Auf Pflanzen-Pirsch in der dänischen Heidelandschaft – Und plötzlich wird der Blick ganz weit

Früher, als ich noch klein war und mit meinen Eltern im Auto ohne Klimaanlage und ohne Anschnallgurte auf der Rückbank und ohne elektrische Fensterheber in den Urlaub fuhr, hatte ich am Tag vor der Rückreise immer eine ganz große Angst – ich hatte nicht genügend Meeresluft eingeatmet. Ich war mir sicher, dass ich den Duft von Meer und Salz nicht in ausreichendem Maße in meine Lungen gepresst hatte. Ich war noch nicht ausreichend durch die Heide gewandert, hatte noch nicht genügend Muscheln gesammelt, hatte noch nicht in zufriedenstellendem Maße dem Kiefernrauschen gelauscht. Kurzum: Ich war einfach noch nicht fertig mit Urlaub. Und so atmete ich noch kräftiger ein, noch tiefer, bis mir fast schwindelig wurde, legte mein Ohr noch dichter an die Holzwand des Ferienhauses, stromerte noch weiter in die Heidelandschaft hinein und suchte noch mehr Muscheln. Mit dem Ziel, genügend im Vorrat zu haben. Bis zum nächsten Mal.

Am Abfahrtstag selbst breitete sich immer eine gehörige Portion Übelkeit aus. Auch heute noch. War der Appetit in den letzten Tagen – gestärkt durch Meeresluft und ausgedehnte Spaziergänge – ausgeprägt, so war und ist er an diesem Tage eher verhalten.

Irgendwann entstand auch eine ganz eigene Zählweise der noch vor uns liegenden Urlaubstage. Hatte man 14 Tage gebucht und war am Samstag angereist, so hatte man am Samstag drauf nicht noch 7 Tage, nein, man hatte 14 Tage: 7 Vor- und 7 Nachmittage. Völlig logisch.

Zum Glück liegen noch einige wunderbare Urlaubstage vor uns, sodass an Abreise noch gar nicht zu denken ist.

Die Tage sind zudem lang. Die Sonne taucht erst in allen erdenklichen Rot-, Gelb- und Lilatönen um 22:30 Uhr ins Meer, und der Himmel ist so unglaublich weit. Um 23:30 Uhr gehen wir langsam ins Bett, nur um gegen 7:00 Uhr wieder die Augen zu öffnen. Es ist schließlich schon seit 3 Stunden hell.

Heute sind wir am Nachmittag – der dänische Sommer hatte morgens eine kurze Pause eingelegt – durch die angrenzende Heide- und Dünenlandschaft gewandert.

Schwarze Krähenbeere
Blut-Storchschnabel
Scharfer Mauerpfeffer (eine Sedum-Art)
Sand-Thymian
Gemeiner Hornklee
Ebenfalls: Gemeiner Hornklee
Kleiner Sauerampfer
Bunter Feld- und Wiesenstrauß mit echtem Labkraut, Grasnelken, Kornblumen und Acker-Gänsedisteln

Mittsommer/St. Hans-Kranz

Zugegeben – wir waren ein klein wenig mit Wildkräuter-App und Naturführer bewaffnet, aber das hat dem Entdecken keinen Abbruch gegeben. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel stellte den Blick scharf für das Kleine, Verborgene. Wir entdeckten plötzlich Grashüpfer

und Distelfalter.

Und so erfuhren wir mal so ganz nebenbei eine interessante Geschichte:

Das echte Labkraut, auch Bettstroh der Jungfrau Maria genannt – das in dem Strauß mit den sehr kleinen, gelben und rispenartigen Blüten – soll der Legende nach in der Krippe des Jesuskindes gelegen haben. Allerdings ist der Kern der Legende noch sehr viel älter: Bevor der christliche Glaube in Skandinavien verbreitet wurde, hat man das wohlriechende Labkraut mit der Göttin Freja verbunden. Freja ist die Göttin der Liebe. Die uralte Tradition besagte, dass das echte Labkraut auf das Bett einer Gebärenden gestreut werden sollte. Die Kirche indes war gegen diesen heidnischen Brauch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Schließlich stimmte sie zu, die Pflanze der Heiligen Jungfrau Maria zu widmen.

Klitzekleine „Kloge Ove“ (Klugscheißer)-Grüße sendet Euch Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Westsidestory: Nochmal Sylt, Strænd mit Milchreis und Katzensprünge

{Dieser Beitrag könnte Spuren von Werbung enthalten.}

Auf der Suche nach der Ursprünglichkeit fahren wir auf unserem Kurztrip mit dem Inselbus in Richtung Süden. In Erwartung wärmerer Temperaturen. Ein Katzensprung…

Doch in Hörnum braust der Wind ungebremst auf das Eiland, und egal, wo man steht – büschen Wind ist immer. Und so entscheiden wir uns für einen Spaziergang auf der Westseite der Insel, denn die Brise kommt aus Ost.

