Italien · Livorno

Livorno – Von Soda, Sand und Sonne

Wir haben Hochzeitstag, unseren 10. – um genau zu sein. Am 15. September 2008 standen wir vor dem Standesamt und gaben uns um ca. 11:30 Uhr das Ja-Wort. Vor 10 Jahren. Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht. Und ich denke daran, wie aufgeregt ich war, schweißnass die Hände. Und es war kalt. Die Standesbeamtin hatte die passende Bluse zum Teppich an – mit großen roten Rosen. Der Trauzeuge meines Mannes stellte fest, dass sein Personalausweis abgelaufen war und trug ein Jacket mit großem Totenkopf an der Seite. Meine Unterlippe zitterte und ich sagte zu früh „ja“, fiel meinen Eltern um den Hals und war – verheiratet mit meinem Vorzeigemodell.

Wir machten Fotos mit einer netten Fotografin mit sympathischem holländischem Akzent, die uns aufforderte anstatt „Ameisenscheiße“ lieber „Kariiiiibik“ zu sagen. Auf einigen Fotos rissen wir die Augen so auf, als wenn wir tatsächlich direkt in die karibische Sonne blicken würden.

Mit unseren Eltern und Trauzeugen ging es anschließend zum Italiener. Der Kellner schmettere mehrfach uns ein herzliches „Auguri!“ entgegen und wir genossen ein köstliches Drei-Gänge-Menü in entspannter Atmosphäre mit glücklichen Eltern. Selbst glücklich, wie man nur sein kann, wenn man denjenigen heiratet, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen und irgendwann auf einer Bank sitzen und händchenhaltend aufs Meer gucken möchte.

Eines der schönsten Geschenke war eine riesige Box mit allerlei Köstlichkeiten für „das erste Frühstück als Ehepaar“ – so meine Eltern, die ich mir nicht besser hätte aussuchen können als ich damals noch im Seerosenteich schwamm.

Und nun- zehn Jahre später – an einem dieser Bilderbuch-Urlaubstage fuhren wir in Richtung Livorno, denn einmal Meer muss sein. Das Handy klingelte und es trällerte: „Tillykke! Tillykke! Tillykke!“

„10 Jahre?!“ halb erschreckt, doch glücklich schallt es uns entgegen. „Ja! Wahnsinn, oder?“ bemerken wir und erzählen, dass wir zum Meer fahren. Und dann reden wir, erinnern uns – an kleine Katastrophen, Jackets mit Totenkopf, Walzer vorm Standesamt, Sekt und „Auguri“!

Die Straßenschilder zwitschern fröhlich Fi-Pi-Li. Und so „fi-pi-li“ sind auch wir – „Firenze, Pisa, Livorno“. Livorno. Vespas brummen an uns vorbei, schlängeln sich durch jede noch so kleine Lücke. Wir navigieren durch ein Parkhaus, dass für zuckersüße Fiat 500 gemacht ist, parken, steigen aus und lassen uns treiben in Richtung Markthalle.

Wie auch schon in Florenz erschlägt uns die Vielfalt an Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch förmlich. Alles duftet verführerisch, ein Traum für jeden Genussmenschen. Und als wir staunend und schauend durch die Markthalle treiben, erscheint plötzlich ein Bäcker vor uns. Ein Bäcker ausschließlich mit glutenfreien Backwaren.

Die Manalù Bakery Lab befindet sich in der Markthalle an einer kleinen Ecke. hier gibt es herrlich duftig-fluffige Focaccia mit Meersalz, leicht warm. Apfeltaschen mit knusprigem Blätterteig. Baguette mit weichem Teig und knackiger Kruste. Ich stehe da und strahle, strahle, strahle. Der Bäcker ist stolz wie Bolle – wie man so schön sagt – und bietet mir lauter Kostproben an. Und ich probiere, kaufe ein und beiße dann in eine Apfeltasche – voller Verzückung. Beobachtet werde ich von einer Dame, die mich so voller Freude anlacht und uns „buona giornata“ wünscht. „Anche a te!“ sage ich. Mit dem Genuss glutenfreier italienischer Backwaren steigt offensichtlich auch gleich die Sprachbegabung.

Mit zufrieden gefüllten Bauch wollen wir nun noch zur berühmten Promenade von Livorno. Ein Schachbrettmuster soll es sein, und man kann die Fähren nach Korsika und nach Sardinien sehen. Das Wasser glitzert, die Fähren gleiten darüber hinweg. Manch einer mag dieses Schachbrettmuster „voll 80er“ finden. Das klingt negativ und ist es – aus unserer Sicht – gar nicht. Es hat was von alten Filmen, ja, aber die Promenade versprüht italienischen Charme.

Aber wir wollen an den Strand. An einen bestimmten Strand. An den Spiagge Bianche. Auch bekannt als der weiße Strand von Vada. Der weiße Strand und das türkise Meer – man hat das Gefühl, man ist in der Karibik. Ein Umstand, der allerdings nicht eine Laune der Natur ist. Eine nahe gelegene Sodafabrik, dessen Rohre durch diesen Abschnitt laufen, hatte hier „früher“ ihre Abwasser ins Meer laufen lassen. Die Chemikalien haben Sand und Meer in diese paradiesischen Farben getaucht. Heute soll dies nicht mehr der Fall sein. Wie dem auch sei: Die Einwohner stört es nicht – der Strand ist gut besucht. Und auch wir trauen uns, stürzen uns in die Fluten, denn die Wellen sind herrlich, mannshoch und sorgen dafür, dass die Glückshormone raketenschnell durch die Adern schießen. Und so liegen wir dort, im feinen weißen Sand und kriegen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Irgendwann – die Haare sind salzig verklebt und der Sand hängt in den Zehen – schlendern wir zurück zum Auto. Glücklich, beseelt und sehr zufrieden.

Von Vada aus wollen wir nun nach Livorno zurück, dann Richtung Pisa. Einmal den schiefen Turm sehen. Und von hier aus kann man auf der Via Aurelia an der Küste entlangfahren, muss sich aber sehr auf die Straße konzentrieren, denn von der puren Schönheit dieser traumhaften Landschaft wird man nach jeder Kurve schier verzaubert. Dieses Fleckchen Erde ist paradiesisch. An den Seiten parken Hunderte von Autos.

Nach Pisa ist es nur ein Katzensprung, und die Schilder weisen uns den Weg zum Torre pendente die Pisa. Ein Parkplatz ganz in der Nähe bietet zu horrenden Preisen Parkmöglichkeiten, aber wir wollen ihn schließlich nur einmal sehen. Das Licht ist golden und taucht den Platz in schillerndes Licht. Der Blick auf den Turm und den Domplatz ist überwältigend. Der Turm ist wirklich schief! Und natürlich muss ein Selfie sein, aber bitte kein Foto, bei dem man die Hände so an den Turm legt, dass es so aussieht, als wenn man das altertümliche Gebäude selbst abstützen würde.

Und dann? Dann gleiten wir zurück – Fi-Pi-Li, Fi-Pi-Li summt es in unseren Köpfen, summen wir selbst zufrieden vor uns hin. Fi-Pi-Li, Fi-Pi-Li. Was für ein wunderbarer 10. Hochzeitstag!

11 Kommentare zu „Livorno – Von Soda, Sand und Sonne

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