Auf Pflanzen-Pirsch in der dänischen Heidelandschaft – Und plötzlich wird der Blick ganz weit

Früher, als ich noch klein war und mit meinen Eltern im Auto ohne Klimaanlage und ohne Anschnallgurte auf der Rückbank und ohne elektrische Fensterheber in den Urlaub fuhr, hatte ich am Tag vor der Rückreise immer eine ganz große Angst – ich hatte nicht genügend Meeresluft eingeatmet. Ich war mir sicher, dass ich den Duft von Meer und Salz nicht in ausreichendem Maße in meine Lungen gepresst hatte. Ich war noch nicht ausreichend durch die Heide gewandert, hatte noch nicht genügend Muscheln gesammelt, hatte noch nicht in zufriedenstellendem Maße dem Kiefernrauschen gelauscht. Kurzum: Ich war einfach noch nicht fertig mit Urlaub. Und so atmete ich noch kräftiger ein, noch tiefer, bis mir fast schwindelig wurde, legte mein Ohr noch dichter an die Holzwand des Ferienhauses, stromerte noch weiter in die Heidelandschaft hinein und suchte noch mehr Muscheln. Mit dem Ziel, genügend im Vorrat zu haben. Bis zum nächsten Mal.

Am Abfahrtstag selbst breitete sich immer eine gehörige Portion Übelkeit aus. Auch heute noch. War der Appetit in den letzten Tagen – gestärkt durch Meeresluft und ausgedehnte Spaziergänge – ausgeprägt, so war und ist er an diesem Tage eher verhalten.

Irgendwann entstand auch eine ganz eigene Zählweise der noch vor uns liegenden Urlaubstage. Hatte man 14 Tage gebucht und war am Samstag angereist, so hatte man am Samstag drauf nicht noch 7 Tage, nein, man hatte 14 Tage: 7 Vor- und 7 Nachmittage. Völlig logisch.

Zum Glück liegen noch einige wunderbare Urlaubstage vor uns, sodass an Abreise noch gar nicht zu denken ist.

Die Tage sind zudem lang. Die Sonne taucht erst in allen erdenklichen Rot-, Gelb- und Lilatönen um 22:30 Uhr ins Meer, und der Himmel ist so unglaublich weit. Um 23:30 Uhr gehen wir langsam ins Bett, nur um gegen 7:00 Uhr wieder die Augen zu öffnen. Es ist schließlich schon seit 3 Stunden hell.

Heute sind wir am Nachmittag – der dänische Sommer hatte morgens eine kurze Pause eingelegt – durch die angrenzende Heide- und Dünenlandschaft gewandert.

Schwarze Krähenbeere
Blut-Storchschnabel
Scharfer Mauerpfeffer (eine Sedum-Art)
Sand-Thymian
Gemeiner Hornklee
Ebenfalls: Gemeiner Hornklee
Kleiner Sauerampfer
Bunter Feld- und Wiesenstrauß mit echtem Labkraut, Grasnelken, Kornblumen und Acker-Gänsedisteln

Mittsommer/St. Hans-Kranz

Zugegeben – wir waren ein klein wenig mit Wildkräuter-App und Naturführer bewaffnet, aber das hat dem Entdecken keinen Abbruch gegeben. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel stellte den Blick scharf für das Kleine, Verborgene. Wir entdeckten plötzlich Grashüpfer

und Distelfalter.

Und so erfuhren wir mal so ganz nebenbei eine interessante Geschichte:

Das echte Labkraut, auch Bettstroh der Jungfrau Maria genannt – das in dem Strauß mit den sehr kleinen, gelben und rispenartigen Blüten – soll der Legende nach in der Krippe des Jesuskindes gelegen haben. Allerdings ist der Kern der Legende noch sehr viel älter: Bevor der christliche Glaube in Skandinavien verbreitet wurde, hat man das wohlriechende Labkraut mit der Göttin Freja verbunden. Freja ist die Göttin der Liebe. Die uralte Tradition besagte, dass das echte Labkraut auf das Bett einer Gebärenden gestreut werden sollte. Die Kirche indes war gegen diesen heidnischen Brauch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Schließlich stimmte sie zu, die Pflanze der Heiligen Jungfrau Maria zu widmen.