Vorbei an Inselbäckereien und beschaulichen Vorgärten, Massen lila Taubnesseln, und immer mit einem friesischblauen Himmel über uns und mit ein wenig Kaffeedurst im Gepäck. Plötzlich ein Schild: STRÆND. Mit dänischem „æ“. Hmm…Campingplatz. Soso…an den Strand wollen wir sowieso, dann können wir den Weg auch bereits hier einschlagen.

Und wir gehen vorbei an küstentypischen Lagerplätzen. Holzbuden für den Strandverkauf, vielleicht für Eis und Würstchen, Bojen, Taue. Alles wartet auf die Saison. Doch auch wenn die Sonne aus einem wolkenlosen Himmel hernieder lacht, der Wind ist tückisch. Wir schlendern weiter. Plötzlich taucht das „Strænd“ auf, liegt eingebettet vor den meterhohen Dünen und einem Übergang zum Strand. Große Fensterfronten, helles Interieur, irgendwie gemütlich. Wir suchen den Eingang, treten ein, werden freundlich begrüßt und suchen uns einen Platz an der Sonne.

Bei genauer Betrachtung des großen Raumes entdecken wir viel: Alte Bilder von Sylt, Postkarten in einem alten Messingbilderrahmen, Schultafeln. Auf dem Tisch Salz- und Pfefferstreuer aus Silber in Schwanenform.

Eigentlich wollten wir nur einen Kaffee, doch die Karte preist Fish’n’Chips an und mein Wohlfühlessen (neben glutenfreier Pasta) – Milchreis, mit Zimt und Zucker. Viel Zimt, drüber gestreut und schichtweise abgegessen, dann wieder eine dünne Schicht nachlegen. Hmm… und so werden aus zwei Pott Kaffee Fish’n’Chips und Milchreis.

Und wir kommen ins Gespräch, wie eigentlich immer. Das sprichwörtliche Schild an der Stirn. Das Strænd hat eine Geschichte, die noch nicht alt ist, aber verspricht, alt zu werden. Auf der Homepage des Bistros steht:

Wer nach Hause will, muss sich auf den Weg machen.

Ohne Losgehen kein Ankommen. Alles hat zwei Seiten.

Das Land endet, das Meer beginnt – Strand.

Wo eine Reise zu Ende geht, da fängt Zuhause an – Ankunft.

Zwei Hörnumer Jungs haben sich auf diesen Weg gemacht.

Und sind gemeinsam angekommen.

Am Ende einer Insel – Am Anfang einer langen Reise.

Willkommen zuhause. Am STRÆND in Hörnum.

Stolz können sie sein, die zwei Hörnumer Jungs. Denn hier findet man die Ursprünglichkeit. Unser innerer Kompass hat uns hier hingespült.

Wir werden träge, denn die Sonne wärmt. Auch in unseren Bäuchen wird’s warm. Doch wir wollen auch Strand, ohne Dänisch „æ“. Wollen Meeresrauschen und Steinchen springen, Muscheln sammeln und Wind.

Wir erklimmen die Dünen, und wir laufen, laufen, bleiben stehen, saugen die Luft ein. Bücken uns nach Muscheln und Steinen, blicken Möwen hinterher, halten das Gesicht in die Sonne.

„Someday, somehow, somewhere…“

Irgendwann biegen wir rechts ab, gehen durch einen Dünenweg durch die Heide.

Wir kommen raus in Rantum. Fast an der berühmten Sansibar. Der Himmel zieht sich zu, und wir gehen Richtung Bushäuschen. Haltestelle „Puan Klent“, was „Pauls Kliff“ bedeutet. Der Bus kommt, wir steigen ein und fahren gen Norden. Auch vom Südpol zum Nordpol ist’s nur ein Katzensprung, schwirrt es mir durch den Kopf.

Hier ist es kälter, rauher, und Regen kommt auf. Wir beobachten, wie die Sylt-Fähre anlegt und die Rømø-Besucher ausspuckt. Wie an einer Schnur rollen die Autos aus dem Bauch des Metallpotts. Und ist kalt, und wir wollen zurück. Zurück ins Hotel.

Wir werden – umgezogen und aufgetaut – abends belohnt. Eine pink-orange Sonne versinkt im Meer. Gute Nacht Sylt!

