Ein bisschen Kalle für uns alle

Bereits im Sommer sind wir aufgrund einer Verquickung unsäglicher Umstände auf Deutschlands größter Insel gelandet. Und nein – tatsächlich war Corona ausnahmsweise einmal nicht schuld. Die Geschichte ist lang, zu Beginn unschön, aber das sprichwörtliche Glück im Unglück.

Rügen. Das sind Seebäder, das ist die Hauptstadt Bergen, das sind Königsstuhl und Kap Arkona. Sonneninsel, Rügenbrücke. Hansestadt Stralsund und Hiddensee. Ich fand, da wusste ich schon eine Menge, als wir im Juli gen Osten fuhren in einem Leihwagen, denn das Gefährt stand in der Werkstatt. Wir landeten auf einem Stück Land, das man auch Windland nennt, auf einer Halbinsel im Norden der Insel. Wittower Halbinsel. 12 km mit dem Rad zum Kap Arkona, eine Ferienwohnung, die uns lichtdurchflutet begrüßte, mit Blick auf den Bodden. Davon, so lernten wir, gab es viele. Dies war der Breeger Bodden, und wir genossen den Blick auf das lichte Blau.

Das Meer hat etwas Heilsames, und so genossen wir dieses kleine Glück und ließen uns auf dieses Unbekannte ein, erkundeten die Gegend, sogen die Ostseeluft ein, verliebten und in den Bodenblick. Der Klang der rollenden Steine am Strand, das Leuchten der Wittower Fähre, der helle Schrei der Schwalben und das gesellige Quasseln der Stare.

Abends, wenn das sanfte Licht durch das Fenster fiel, las ich in einem Buch, das eher zufällig Teil meiner Urlaubslektüre wurde. Es spielt auf der Insel Rügen, und die Autorin scheint ein mir unbekanntes Familienmitglied zu sein, denn sie schaut geradewegs in meine Seele, weiß und sieht, umschreibt und erkennt, erfasst und benennt.

Und jetzt, im Spätsommer, wir liegen auf dem gemütlichen Sofa der Ferienwohnung und hatten heute Hühnergötter gesammelt, den Wind um die Nase wehen lassen und der Natur voller Verzückung entgegen gelacht – da denke ich: Sie hat es schon wieder getan! Dieses Mal hat sie mir Kalle geschickt. Kalle ist über 50, stammt eigentlich aus Berlin und fährt einen gelben Doppeldeckerbus. Das tut er gern, es ist lange Zeit sein Traum – doch dann stellt er den Bus eines Tages ab, kündigt seinen Job, lässt sein bisheriges Leben hinter sich und macht sich auf – auf eine Reise ans Meer.

Kalle ist kein Traumtänzer, kein Blender, kein blauäugiger, naiver, einfältiger Mensch. Kalle sieht! Und Kalle sucht – nach Worten für die eine große Geschichte.

Ja, Kalle hat keine wirkliche Verpflichtung, und auf der anderen Seite hat er sie doch, nämlich sich selbst gegenüber. Kalle hört auf sein Herz, auch wenn sein Kopf manchmal sehr laut wird. Kalle lässt sein Herz sprechen, und gleichzeitig auf die Vernunft, denn Kalle gibt auf sich acht, hört in sich rein und nimmt sich Zeit. Kalle ist Kind, Kalle ist ein großartiger Mensch. Und nein – Kalle hat keinen Burnout!

Ich würde mit Kalle gern am Strand sitzen und philosophieren oder schweigen. Vor allem wünsche ich mir ein bisschen Kalle für alle.

Und ich wünsche mir, dass Patricia Kölle weiterhin so wundervolle Bücher schreibt https://patriciakoelle.com

4 Kommentare zu „Ein bisschen Kalle für uns alle

  1. Hoch und heilig versprochen liebes Blumenmädchen, denn diese Woche Auszeit tat soooo gut… Und das muss doch auch im Alltag möglich sein. Ich werde mir den Kalle im Herzen bewahren und Dich und andere hoffentlich mehr mit meinen Fotos und Gedanken beglücken 🙂🙃

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