Klitzekleine „Kloge Ove“ (Klugscheißer)-Grüße sendet Euch Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Westsidestory: Nochmal Sylt, Strænd mit Milchreis und Katzensprünge

{Dieser Beitrag könnte Spuren von Werbung enthalten.}

Auf der Suche nach der Ursprünglichkeit fahren wir auf unserem Kurztrip mit dem Inselbus in Richtung Süden. In Erwartung wärmerer Temperaturen. Ein Katzensprung…

Doch in Hörnum braust der Wind ungebremst auf das Eiland, und egal, wo man steht – büschen Wind ist immer. Und so entscheiden wir uns für einen Spaziergang auf der Westseite der Insel, denn die Brise kommt aus Ost.

Vorbei an Inselbäckereien und beschaulichen Vorgärten, Massen lila Taubnesseln, und immer mit einem friesischblauen Himmel über uns und mit ein wenig Kaffeedurst im Gepäck. Plötzlich ein Schild: STRÆND. Mit dänischem „æ“. Hmm…Campingplatz. Soso…an den Strand wollen wir sowieso, dann können wir den Weg auch bereits hier einschlagen.

Und wir gehen vorbei an küstentypischen Lagerplätzen. Holzbuden für den Strandverkauf, vielleicht für Eis und Würstchen, Bojen, Taue. Alles wartet auf die Saison. Doch auch wenn die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel hernieder lacht, der Wind ist tückisch. Wir schlendern weiter. Plötzlich taucht das „Strænd“ auf, liegt eingebettet vor den meterhohen Dünen und einem Übergang zum Strand. Große Fensterfronten, helles Interieur, irgendwie gemütlich. Wir suchen den Eingang, treten ein, werden freundlich begrüßt und suchen uns einen Platz an der Sonne.

Bei genauer Betrachtung des großen Raumes entdecken wir viel: Alte Bilder von Sylt, Postkarten in einem alten Messingbilderrahmen, Schultafeln. Auf dem Tisch Salz- und Pfefferstreuer aus Silber in Schwanenform.

Eigentlich wollten wir nur einen Kaffee, doch die Karte preist Fish’n’Chips an und mein Wohlfühlessen (neben glutenfreier Pasta) – Milchreis, mit Zimt und Zucker. Viel Zimt, drüber gestreut und schichtweise abgegessen, dann wieder eine dünne Schicht nachlegen. Hmm… und so werden aus zwei Pott Kaffee Fish’n’Chips und Milchreis.

Und wir kommen ins Gespräch, wie eigentlich immer. Das sprichwörtliche Schild an der Stirn. Das Strænd hat eine Geschichte, die noch nicht alt ist, aber verspricht, alt zu werden. Auf der Homepage des Bistros steht:

Wer nach Hause will, muss sich auf den Weg machen.

Ohne Losgehen kein Ankommen. Alles hat zwei Seiten.

Das Land endet, das Meer beginnt – Strand.

Wo eine Reise zu Ende geht, da fängt Zuhause an – Ankunft.

Zwei Hörnumer Jungs haben sich auf diesen Weg gemacht.

Und sind gemeinsam angekommen.

Am Ende einer Insel – Am Anfang einer langen Reise.

Willkommen zuhause. Am STRÆND in Hörnum.

Stolz können sie sein, die zwei Hörnumer Jungs. Denn hier findet man die Ursprünglichkeit. Unser innerer Kompass hat uns hier hingespült.

Wir werden träge, denn die Sonne wärmt. Auch in unseren Bäuchen wird’s warm. Doch wir wollen auch Strand, ohne Dänisch „æ“. Wollen Meeresrauschen und Steinchen springen, Muscheln sammeln und Wind.