Astro-Alex und Gedanken zum Jahresende

Alexander Gerst – „unser“ Astro-Alex – ist mit Vollkaracho in der kasachischen Steppe angekommen. Im Sommer, zur Mondfinsternis an einem dieser Tage, an denen man das Schwitzprogramm versehentlich auf Endlosschleife gestellt hatte, zog er noch mit der ISS an uns vorbei, und wir brüllten wie die Bekloppten: „Ey, da ist der Astro-Alex! Haaaaalllloooooo!“

Gehört hat uns Astro-Alex sicherlich nicht, aber er hat die Augen genau aufgemacht. Wir Erdlinge sehen den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht, aber der Geophysiker, Astronaut und – Obacht – Vulkanologe hält eine Ansprache, die ich mir von unseren regierenden Häuptern schon so manches Mal gewünscht hätte. Astro-Alex schwebte in schwindelerregender Höhe im Weltall, aber war näher dran als es die Merkels, Seehofers, Gaulands, Scholz’s es jemals waren.

Da kannste eine Prachtstraße mit Leinwänden so groß wie Fußballfelder plakatieren, auf denen im stylischen Sepia-Design so ein Hagestolz im weißen Designerhemd auf seine Rolex schaut und damit ach so volksnah wirken will, weil er nicht wie die ganzen andren Hansel breit in die Kamera grinst, bringt nur nix. Ist nämlich nicht echt!

Astro-Alex hingegen hat Worte in die Welt gesetzt, die sich jeder Einzelne Mensch auf dieser Welt zu Herzen nehmen kann.

Eigentlich sollte es Pflichtlektüre sein für:

Jeden Staatschef und Tyrann

jeden Politiker

jeden Industrieboss

jeden Manager

jeden noch so kleinen vermeintlich popeligen Machthaber auf diesem Erdball.

Und jeder Schlachthofbesitzer, jeder Pharmakonzern, jede Lebensmittelindustrie, jeder Autobauer, jeder Smartphone- und Tablethersteller, die gesamte Rüstungsindustrie – die Liste ist unendlich – müsste verdonnert werden zuzuhören und was zu ändern. Verdammt, hört doch mal zu!

Astro-Alex, ich danke Dir! Mich hast Du mit Deinen Worten erreicht. Und mit meinen bescheidenen Mitteln trage ich einen Teil dazu bei, dass diese Welt schön bleibt und wieder schön wird.

Das, liebe Leserinnen und Leser, ist mein Vorsatz fürs Neue Jahr! Kommt gut rein in ein neues, spannendes Jahr und – ändert was. Kleine Kalenderweisheit: Auch ein Weg von 1000 Meilen beginnt mit einem ersten Schritt!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Frohe Weihnachten – God Jul – Merry Christmas – Joyeux Noël – Buon Natale

Für Jesus war kein Platz

In der Herberge.

Aber dort, wo er ist,

Entsteht Herberge für die Menschen.

Jesus hat um sich einen Raum geschaffen,

In dem sich Menschen verstanden und gehört fühlen.

In seiner Nähe wussten sie sich zugehörig zur Familie Gottes.

Da haben sie ihre menschliche Würde entdeckt.

Da entstand ein Raum des Vertrauens, in dem sie sich bedingungslos angenommen wussten.

(Anselm Grün)

Ich sitze in unserem bequemen grünen Sessel im Wohnzimmer. Und ich bin auferstanden von den Toten. Der erste Weihnachtsurlaubstag begrüßte mich mit Migräne – es hämmerte und ratterte in meinem Kopf, dieses Mal die linke Seite. Erst dachte ich, dass es nicht so schlimm ist, aber nach einigen Schritten in Richtung Küche sagten mir Kopf und Magen etwas anderes. Inzwischen habe ich ein Brötchen gegessen und mein persönliches Lebenselixier zu mir genommen: schwarzen Tee! Gern Assam. Nun duften meine frisch gewaschenen Haare, meine Kuscheljogginghose ist schön bequem und meine Füße stecken in dicken Socken. In Wollsocken! Eine Freundin von mir sagte einmal: „Menschen, die keine Wollsocken mögen, sind mir suspekt!“ Ich kann ihr da nur zustimmen.

Ich betrachte meine Füße in den bunten Socken und tue nichts anderes, als sitzen und schreiben. Und das ist schön.

Weihnachten kann kommen. Der Kühlschrank ist gefüllt – morgen müssen nur noch ein paar bestellte Sachen abgeholt werden. Und Montag das Brot. Was Brot angeht, bin ich wohl etwas paranoid. Weihnachten muss genügend Brot da sein! Es muss bestellt werden! Rechtzeitig! Ohne Brot geht’s nicht!

Und so werden wir uns am 24. in die Schlange derer einreihen, die Brot bestellt haben und abholen müssen. Wichtig!

