Amazing Grace und Ostpreußisches Pflaumenmus

„Wohin soll die Nachtigall? Wohin soll ich? Da fehlt was – sagt mir mein Gefühl. Ich mal‘ meine Sehnsucht, ich bin unterwegs – das ist es noch nicht – das Ziel!“ (Gerhard Schöne – Liedermacher)

Sie heißt Grace und sie hat mich in den letzten Monaten häufiger gesehen, als ihre Vorgängerin. Die ohne Namen. Merkwürdig eigentlich, denn unsere Küchengerätschaften, das Auto, die gepflanzten Bäume meiner Eltern – alles hat Namen bekommen. Maurice Maulbeer, Quentin Quitte, Hazel the Witch, Johnny B., Cornelius von Kornelkirsch, Rollo der Rote, Karlchen – um nur einige Namen zu nennen. Und nun Grace, gelegentlich auch Greys, genannt. Grace ist ein graues Fahrrad. Ich wollte ein rotes. Eine Gazelle oder so mit stylischem Lenker und elegantem Schwung. Doch dann kam heimlich, still und leise Grace. Anmutig und mit Charme um die Ecke, oder sagen wir mal – aus dem Keller eines kleinen Fahrradgeschäfts in einem Stadtteil von Hannover.

Grace machte mir das Radeln leicht, und nach einer halbstündigen Probefahrt waren Grace und ich unzertrennlich. Kurz vorm Lockdown zog Grace dann bei uns ein mit ihrem Kumpel Octopus Jazz Stevens. Ein Hanseat wie er im Fahrrad-Radgeber steht, nordisch-nobel eben, und Grace – amazing.

Nun, Grace und Octopus Jazz.

Es ist anders in diesem Jahr, die Urlaubsvorfreude, das Packen – alles war irgendwie gedämpft, so als läge man unter einer dicken Decke und luge nur vorsichtig hervor mit zusammengekniffenen Augen – die Nase vorsichtig über die Kante hebend. Oder wie ich neulich in einem Buch gelesen habe: Als wenn man durch zähen Sirup gezogen worden wäre. Schwierig finde ich, in diesen Zeiten „Corona“ auszublenden. Diese Omnipräsenz ist zermürbend, und der schmale Grat zwischen Leichtsinnigkeit und Aktionismus nicht leicht zu gehen, die Informationsflut nicht leicht zu verarbeiten und die Bewahrung der Leichtigkeit – oder vielmehr – die Wiederherstellung von Leichtigkeit keine leichte Aufgabe.

Einst hatte ich mir selbst geschworen, dass auf diesem Blog nur schöne Dinge ihren Platz finden. Und auch hier tänzele ich mehr oder wenig leichtfüßig auf dem Corona-Vulkan und versuche einen Weg zu finden, betrete einen schmalen, aber schönen Grat mit Ausblick mit dem Vorsatz, den Sinn fürs Schöne im Jetzt nicht zu verlieren.

Und so schiebe ich Grace aus ihrem Stall, streiche ihr über den gepolsterten Sattel und sie seufzt zufrieden – ebenso wie ich, als ich aufsitze und in die Pedale trete. Die trockene Natur fliegt an mir vorbei, die Brombeeren dörren an den Büschen, und auch der Holunder lässt die Dolden etwas traurig hängen. Doch wir entdecken einen Zwetschgenbaum, die Früchte süß und reif und mit dem typischen sogenannten Duftfilm überzogen – eine mehlartige Schutzschicht, die erst kurz vor dem Verzehr bzw. der Verarbeitung entfernt werden sollte. Und so pflücken wir einen Hut voll, fahren weiter und genießen, dass der Fahrtwind Kühle bringt.

Ich möchte auch eine Schutzschicht, denke ich und radele meinem Vorzeigemodell hinterher. Wir fahren am Kanal entlang und sehen, wie sich die Enten und Wasserhühner in die Dickichte begeben. Ein Grollen in der Ferne lässt Gewitter erahnen, doch wir wähnen es noch weit weg, setzen uns an die Leine und schauen auf die Libellen, die wie Elfen über das fließende Wasser ziehen. Das Grummeln scheint näher zu kommen, und so brechen wir doch auf. Plötzlich platscht der erste Tropfen auf die nackten Arme, und die Weiden am Ufer bewegen die Äste wie Vorhänge im Theater. Auftritt: Thor! Seine Trolle schlagen die Donnertrommeln – und sie kegeln und juchzen, springen und hüpfen, johlen und singen – und Thor schießt Blitze und schlägt den Takt. Wir suchen Zuflucht unter einer Brücke, doch der Regen nimmt nicht ab. Es wird empfindlich kalt, doch der Regen ist belebend und macht den Kopf frei. Es ist herrlich! Und da wir nicht auskühlen wollen, steigen wir wieder auf die Räder und radeln durch den dichten Regen. Die dicken Tropfen klatschen uns ins Gesicht, läuft den Rücken hinunter, in die Schuhe – die Trolle feuern uns geradezu an, wie wir durch den dichten Vorhang fahren, uns mit den Rädern durch die Pfützen pflügen und lachen. Nichts ist mehr trocken, aber ich bin hellwach.