Wir erklimmen die Dünen, und wir laufen, laufen, bleiben stehen, saugen die Luft ein. Bücken uns nach Muscheln und Steinen, blicken Möwen hinterher, halten das Gesicht in die Sonne.

„Someday, somehow, somewhere…“

Irgendwann biegen wir rechts ab, gehen durch einen Dünenweg durch die Heide.

Wir kommen raus in Rantum. Fast an der berühmten Sansibar. Der Himmel zieht sich zu, und wir gehen Richtung Bushäuschen. Haltestelle „Puan Klent“, was „Pauls Kliff“ bedeutet. Der Bus kommt, wir steigen ein und fahren gen Norden. Auch vom Südpol zum Nordpol ist’s nur ein Katzensprung, schwirrt es mir durch den Kopf.

Hier ist es kälter, rauher, und Regen kommt auf. Wir beobachten, wie die Sylt-Fähre anlegt und die Rømø-Besucher ausspuckt. Wie an einer Schnur rollen die Autos aus dem Bauch des Metallpotts. Und ist kalt, und wir wollen zurück. Zurück ins Hotel.

Wir werden – umgezogen und aufgetaut – abends belohnt. Eine pink-orange Sonne versinkt im Meer. Gute Nacht Sylt!

Per Anhalter durch Norddeutschland – Von Sylt und einer Ja-Hundert-Party

Es ist April, und ich sitze in einem Hotelzimmer in einem ultrabequemen Ohrensessel in Nordseeblau, während ich die ersten Zeilen dieses Artikels schreibe. Meine bestrumpfhosten Beine und Füße liegen auf dem Hocker in derselben Farbe. Und ich bin platt, aber glücklich. Drei Tage Seminar liegen hinter mir. Auf Sylt. Manche würden sagen: „Die Insel!“ Mit Ausrufezeichen und mit Betonung auf „die“. Hmm…

Sylt ist für mich eine Herausforderung. Fernab von Champagnergesellschaft und Schickeria liegt für mich der Reiz der Insel. Oscar Wilde sagte einst: „Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr!“ Und hier beginnt das Abenteuer.

Ich reise an mit dem Zug. Der Morgen liegt klirrend kalt vor mir. Gestern war das Thermometer tagsüber auf über 20 Grad geklettert, und ich schnattere und ziehe den Mantel noch etwas enger um mich.

Sylt, rattert es in meinem Kopf. Als die Verspätung aufgeholt und der Anschluss in Hamburg Altona geschafft ist, entspanne ich mich in dem Regionalzug, der in beschaulichem Tempo durch Schleswig-Holstein zockelt. Die Ansagen der Halte im nördlichsten Bundesland schallen zweisprachig aus den Lautsprechern – Hochdeutsch und Friesisch. Auf den Wiesen tummeln sich Schafe und Lämmer, Kiebitze mit ihren frechen Stietzen, Rehe und Hasen. Und über allem ein Himmel in einem faszinierenden Blau.

Und dann der Hindenburgdamm. Der Zug rattert über die Gleise. Das Glitzern des Wassers rechts und links. Dann der erste Halt, der zweite Halt, dann Westerland. Und ich hieve meinen Koffer aus dem Zug, ziehe ihn hinter mir her und wackele Richtung Bus. Linie 1 in Richtung Kampen. Kampen Mitte bitteschön.

Die Busfahrt ist „herrlich“. Mit meinem Monster komme ich kaum durch die schmalen Gänge des Busses und attackiere aus Versehen noch eine Mitfahrerin. „So lernt man Leute kennen!“ entgegnet eine Sylterin, die dankenswerterweise meinen Koffer hält und freundlich mit mir spricht.

In Kampen Mitte angekommen, ziehe ich das Ungetüm hinter mir her. Hotel Rungholt. Und auch hier – ein Blau, das Weite und Freiheit verspricht. Das sich wohltuend auf meine Seele legt. Und ich atme tief ein. Geliebtes Meer, geliebte Nordsee!

