Episode 2: Geburtstagsreise Teil 2 – Spaziergänge durch Berlin

Ein leises Zwitschern weckt mich nach der ersten Nacht in der Hauptstadt. Das Vorzeigemodell ist in der Mini-Teeküche und hantiert – wie mir scheint – mit dem Wasserkocher. Seine Aneinanderreihung von Vokalen und Konsonanten klingt wie ein schlecht ablaufender Abfluss. „Guten Morgen!“ sagt er, als er sich mit zwei Tassen Tee durch die Tür schiebt. Als ich ihn mit fragend hochgezogenen Augenbrauen anblicke, meint er: „Unsere Vormieter müssen versucht haben, den Kaffee im Wasserkocher zu kochen.“ Nun ergibt sein etwas angeekelter Kommentar Sinn. „Lecker?“ frage ich. „Tierisch!“ antwortet er und wir nippen an unserem Tee. „Nun ja“, sage ich, „ein leichtes Kaffeearoma ist noch vorhanden.“

Gut, dass wir gleich frühstücken gehen. Heute steht ein Kiez-Spaziergang auf dem Programm. Kreuzberg ist weitläufig und schön. Ziemlich viel Kiez für ein Landei wie mich, doch das Internet hilft weiter:

„Der weitläufige Stadtteil Kreuzberg wird von Studenten und Künstlern bewohnt und verfügt auch über eine große türkische Community. Rund um das Kottbusser Tor gibt es viele türkische Restaurants, während der originelle Bergmannkiez für Secondhandläden, gemütliche Cafés und den landschaftlich gestalteten Viktoriapark bekannt ist. In der alternativen Gegend nahe dem Görlitzer Park findet man Street-Art, zwanglose Bars und Imbissstände in der Markthalle Neun. Der Landwehrkanal bietet schattige Wege zum Spaziergehen, Radfahren und Verweilen.“

Bergmannkiez – da wollen wir hin! Doch vorher wird sich gestärkt im Café Mundvoll mit einem köstlichen Frühstück. Und wie sich im Laufe des Tages herausstellen sollte – sehr nachhaltig. Hunger verspüren wir eigentlich den gesamten Tag nicht, allenfalls ein Hüngerchen.

Das Café Mundvoll liegt in der Waldemarstraße, etwas weit entfernt von der Bergmannstraße, aber lohnenswert. Das Frühstück ist abwechslungsreich und frisch. Allein bei der Auswahl kann man zwischen Wurstfrühstück und Käsefrühstück in unterschiedlichen Größen wählen, aber auch gemischte Frühstücke, Lachsfrühstück und – natürlich – veganes Frühstück sind möglich. Wir wählen ein Wurstfrühstück und ein Käsefrühstück. Meine mitgebrachten glutenfreien Brötchen werden problemlos und kurzerhand aufgebacken. Die Frühstücke werden schnell serviert und auch der bestellt Schwarztee schmeckt vollmundig. Ein wahres Qualitätsmerkmal ist für mich schwarzer Tee. Dieser hier ist ein erstklassiger Tee, lose im Beutel auf dem Tablett und daneben eine Kanne. Danke!!

Leider ist Tee so ein stiefmütterlich behandeltes Thema. So oder ähnlich in der Vergangenheit (und vermutlich auch Zukunft): „Haben Sie auch Tee?“ „Ja! Kräutertees, Früchtetee!“ Und meistens kommt es dann: „Ach Rooibos haben wir auch noch!“ ‚Gruselig! Furchtbar! Geht gar nicht! ‚ brüllt es dann in mir. „Auch Schwarztee?“ frage ich. „Öhm, warten‘se mal!“ Und wenn dann schon in einer Schublade mit undefinierbarem Inhalt gekramt wird, kann man es eigentlich gleich vergessen. Triumphierend wird dann oft ein trauriger Beutel emporgehoben, gerne unterstrichen durch ein „Hahaaa! Wusst ich‘s doch! Earl Grey!“ Super, denke ich und rolle innerlich mit den Augen. Zwischen zusammengepressten Zähnen quetsche ich ein: „Toll, hähä, nehm ich!“ hervor.

Nun im Café Mundvoll bestelle ich sogar eine Kanne nach. Dann sind wir gestärkt und ziehen los.

Der Bergmannkiez ist eine Ortslage im Berliner Ortsteil Kreuzberg. Teilweise wird davon noch die Ortslage am Chamissoplatz als Chamissokiez abgegrenzt – so Wikipedia. Das Zentrum bilden am Marheinekeplatz die Passionskirche und die Markthalle. In der Markthalle genehmigen wir uns noch einen Ingwer-Minztee und einen Espresso. Es duftet verführerisch. Obst und Gemüse und Stände aus Frankreich, Italien, der Türkei bieten Köstliches an. Wir sind zu satt und tingeln weiter. Der Bergmannkiez scheint aus vielen kleinen Restaurants, Bars und Kneipen zu bestehen. Es gibt unzählige Kellergeschäfte mit exklusiven und preiswerteren Klamotten und Schuhen. Papeterie liegt neben Weinbar, traditionelles Café neben Späti. Und Buchläden!!! Ich liebe Buchläden. Wir geraten in den Sog von Langer & Blomqvist und erstehen drei Bücher.

