstrahlen tanzen die Staubkörner ihr verträumtes Ballett nach ihrer ganz eigenen Choreographie.

Plötzlich Schritte, eins, zwei, drei – die Wagentür öffnet sich. Man denkt, sie müsse quietschen, doch sie tut es nicht. Zwei Füße in Socken stehen auf dem Holzfußboden, die Beine stecken in schwarzen Hosen, ein weißes frisch-gestärktes Hemd mit hohem Kragen, eine dunkle Weste mit stoffbezogenen Knöpfen, der in der Mitte baumelt an einem Faden, der sich über der Weste kräuselt wie buntes Geschenkband.

Freundliche blaue Augen, dick mit dunklem Kajal umrahmt, schauen aus einem runden Gesicht. Der Bereich rund um die Augen ist hell geschminkt, ebenso das runde Kinn. Nur die Wangen sind rot und aufgeblasen. Der Mund – zu einem purpurnen Strich gemalt – lächelt freundlich. Die blauen Augen schauen suchen umher. Dann fällt der Blick auf den Zylinder – Erleichterung – die Schuhe – Ausatmen – das geblümte Sofa, das gegenüber das Tischchens mit den geschwungenen Beinen steht.

Mit einem entspannten „aaaah“ lässt sich, nennen wir ihn Heinrich, auf das Sofa sinken und angelt nach den Schuhen. Als er die Hosenbeine hochkrempelt, kommen rot-weiß-grün geringelte Kniestrümpfe zum Vorschein. Er schlüpft hinein und zerrt an den Schnürbändern, bis sie fast reißen. Heinrich blickt von seinem Sofa aus in den Spiegel. Das Dämmerlicht in seinem Zirkuswagen lässt Umrisse nur noch schwer erkennen, und er rückt näher heran, bis er ganz an der Kante seines Sofas sitzt, kneift die Augen zusammen, betrachtet sich im Spiegel. „Oh du dummer August!“ murmelt er und streckt die linke Hand zum Zylinder aus, mit der rechten greift er hinein. Die Clownsnase leuchtet rot in seiner Hand. Und so blickt er auf sein Utensil, oder ist es doch schon Teil seines Selbst? Zögerlich setzt er die Nase auf, dann den Zylinder, streift die Handschuhe über, die er von seinem Großvater – ein bekannter Gelehrter soll er gewesen sein – geerbt hat – vor vielen, vielen Jahren.

Der Mond ist inzwischen aufgegangen, es wird eine sternenklare Nacht. Die Lichter an den Zirkuswagen leuchten im Dunkelblau. Heinrich starrt in den Spiegel, dann blickt er nach draußen. In der Schlange vor dem wunderschönen Zirkuszelt stehen Junge und Alte, die Gesichter voller Vorfreude. Heinrich greift halb blind nach dem Frack, dem Kummerbund und der Schleife, legt alles auf das Sofa mit dem Blumenmuster. Bindet sich eine Schleife, legt den Kummerbund an, schlüpft in den Frack. „Wie lange noch?“ fragt er sein Spiegelbild.

„Ewig!“ antwortet das Spiegelbild. Heinrich zuckt zurück. „Ewig!“ Aus dem Schatten der hintersten Ecke des Wagens, den Heunrich sein Zuhause nennt, tritt eine Gestalt hervor. „Ich bin der Geist, der stets verneint!“ stellt sie sich vor. „Herr über die Zeit! Sie kennen mich aus unzähligen Geschichten.“ Die Stimme ist rauchig und – alt, so alt wie die Menschheit. „Du fragst Dich, wie lange es wohl den Zirkus noch geben wird? Menschen zu Euch kommen und sich verzaubern lassen wollen?“ Heinrich nickt, sein Herz rast – hatte sein Großvater nicht immer etwas von so einer Gestalt erzählt? Ganz geheuer ist er ihm nicht, der lange schwarz-rote Umhang, die engen dunklen Hosen und spitzen Schuhe…und dieses Lächeln.