Doch wir wollen mal nicht vergessen, dass ich auf Seminar bin. Nicht zum Seele-baumeln-lassen. Am Abend fühle ich mich ein wenig einsam im Hotel. Fliegenpilz wäre nicht Fliegenpilz, wenn er nicht ins Gespräch kommen würde im Restaurant. Doch etwas komisch ist es schon in dem riesigen Hotelzimmer ohne Vorzeigemodell an der Seite. Doch mein ewiger Begleiter ist dabei. Ihr kennt ihn noch nicht, denn ich habe ihn noch nicht vorgestellt, obwohl er – ist die Tasche auch noch so klein – mit mir reist, seit ich denken kann. Juhu! Das ist nicht als jubelnder Aufschrei zu verstehen, nein. Juhu ist ein Pferd. Ein stolzes Ross aus Stoff. Kuschlig weich und in etwa so alt wie ich. Juhu, mein treues Pferd. Mit den Jahren ist Juhu etwas dünner geworden, hat die eine oder andere Narbe davon getragen, wurde aus verfänglichen Situationen befreit (er wurde im Kindergarten entführt und von einer vermeintlichen Freundin nicht mehr rausgerückt) und hilft bei Wehwehchen aller Art. Mit Juhu im Arm geht es mit dem Einschlafen und Aufstehen, und am nächsten Morgen kann ich ohne Talisman ins Seminar.

Die Tage vergehen wie im Flug. Und ehe ich mich’s versehe, ist es Freitag. Die Zertifikate werden ausgeteilt, und ich fühle mich platt und euphorisch. Nicht nur, dass mein Vorzeigemodell heute nachkommt, auch die Gruppe war großartig. Und so herzen wir uns zum Abschied, gehen unserer Wege und einem sonnigen Wochenende entgegen.

Und nun sitze ich in einem Hotelzimmer in einem ultrabequemen Ohrensessel in Nordseeblau, während ich die ersten Zeilen dieses Artikels schreibe. Meine bestrumpfhosten Beine und Füße liegen auf dem Hocker in derselben Farbe. Und ich bin platt, aber glücklich.

Ja – Hundert! kann ich noch ausrufen, denn der 100. Follower hat es auf meinen Blog geschafft. Das ist mir doch glatt ein Lupfen meines Pilzhutes wert. Herzlich willkommen!

Und warum der Titel von Anhaltern spricht, das müsst Ihr woanders lesen!

Es grüßt Euch herzlich Euer

Fräulein Fliegenpilz – Frøken Fluesvamp 🍄

Moldowische Frühlingsboten

Die Sonne lacht in unsere Höhle. Das Vorzeigemodell und ich haben heute Mittag einen Spaziergang gemacht und den Boden nach Neunerlei abgesucht. Neunerlei? Neun Wildkräuter, die früher traditionell in die Grüne-Neune-Suppe an Gründonnerstag kamen. Wobei es sich bei den Wildkräutern um die vorwitzigen Ersten handelte wie Giersch, Bärlauch, Gundermann. Bärlauch und Giersch haben wir gefunden. Gundermann oder auch Gundelrebe war noch etwas verschlafen. Doch der Frühling kommt mit Macht. Hummeln und sogar die ersten Schmetterlinge, brüllende Amseln, Stare und freche Blaumeisen begleiteten uns. Die Luft so klar. Und während wir so dahinschritten, fiel uns ein, dass wir heute noch zur Tat schreiten müssen. Unsere moldowischen Frühlingsboten müssen noch an einen Baum. Johnny B. – seines Zeichens stolze Johannisbeere und Baum, kein Strauch oder Busch – wird nachher behängt.

Denn es war so. An einem dieser Wochenenden, an denen eines dieser Sturmtiefs über Niedersachsen sauste wie Diven in rauschenden Ballkleidern, hatten wir Besuch. Mein Vorzeigemodell hatte seiner Spielsucht gefrönt und hatte mal wieder als verschollener Gallier namens Organisatorix alles, was Spaß und Freude an sog. Tabletop und Skirmish-Games hat an – logisch – die Tische geholt. Und so kam es, dass wir abends eine Geschichte aus Moldawien erfuhren.