Die Hinterhöfe müssen im Frühjahr oder Sommer kleine Oasen sein. Jetzt kann man den grünen Charme nur erahnen. Die Stimme ist locker hier aufm Kiez, die Leute entspannt. Plötzlich entdecken wir ein Hinweisschild zu einem Secondhandladen in einem Hinterhof, 1. OG. und folgen zwei Damen, von der eine der beiden einen leuchtend-pinken Schal voller Tatendrang nach hinten wirft. Pick‘n‘Weight heißt der Laden, und ich falle fast wie ein Maikäfer auf den Rücken. Massen an Klamotten, farblich sortiert. Der Wahnsinn! Da mich eine solche Menge eher verunsichert und blockiert als inspiriert, laufe ich wie Falschgeld durch die Gänge, betrachte das eine oder andere Schmuckstück und wünsche mir, dass ich die Änderungsschneiderei virtuos beherrsche. Irgendwann ist mein Vorzeigemodell verschwunden und ich werde leicht panisch in dem Riesenladen. Plötzlich taucht er wieder auf – selbst die Abteilung für Herren ist gigantisch. Ich glaube ich muss hier raus, aber dieser Laden ist absolut sehenswert, deshalb sei er hier erwähnt!

Nach unserem Spaziergang entscheiden wir wuns für einen Zwischenstopp in unserer Unterkunft und für einen anschließenden Spaziergang durch das Viertel bis zum KaDeWe. Ein bisschen Touri muss dann doch sein.

Zwischendurch entdecken wir einen Laden für Kochbücher mit integrierter Kochschule und einem kleinen Café. Goldhahn und Sampson. Eine heiße Schokolade und einen Espresso später geht es bis zum Karl-August-Platz, dann weiter zum berühmten Kaufhaus.

Die Weihnachtsbeleuchtung am Ku‘Damm ist wunderbar. Plötzlich stehen wir vorm KaDeWe und fahren „in die Sechste“ – in den Bauch dieses Kaufhauses. Zugegeben – es ist Jammern auf hohem Niveau, aber ich finde nach dem Umbau hat die „Fressabteilung“ etwas von ihrem Charme eingebüßt. Natürlich – einige Restaurants sind noch in Arbeit, aber das bistroähnliche Zusammengewürftelte ist leider nicht mehr dort. Es wirkt aufgeräumt und gradlinig. Als wenn diesem berühmten Kaufhaus kein Geheimnis mehr entlockt, man keinen Schatz mehr finden kann. Mag sein, dass wir Banausen sind, und es soll auch nicht bedeuten, dass es nicht schön ist, aber ein bisschen von dem alten Charme – nun ja – der ist verloren gegangen.

Nichtsdestotrotz entscheiden wir uns für einen Appetithappen und ein Glas Sekt bei Lutter & Wegner. Das Stammhaus am Gendarmenmarkt ist einen Besuch wert. Und die Geschichte des Hauses sehr interessant: „1811 eröffneten die Weinhändler Christoph Lutter und August F. Wegner am Gendarmenmarkt eine Weinhandlung, die bald einen hervorragenden Ruf genoss und zum Hoflieferanten des preußischen Kronprinzen ernannt wurde. Nach vollständiger Kriegszerstörung residiert das Lutter & Wegner heute in dem Haus am Gendarmenmarkt, in dem einst E.T.A. Hoffmann lebte. Die Kellergewölbe des Hauses Lutter & Wegner sind als Kulisse für Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ in die deutsche Kulturgeschichte eingegangen.“

Nun neu eröffnet im KaDeWe fügt sich das traditionelle Lokal aber gut ein und ist gemütlich, die Antipasti lecker und der Sekt köstlich spritzig und – wie sollte es anders sein – genau richtig temperiert.

Wir fühlen uns wohl, doch der Tag war lang und der Weg zurück in unser Domizil ist noch weit. Irgendwann schmerzen mir die Füße dann doch, und ich bin wieder einmal froh über unsere Badewanne und ein Muskelentspannungsbad, das ich in weiser Voraussicht eingepackt habe.

„Eigentlich,“ murmele ich meinem Vorzeigemodell zu, während mir schon halb die Augen zufallen, „eigentlich habe ich ja immer ganz doll Zappel in den Beinen am Abend vor meinem Geburtstag.“ Auch heute noch bin ich aufgeregt und freue mich wie ein kleines Kind auf meinen Geburtstag. „Hmm?“ macht es fragend von nebenan. „Ich glaube, ich schlaf auf der Stelle ein!“ sprach‘s und schlief.

Cafés, Bistros auf einen Blick

Café Mundvoll – http://mundvoll-berlin.de

Goldhahn und Sampson – https://www.goldhahnundsampson.de/shop/

KaDeWe – https://www.kadewe.de

Lutter & Wegner – https://www.l-w-berlin.de

Marheineke Markthalle – https://www.berlin.de/special/shopping/markthallen/1999244-1842672-marheineke-markthalle.html

Second Hand- und andere Läden

Pick‘n‘Weight – https://picknweight.de/pages/picknweight-berlin-kreuzberg-bergmannstrasse-102

Langer & Blomqvist – https://www.langer-blomqvist.de

3 Kommentare zu „Episode 2: Geburtstagsreise Teil 2 – Spaziergänge durch Berlin

  1. … zu deinem Vorzeigemodell möchte ich dir schon mal vorab gratulieren… und ja, das KDW ist wie das Alsterhaus in HH Einheitsbrei geworden… der mega Secondhandladen ist tatsächlich eine absolute Anlaufställe für nachhaltige Modeafine… hach, freue mich gerade wieder auf die Hauptstadt egal zu welcher Jahreszeit (★‿★)

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    1. …ja, schade oder? Das alles so geleckt, geordnet und sortiert sein muss… hmm 🤔 schade, dass das so ist. Daher solche Perlen wie dieser Laden, der mich zugegeben überfordert hat, aber echt Hammer war!!
      Mein Vorzeigemodell ist tatsächlich ein Glücksgriff, natürlich mit Macken, Ecken und Kanten, der mir manchmal auf die Nerven geht, aber mit keinem anderen kann ich so schön zusammensein. Und wie wir ja festgestellt haben: Einheitsbrei woll’n wa nisch!! 🍄

      Gefällt 1 Person

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