„Wie seid Ihr hier reingekommen?“ krächzt Heinrich. „Oh!“ antwortet die Gestalt. „Man hat mich hereingebeten!“ Heinrich runzelt die Stirn, dann schüttelt er den Kopf. „Nein! Ich nicht!“ sagt er bestimmt. Die finstere Gestalt zieht die Stirn kraus, deutet über die Tür. Und in der Tat – die linke äußere Linie des Schutzsymbols ist ein bisschen verwischt. Es muss wohl wieder durchgerechnet sein, oder waren es seine Zweifel. Andererseits, und Heinrich blickt nach draußen, dort stehen Menschen die sich verzaubern lassen wollen. Es ist bald Ostern, Ostern bedeutet Neuanfang, Hoffnung. Die gute Küchenseele der Zirkusfamilie hat Hefekränze gebacken, sie wollen mit den Kindern an Ostern Eier suchen gehen, einen Osterspaziergang machen. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ murmelt Heinrich, und auf einmal weiß er, welch finstere Gestalt sich in seinem Wagen befindet. „Hinfort!“ ruft er. „Raus! Mich bekommst Du nicht!“

Mephisto. Und wie es sich für einen wahren Zauberkünstler gehört, verwandelt sich die teuflische Gestalt in einem schwarzen Pudel, bellt und in Nebelschwaden und Rauchwolken läuft das Tier davon. Kläfft die Menschen in der Schlange an, sorgt für kurze Unruhe.

Heinrich steht allein vor dem Tischchen mit den geschwungenen Beinen, strafft die Schultern, streckt die Brust raus und geht stolz erhobenen Hauptes hinaus. „Ich bin doch kein Angsthase!“ murmelt er.

Plötzlich taucht ein weißes Kaninchen neben ihm auf, in Weste und mit Taschenuhr. „Tag!“ sagt es. „Tag!“ sagt Heinrich. „Wo gibt’s hier glutenfreie Hefekränze?“ Heinrich schaut verwirrt. „Dort!“ sagt er und deutet auf einen roten Zirkuswagen mit weißen Punkten, die Fenster sind schon ganz beschlagen, aus dem Schornstein steigt Rauch auf. „Danke!“ sagt das Kaninchen und hoppelt davon. Plötzlich dreht es sich nochmal um. „Äh, wie heißt denn die Köchin?“ fragt es. „Kristina!“ antwortet Heinrich. „Ah! Kenn ich. Und Eure nächste Station?“ „Rheinland!“ antwortet Heinrich. „Ah, weiß schon. Man sieht sich. Bei Jenny von deMarkt!“

Sprach’s und hoppelt davon.

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Rezept für glutenfreie Hefekränze

Ihr braucht:

  • 350 g glutenfreie Mehlmischung (z. B. Dr. Schär Mix it!)
  • 150 g Buchweizenmehl
  • 1 TL Salz
  • 6 EL Zucker
  • 250 ml Milch
  • 180 ml Buttermilch
  • 30 g Frischhefe
  • 80 g Butter
  • 1 Ei + etwas Sahne zum Bestreichen

Mischt beide Mehle und das Salz in einer großen Rührschüssel. Drückt eine Mulde in die Mitte. Erwärmt Milch und Buttermilch kurz und gießt die Mischung in die Mulde. Zerbröselt die Hefe in die Flüssigkeit hinein und streut die sechs Löffel Zucker darüber. Alles zu einem Teig verkneten (am besten mit dem Knethaken). Butter schmelzen und hinzufügen, nochmal verkneten.

Mit einem feuchten Küchentuch zudecken und mindestens 1 Stunde, gern auch über Nacht, an einem warmen Ort gehen lassen.

Backofen auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen.

Teig aus der Schüssel nehmen und auf einer bemehlten Arbeitsfläche durchkneten.

Pro Kranz jeweils zwei Rollen formen und miteinander verflechten. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen.

Mit der Ei-Sahne-Mischung bepinseln, nochmals für 15 Minuten gehen lassen und anschließend für ca. 30 Minuten – je nach Größe – backen.

Gutes Gelingen! Guten Appetit! Und habt schöne Ostertage!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Pilotfolge – Treffen sich zwei Fräuleins

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 1

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 2

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 3

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 4

 

8 Kommentare zu „Wenn der Vorhang fällt, sieh‘ hinter die Kulissen…Treffen sich zwei Fräuleins – Episode V – Glutenfreie Hefekränze

    1. Oh Du Liebe! Vielen herzlichen Dank für das schöne Kompliment – das freut mich wirklich unheimlich. 😊 ich kenne dieses Zeit-Lesen-Kontinuum nur zu gut, daher freut es mich umso mehr, dass Du meinen Artikel gelesen hast und ihn auch noch schön fandest 😊😊😊 Hach!
      Und die Hefekränze sind wirklich lecker, allerdings ließen sie sich etwas schlecht flechten, aber okay 😉 all zu kritisch sollte man wohl nicht sein. Über die Butter- oder Schwedenmilch-Variante bin ich in einem Backbuch gestolpert. Geht auch super für Zimtschnecken. Die werden richtig saftig!
      Euch noch einen schönen Abend! Herzliche Grüße 🧡💛💚