Veronika brachte uns nämlich einen Anstecker mit. Für den Mann eine weiß-rote Schleife an dessen Ende zwei rot-weiße Quadrate hingen. Und für die Frau zwei winzige Häkelblumen in rot und weiß und ein grüner Stengel.

Veronika forderte uns auf, diesen Anstecker ans Revers unseres Mantels zu heften. Auf die linke Seite, beim Herzen. Das sei wichtig. Und eigentlich, so sagte sie, stecke man es sich am 1. März an das Revers. Am 31. März nehme man es ab und hänge es an einen Baum. Und dann, ja dann, kommt der Frühling.

Die Tradition ist schon sehr alt und beruht auf einer alten Geschichte. Als ich gerade versuchte, sie nochmal zu ergooglen, fand ich die Geschichte zwar nicht, aber ich lernte, dass Moldawien das unbeliebteste Urlaubsland Europas sein soll. Das wird gemessen an den Einreisenden. Etwas über 1.100 Deutsche waren es im Jahr 2017 laut einem Artikel aus der Zeit. Das landet an „guten Tagen“ täglich auf Malle…

Aber zurück zur Geschichte. Einstmals wurde die Sonne gestohlen, und ein junger furchtloser Mann zog los, um die Sonne wieder zu bekommen. Die Welt versank im Schnee, und während der junge Abenteurer sich durch die eisigen Massen kämpfte, verletzte er sich und sein Blut tropfte auf den Schnee. Da bekamen die Diebe Mitleid und gaben die Sonne wieder frei.

Mich berührte diese Geschichte. Und voller Stolz steckte ich mir diesen Frühlingsboten an meinen Mantel. Nachher – wenn ich mit meinem Vorzeigemodell gegessen habe – werde ich den Boten abnehmen und an Johnny B. hängen.

Und dann renne ich wie einst Ronja Räubertochter barfuß durch unsere Höhle und lasse meinen Frühlingsschrei erklingen. Denn das ist es doch, was wir alle wollen: Frühling und Frieden!

Da Andrea – Pizza, Pasta, wunderbar!!!

Allheilmittel!

„Ich hatte einen Scheißtag!“ sagt mein Vorzeigemodell als er unsere Höhle betritt. „Selbst eine Stunde Sport hat nichts gebracht!“ „Hmm!“ brumme ich während ich mich über ein Schnittmuster beuge. Ich muss was mit den Händen tun; im Moment arbeitet der Kopf zu viel. Der Begrüßungskuss ist irgendwie auch fahrig. Mein Vorzeigemodell ist echt angefressen. „Was Schönes?“ frage ich. „Hmm!“ kommt es bestätigend zurück. „Zu André?“ frage ich weiter. „Hmm!“ Ich deute dies als ein „ja“.

Bereits vorletzten Freitag – die Woche war an Beschissenheit kaum zu überbieten – war ich mit meinen Eltern, die eine ähnliche Woche hatten, zu André gefahren. Mein Vorzeigemodell steckte noch in einer Tagung fest und wünschte sich nach Hause. Ich hatte einen Tag, an dem man sich morgens auf dem Weg zur Arbeit bereits wieder nach Hause wünscht. Kennt jeder von uns. Kurz bevor ich dann am frühen Nachmittag das Gebäude nahezu fluchtartig und mit den sprichwörtlichen wehenden Fahnen verließ, führte ich ein ähnliches Gespräch wie montags drauf mit meinem Vorzeigemodell. Auftritt Papa: „Kind, wollen wir nicht vielleicht zu André?“ Kind: „Hmm!“ Papa: „Würde uns doch allen guttun nach dieser beschissenen Woche!“ Kind: „Hmm!“ Papa: „Mama und ich können ja rumkommen und dann fahren wir rüber!“ Kind: „Hmm!“ Auch dieses wurde richtigerweise als „ja“ gedeutet.

