Nackte Füße

„…bewunderte ich ihre selbstbewusste Leichtigkeit. Die hat mir immer gefehlt. Aber vermutlich muss man viel öfter mit nackten Füßen tanzen, auch wenn die Fliesen kalt sind.“ (Aus: Zwischen heute und morgen“ von Carmen Korn)

Es ist Anfang September. Wie der gesamte Sommer warm und trocken. Wir sind auf dem Weg nach Süddeutschland. Herr Dackel ist für ein verlängertes Wochenende bei Oma & Opa. Der Enkelhund genießt es, ich habe einen leichten Knoten im Bauch. Drei Nächte ohne unser Hundekind, ein komisches Gefühl. Je weiter wir gen Süden fahren, umso schöner wird das Wetter. Der Sommer gibt nochmal alles. Ich entspanne mich, halte mein Gesicht in die Sonne.

Die Blechelse verlautet plötzlich Stau voraus, und so fahren wir ab. Die Sonne ist golden und hängt über den teilweise schon abgemähten Getreidefeldern. Wir kurven buchstäblich durch den Main-Spessart-Kreis, passieren die Bundeslandgrenze, sind in Bayern. Richtung Würzburg, genauer gesagt: Triefenstein. Hier soll die Hochzeit unserer Freunde sein! Zweimal verschoben. Doch nun: Endlich!

Wir beziehen unsere kleine Wohnung, die wir für das verlängerte Wochenende gebucht haben und treffen uns dann am Ort des Geschehens. Aufregung liegt in der Luft, Wiedersehensfreude, Spannung und ein Gefühl von Harmonie, Vertrautheit – so wie man es bei langen guten Freundschaften kennt. Man ist einfach man selbst. Eine tiefe Ruhe und Zufriedenheit, ein warmes wohliges Bauchgefühl. Ein Anknüpfen am letzten gesprochenen Satz des letzten Treffens – als läge das letzte Wiedersehen nicht fünf Monate, sondern fünf Minuten zurück.

Und so blicken wir von der Burg. Die Sonne steht über den Weinbergen, taucht den Main in goldenes Licht. Unsere Vesper nehmen wir dort gemeinsam ein, trinken Wein, essen und lachen, liegen uns in den Armen ind erzählen uns alte Geschichten. Der Abend ist perfekt.

Am nächsten Morgen ist der Himmel wolkenverhangen. Es regnet. Wir frühstücken und schicken Stoßgebete zum Himmel. Ja, die Natur braucht Regen, aber bitte nicht heute! Kein Regen auf den Schleier! Wir fahren zum Bräutigam, der sich in der Unterkunft des anderen Trauzeugen zurecht macht. Smart sehen sie aus: James Bond und seine beiden Side Kicks. Die Aufregung nimmt zu, der Himmel – immer noch wolkenverhangen. Wir quetschen uns ins Auto, fahren zur Burg.

Kennenlernen reiht sich an Wiedersehen, Umarmungen und Lachen – wir haben es nicht verlernt. Wir fotografieren, wir jubilieren. Dann kommt die Braut – und wie schön sie ist, wie sie strahlt, wie er strahlt! Plötzlich – und es ist kein kitschiges Klischee – hört es auf zu regnen und die Sonne bricht durch die Wolkendecke, Fitzelchen von Blau sind zu sehen, die Spätsommerwärme kommt. Dann die Trauung und das einzige was regnet sind Tränen der Rührung, Freude, Ergriffenheit. Euphorie liegt in der Luft! Wir können feiern!

Und das tun wir – tanzen mit nackten Füßen auf Parkett bis morgens um 4:00 Uhr zu unglaublich guter Live-Musik. Ich habe noch niemals auf einer Hochzeit zu „Iron Maiden‘s Run to the Hills“ getanzt. Dies ist die Premiere. Die Leichtigkeit trägt mich durch den Abend, die pure Energie. Dankbarkeit vom Scheitel bis zur Fußsohle.

Und Monate später liege ich auf dem roten Cordsofa, lese diesen Satz und lächle. Ja, man muss viel öfter mit nackten Füßen tanzen – auch und gerade, wenn die Fliesen kalt sind!

Ein Rezept gibt es heute keines, aber irgendwie ja doch!

Tanzt – vor allem aus der Reihe!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

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3 Kommentare zu „Nackte Füße

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