      Gefällt 1 Person

  1. Huch – da ist es ja schon! Das Rezept. Und wie! Ein Rezept mit „Herz“ und Zauberknall – ❤ Stephfanny hat recht. Es ist unglaublich, wie viel Fantasie du hast. Man möchte ewig so weiterlesen. Leider verstehe ich hier eventuelle literarische Anspielungen nicht, weil ich da an eine Bildungsgrenze stoße… Aber der alte Heinrich und sein Zirkuswagen nehmen einen auch so mit. Ein bisschen traurig ist das ganze ja schon…Aber das Kaninchen reißt es raus.^^ Puh, da hast du ganz schön vorgelegt! Glutenfreie Hefekränze! Das ist so lecker. Ich könnte jetzt einen davon gebrauchen. Statt dessen gibt es Linsen und Kartoffel. 😦
    😉
    Auf bald du Liebe Lieblings- Kompagnonin, aka Champignon, aka wertvoller Schatz.
    Mein Kaninchen kommt auch bald. Bitte bleib so lecker wie du bist.
    ❤ ❤ ❤

    Gefällt 2 Personen

    1. Hallo Du Liebe! Hach, Du glaubst gar nicht, wie sehr ich mich über die Komplimente freue. Das ist echt schön, weil es ankommt. Ja, ein bisschen traurig sollte es auch sein. Ich wollte diese leicht vergängliche Stimmung im Zirkus einfangen und diesen speziellen Geruch des Alten. Dass ich Dich/Euch mitnehmen konnte, das ist für mich echt ein Kompliment! Schön!!
      Ja Du, diese literarische Anspielung ist der „Faust“. Meine persönliche Achillesferse. Ich habe mein Abi über Faust geschrieben in meinem Deutsch-LK und bin bis heute traumatisiert. Ich habe das echt geliebt, fand das Stück so großartig. Und dann hatten wir einen Lehrerwechsel…ich habe davor mit Feuereifer gelesen und interpretiert und geschrieben, und lag immer um die 13 Punkte. Ich hab das wirklich gern gemacht. Der neue Lehrer und ich – wir konnten nicht miteinander. Ich habe 2 Punkte in meiner Abiklausur geschrieben…mein alter Deutschlehrer war entsetzt, als ich ihm später davon erzählte. Er konnte sich das überhaupt nicht vorstellen…tja, so ist das…deshalb wollte ich mal zeigen: so! 😂😂 nicht dass ich glaube, dass mein oller Deutschlehrer, dem ich dann ein viel schlechteres Abi zu verdanken habe, meinen Blog lesen würde. Aber falls doch: schöne Grüße! 😂😂 aber ich schweife ab!
      Und ich schiebe Dir einen Hefekranz rüber – kleiner Nachtisch…
      Linsen und Kartoffeln finde ich aber sehr lecker. Ich liebe Linsen, allerdings NICHT mit Curry!!
      Ich freu mich auf Dein Hoppel-Kaninchen, Deine Köstlichkeiten und Geschichten. Du bist so eine Bereicherung, liebe Jenny. Selber Lieblings-Kompagnonin 😉 Du Zauberfee! Bleib auch schön lecker (übrigens bezeichnet man in Dänemark ein tolles Mädel als „lækker sild“ – wörtlich übersetzt: leckerer Hering!) also – bleib lækker 😘

      Gefällt 2 Personen

  2. Guten Morgen liebe Kristina, eigentlich stehen bei mir die Rezepte im Vordergrund, doch heute mache ich eine Ausnahme, denn deine Geschichte ist so lebendig erzählt, dass es einem Zauber im Zylinder gleich kommt. Jedes Wort hat ein eigenes Bild erschaffen und ein kleiner wunderbarer Film ist in meinem Kopf entstanden. Wenn ich nur etwas dazu beigetragen habe (den Wunsch) macht mich das sehr glücklich und es schlummern wohl nicht nur Küchentalente in dir! Ich wünsche dir ein wundervolles Osterfest ❤

    (Über wp sag ich jetzt mal nix mehr)

    Gefällt 1 Person

    1. Guten Morgen lieber Arno! Ach Du Lieber – vielen, vielen Dank! Ich freu mich sooo sehr über die Komplimente, dass die Stimmung angekommen ist, ist soooo schön! Und selbstverständlich hast Du etwas dazu beigetragen – die Grundlage oder Herausforderung für diese Geschichte.
      Ich wünsche Dir und Deinen Lieben auch ein Wunderbares Osterfest! 💚🧡💛🐰❄️(hier im Norden mit Schneeeeee!)
      P.S.: WP kriegt nichts zu Ostern, geht ja gar nicht!!!!

      Gefällt 1 Person

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