Nun ist es nicht so, dass man zu dem charmanten Eck-Italiener nur dann fahren darf, wenn man beschissene Scheißtage hat und man gerädert und aufgedreht zugleich ist. Aber – sagen wir mal so – sollte der Gemütszustand nicht ganz ideal sein, ist „Da Andrea“ eine gute Wahl, um die gute Laune wieder herzustellen.

Montags bis freitags von 06:30 Uhr bis 22:00 Uhr und samstags von 07:45 Uhr bis 15:00 Uhr sieht man den Inhaber, André Sarti, in der Hindenburgstr. 1b. Pause? Gibt es für den charmanten Halb-Italiener nicht. Er jongliert die Teller mit köstlichen Pasta-Gerichten, Pizzen, Vorspeisen nonchalant und stets gut gelaunt durch das kleine Restaurant – an sonnigen, warmen Tagen gern auch nach draußen.

„Wieso habt Ihr nicht angerufen?“ schallt es uns dann auch den Freitag entgegen. „War spontan!“ brumme ich. Keine weiteren Fragen, behände werden Tische zurecht gerückt und ein Platz für drei entsteht. Wunderbar!

„Was nimmst Du?“ frage ich, den Blick auf die Sonderspeisekarte gerichtet. Denn jede Woche gibt es ein paar spezielle Gerichte, beispielsweise Pasta alla Livornese. Leicht pikante Tomatensauce mit Calmar und Erbsen. Ein echter Genuss, wenn man es pikant mag und gerne Meeresfrüchte isst. Und so fällt dieses Mal die Wahl auf die Spezialität aus Livorno. Erinnert an Urlaub! Kann nur gut sein!

Eine kleine Pizza Margarita für Mama und Spaghetti Bolognese. Und Papa? Wie die Tochter!

Als dann das duftende Essen vor uns steht, ist der Abend gerettet, die Woche erscheint nur noch halb so schlimm. Mit einem Löffelchen voll Pasta. Selbstverständlich glutenfrei!

Im Restaurant wird’s italienisch. Durch die Nähe zur Musikhochschule am Emmichplatz treffen sich hier unterschiedliche Nationalitäten. Natürlich viele Italiener. Man fühlt sich wie in Italien. La Dolce Vita! Ein Stück Italien im Herzen Hannovers.

Allheilmittel! Die Laune wird blendend! Die Stimmung steigt! Das Wochenende kann kommen!

Und wir? Wir kommen wieder! Da Andrea – Pizza, Pasta – wunderbar!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz

Warum SPA wenn man auch SPO haben kann? – Ein Kurzurlaub in Sankt Peter-Ording

Ich hatte Geburtstag. Das kommt vor. Ich habe gern Geburtstag. Am Vortag bin ich schon aufgeregt, auch jetzt noch mit 37.

Geburtstag haben ist schön! Morgens – wenn man sachte aufwacht und sich nochmal genüsslich im Bett räkelt – und dann: Congratulations and Jubilations! Sicherlich: Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Man nehme es mit Humor – ungefähr so wie mein dänischer Opa es immer sagte: „Der Rasenmäher ist die Vorbereitung auf den Rollator!“

Aber selbst wenn meine glutenfreie Geburtstagstorte, die an meinem 94. Geburtstag von meinem 100-jährigen Vorzeigemodell auf einem Teewagen in mein Zimmer mit Meerblick geschoben wird, einem Fackelzug gleicht, werde ich die Kerzen, fit im Kopf und vielleicht etwas wackelig auf den Beinen, mit Eleganz und Bravour auspusten. Und mein Vorzeigemodell wird mir seine faltig-weiche Hand reichen „and we’re dancing cheek to cheek“.

Ja, so soll es sein!