Die dicken Regentropfen sehen aus wie Diamanten, wie sie so auf die Leine platschen und wieder hochspringen. Kein Mensch kommt uns entgegen. Nur wir radeln an dem Fluss vorbei. An einer Bushaltestelle steht ein Trupp Jugendlicher, der uns johlend anfeuert. Ich recke den Arm mit geballter Faust siegessicher in die Höhe. Gleich haben wir es geschafft! Grace und Octopus Jazz werden in den Stall geschoben, wir gehen gemählich Richtung Haustür – nasser können wir weiß Gott nicht werden. Schauen uns an – nass, glücklich und zufrieden.

Inzwischen ist es kühler ist und es liegt keine schwere Schwüle mehr über dem Land.

Ich komme vom Dorf, und das ist auch gut so! Ich bin keine Stadtmaus, ich bin eine Feldmaus, eine Feld-, Wald- und Wiesenmaus. Eine Wiesenmaus auf einem Fahrrad, das Grace heißt mit einem Hut voller Zwetschgen, die keiner sonst pflückt und aus dem ich köstliches Zwetschgenmus gemacht habe, nach einem ostpreußischen Rezept.

Rezept für Zwetschgenmus „ostpreußische Art“:

  • 2,3 kg Zwetschgen oder Pflaumen
  • 380 g Zucker
  • 3 grüne (!) Walnüsse
  • 25 Zwetschgen-/Pflaumenkerne (grob zerstoßen) in einen Teebeutel gepackt
  • 1 TL Zimtpulver
  • 1 Msp. Nelkenpulver
  • 1 Prise gemahlener Kardamom
  • 1 Zimtstange
  • 5 EL Himbeeressig oder andere fruchtiger Essig
  • etwas Wasser

Als erstes entsteint Ihr die gewaschenen Zwetschgen/Pflaumen und halbiert sie. 25 Zwetschgen-/Pflaumenkerne aussortieren, mit einem Nudelholz oder Hammer leicht zerstoßen und in einen Teebeutel füllen und mit Küchengarn zubinden. Dieses Säckchen wird beim Kochen in den Topf gehängt. Die Zwetschgen/Pflaumen, die madig sind, aussortieren. In einen großen Topf geben. Die grünen Walnüsse ebenfalls waschen.

Den Zucker in den Topf geben. Ich habe mal gelesen, dass das Verhältnis 1:6 sein soll – also auf einen Teil Zucker kommen 6 Teile Zwetschgen/Pflaumen.

Walnüsse, Gewürze inkl. der Zimtstange, den Essig sowie einen guten Schluck Wasser über die Zwetschgen/Pflaumen geben und alles gut verrühren.

Stellt den Topf mit Deckel auf den Herd und bringt die Zwetschgen/Pflaumen bei großer Flamme (!) zum Kochen. Wenn die Zwetschgen/Pflaumen stark kochen und es ordentlich blubbert, auf kleine Flamme stellen und ohne Deckel weiterkochen lassen. Die Zwetschgen/Pflaumen geben ein blubberndes, kwackerndes Geräusch von sich. Je länger dieses Geräusch anhält, umso öfter muss man rühren. Also zu Beginn nicht zu lange vom Herd wegbleiben.

Das Mus muss richtig schön breiig sein – dann kann es heiß in Gläser abgefüllt werden. Vorher das Säckchen mit den Kernen entfernen und die Zimtstange ebenfalls. Sind die Walnüsse weich geworden, können sie im Mus bleiben. Ich habe sie allerdings entfernt, weil mir der Geschmack zu bitter gewesen ist.

Viel Spaß beim Nachkochen wünscht Euch die

Feld-, Wald- und Wiesenmaus, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz

12 Kommentare zu „Amazing Grace und Ostpreußisches Pflaumenmus

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