Bis dahin feiern wir jeden einzelnen Geburtstag. Das wird mir ein Fest. Auch die Zeit dazwischen. Alle Pre-, Post- und Nicht-Geburtstage. „Viel Glück! Viel Glück!“

Da ich ein Glückskind bin – man erkennt es am roten Hut mit den weißen Punkten – habe ich 14 Tage nach Weihnachten Geburtstag. Und 7 Tage nach Silvester. Ein kleiner, eigenwilliger Steinbock. Mach die Tür zu! Ich will da durch! „Böckchen“ nannten mich Mama und Papa als ich noch eingekuschelt in Mamas Bauch war. Und als ich an dem Morgen des ersten Donnerstag des Jahres 1982 das Licht der Welt oder des Kreißsaals erblickte, war es draußen klirrend kalt, Eisschollen schwammen auf der Weser, und ich wurde aufgrund der Nabelschnur zunächst für einen Jungen gehalten. Das „Problem“ wurde mit einer Handbewegung gelöst und – tadaaaa – dort lag ich: 53 cm groß, 3.250 g schwer, rotblond, gesund und niedlich! Ich war kein zerknittertes, rot-blau-lila Baby. Ich hatte einen Wecker im Bauch, schrie nach Essen und hatte auf Krankenhaus keinen Bock. Zuhause angekommen fand ich alles super.

Geregelte Mahlzeiten find ich heut immer noch gut. Ein bisschen größer und schwerer bin ich auch geworden, rotblond bin ich immer noch, und Krankenhäuser kann ich immer noch nicht leiden.

Jedes Jahr sage ich: „Übrigens: ich bin schon da!“ und meine Liebsten wissen, was gemeint ist. 7:28 Uhr – das Küken schlüpft aus dem Ei!

Dieses Jahr fuhr das Küken mit dem Vorzeigemodell nach SPO! Nicht nach SPA, wobei Spa in SPO auch möglich ist.

Sankt Peter-Ording. Ich war noch nie dort, aber ich wollte Meer. Kurzentschlossen hatten wir am 21. oder 22. Dezember ein Hotelzimmer gebucht. Ganz in der Nähe des breiten Strandes mit den Pfahlbauten. Der Morgen des 6. Januar aber war nass und grau und so gar nicht winterlich, so gar nicht sonnig, so fürchterlich schmuddelig.

Glückspilz wäre nicht Glückspilz, wenn nicht just in dem Moment, als wir im Hotel eincheckten, der Himmel aufreißen würde. Er tat uns den Gefallen. In Gummistiefeln ging es zum Strand. Es war Flut. Das Meer war da, der Strand trotzdem noch breit genug und es regnete nicht. Aber eindeutig: Meer! Und kaum etwas anderes auf der Welt treibt mir so schnell die Glückshormone durch die Adern wie der Anblick des Meeres. Und ich sagte zu meinem Vorzeigemodell, das neben mir her schlenderte: „Mama sagte, in SPO kann man Bernstein finden!“ „Echt?“ fragt es zurück. „Jupp!“ antworte ich und blicke nach vorne. „Ähm, guck mal!“ Ich bücke mich und habe einen Bernstein in der Hand, muss Tränen lachen, weil es so urkomisch ist. Mein Vorzeigemodell macht ein Foto, stellt es in die Familiengruppe. „Der ‚ravhund‘ (Bernsteinhund) hat zugeschlagen!“ Kurze Zeit später findet der „Fotograf“ eine kleine Handvoll ebensolcher Steine.

Der Wind weht uns um die Nase, der Kopf wird frei und eine angenehme Ruhe breitet sich in uns aus. Langsam beginnt es zu dämmern, und wir gehen an dem Restaurant namens Arche zurück ins Dorf ins Hotel.

Meeresluft macht hungrig, und es hat wieder zu regnen begonnen, also nehmen wir das Auto und fahren zum Restaurant Stilbruch. Über einer bekannten gastronomischen Sylter Kette liegt das charmante und urgemütliche Restaurant, das bekannt sein soll für Fisch- und Lammspezialitäten aus der Region. Wir nehmen Platz und schauen uns um. Der runde Raum ist dekoriert mit allerlei Trödel, nicht kitschig, einfach gemütlich. Wir entscheiden uns schnell: Schollenfilets mit Nordseekrabben und Rotkohl-Rote-Bete-Salat sowie Lammteller mit Würstchen und Koteletts – zu beiden Gerichten Bratkartoffeln. Glutenfrei – kein Problem!

Das Essen ist köstlich. Über die Nordseekrabben und das Schollenfilet wurde ein Schafsfeta gerieben, der mild und leicht säuerlich mit Fisch und Salat harmoniert. Ich könnte mich reinlegen!

Und auch das Lamm schmeckt fantastisch. Wir erfahren, dass der Käse in einer Bio-Schafskäserei gemacht wird – ganz in der Nähe, und beschließen, morgen einmal dort vorbeizuschauen.

Doch mich gelüstet es nach Nachtisch, und so gibt es den Friesentraum: Vanilleeis mit Pflaumenmus und einem Schuss Eierlikör, gekrönt von einer Sahnehaube.

Und die Waffel ist glutenfrei!

Mit gefüllten Bäuchen gehen wir zufrieden in unser Hotel. Der Regen pladdert immer noch gegen die Scheiben, es ist herrlich gemütlich!

„Und nun schlafe ich in meinen Geburtstag!“ sage ich und erwache am 7. Januar von Sonnenstrahlen. Was für ein Geburtstag!

Empfehlen kann ich Euch in SPO die Dünentherme. Ein Blick auf Dünen und Meer, wenn’s nicht so stürmisch und diesig aufzieht, wie dann mittags am 7. Januar.

Außerdem Die friesische Schafskäserei in Tetenbüll.

Ansonsten – raus an den Strand und ab ans Meer!

SPO – wir kommen wieder!

Ein Neujahrsspaziergang und ein Sturmbündel

Es stürmt. Der Regen prasselt an die Fenster, und ich sitze auf dem roten Cordsofa. Die Äste der Zaubernuss peitschen gegen die Regenrinne. Unsere beiden Mitbewohner zwutscheln zufrieden ihr Sittichliedchen nebenan. Sie haben das Geknalle und Geböllere gut überstanden. Ich habe noch nie Böller angezündet. Wunderkerzen, ja, Böller, Raketen – nein. Und so auch gestern nicht oder heute Morgen.

Viel lieber begrüße ich das neue Jahr, indem ich am späten Morgen einen Neujahrsspaziergang mache. Lang und ausgiebig, die Luft tief einatmen und sich zu fragen, wie das neue Jahr so daherkommt.

Wir hatten schon allerlei Wetter: Schnee, Glatteis, Eiseskälte. Heute: Sturm. Doch als wir – mein Vorzeigemodell und ich – heute durch die Eilenriede gingen, tat der Himmel uns einen Gefallen und wir blieben trocken. Die Sonnenstrahlen tauchten die kahlen Bäume in goldenes Licht. Und an einem Futterplatz konnten wir einen wunderschönen Buntspecht beobachten.

Fast automatisch setzten wir die Füße einen vor den anderen und erzählten, schwiegen, gingen unseren Gedanken nach, redeten und spazierten.

Nebenbei haben wir schöne, heruntergefallene Äste gesammelt. Wofür? Für einen Aststrauß. Ein Ritual aus den Rauhnächten, welches besagt, dass man am Neujahrstag Äste sammeln und zu einem Bündel zusammenbinden soll. Dieses Bündel soll dann als Schutz an einem Ort an Haus oder Wohnung gehängt werden, und dabei soll man sprechen: „Ich geb Dir Deins. Lass Du mir meins!“ Der Wind soll sich in den Ästen verfangen und damit spielen und nicht das Heim zerstören. Ein schöner Brauch, wie ich finde.

Und während ich hier so sitze, stürmt es. Und ich höre unseren dritten Mitbewohner. Auch ihm ist es zu stürmisch und regnerisch draußen: Randell, der Hausmarder, legt mal wieder eine Stippvisite ein. Und ich höre die kleinen Tatzen im Dachkasten trappeln.

Gleich werde ich die Äste bündeln und auf Æblerø oder Pæreø hängen.

Und dann bin ich gespannt, was dieses neue Jahr für mich, für uns bereithält.

Bleibt alle gesund und fröhlich!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