Die Weihnachtszeit bei uns wird oft eingeläutet durch die Muppets Weihnachtsgeschichte mit Gonzo als Charles Dickens und Rizzo, der Ratte. Und natürlich Miss Piggy und Kermit als Ehepaar Cratchit mit dem Schweinefroschnachwuchs. Und Eberneezer Scrooge.

Die Scrooges dieser Welt sterben nicht aus. Nur leider scheinen sie sich nicht vom Geist der Weihnacht belehren zu lassen. Keine Mildtätigkeit, keine Nächstenliebe. In den Augen nur Gier und Niederträchtigkeit, manchmal sogar Hass.

Natürlich: zu Weihnachten drücken viele auf die Tränendrüse. Und wie soll die einsame Oma erkennen, dass der adrette Mann in Polizeiuniform ein Verbrecher ist? Sie nur um ihr Geld bringen will?

Früher, denke ich, waren Oma und Opa an Weihnachten dabei, saßen mit am Tisch, wurden dazugeholt. Meine Mama erzählt immer, dass ihr Vater nach dem Abendbrot an Heiligabend kurz nach draußen ging, um an den Ästen des Baumes vor dem Küchenfenster zu ziehen, sodass es ordentlich raschelte und ruckelte. Als er in die kleine Küche zurückkam, in der die sechs Kinder – teilweise mit Partnern und/oder bereits eigenen Kindern – saßen, hat er immer gesagt: „Kinder, ich glaube, der Weihnachtsmann war da!“

Und nachdem gemeinsam abgewaschen und anschließend aufgeräumt wurde, zog die Prozession ins Wohnzimmer. Jedes Kind, jeder – gern auch mal spontane – Gast bekam ein Geschenk. Alle wurden satt und waren willkommen.

Mein Patenonkel, stationiert in Bayern, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr – vermutlich am Münchener Hauptbahnhof – eine „verlorene Seele“ aufzugabeln, die das Weihnachtsfest dann an dem kleinen Küchentisch mit den vielen Geschwistern gefeiert hat. Aus aller Herren Länder – USA, Kolumbien, aus der Schweiz – wäre ein Marsmensch am Hauptbahnhof gestrandet, er hätte anschließend am Küchentisch gesessen, hätte Mohnstollen oder Kohlsuppe gegessen und Lieder gesungen. Und er hätte ein Geschenk bekommen, einen Platz zum Schlafen und Freude erfahren.

Diese Geschichten liebe ich. Sie sind Teil meiner Familie. Sie zeigen mir, wohin ich gehöre, warum ich die bin, die ich bin. Was mir wichtig ist und welchen Weg ich gehe – und warum.

Und dann denke ich an meinen anderen Opa, den ich kennenlernen durfte. Opa konnte am allerbesten Weihnachtsbäume schmücken. Er hat das gute silberne Staniollametta gebügelt und die alten Kugeln aus ihren feinen Schachteln geholt, sorgsam an die Blaufichte gehängt. Manchmal hat er auch Löcher in den Stamm gebohrt und Äste umgesetzt, damit der Baum gleichmäßig war. Und die Spitze wurde angespitzt, damit der Baum eine Spitze bekommen konnte. Und Wunderkerzen kamen an den Baum.

Opa hat meiner Mama auch ein paar blaue puschelige Hausschuhe geschenkt, als Papa sie offiziell vorgestellt hat. Das Mädchen darf doch keine kalten Füße haben! Opa war der Beste!

Auch diese Geschichte liebe ich!

Und ich würde sie gern alle versammeln an unserem Esstisch an Weihnachten. Eine lange Tafel mit all diesen Menschen. Denn hier ist Platz in dieser Herberge.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz

Und ein bisschen Vitriol…oder auch: Und was passiert, wenn Du was mit Gluten isst?

Was dem Sokrates sein Schierlingsbecher ist mir ein Krümel Gluten. Gut, okay liebe Pharmakologen, Oecotrophologen und Giftmischer – ich räume ein, dass der Verzehr von Glutenhaltigem bei an Zöliakie erkrankten (kurz: Zölis) keine an den Füßen einsetzende Lähmung sowie an- und irgendwie dann ja auch abschließenden Atemstillstand hervorruft, ABER…

Stellen Sie sich einfach vor, Sie essen mir nichts, Dir nichts ein als glutenfrei gekennzeichnetes Scheibchen scheinbar harmloses Brot, belegt mit Käse dazu gar trefflich garniert. Eine Stunde später wissen Sie nicht mehr, wo unten und wo oben ist, d. h. nein – Sie wissen ziemlich genau, wo unten und wo oben ist. Denn mit äußerster Präzision knien Sie vor der Porzellanschüssel Ihres Lieblingscafés und erhalten die Haltungsnote 9,0 während Sie kurz vorher nahezu spielerisch mit der rechten Hand den Deckel hochgeklappt haben. Und dann: Vollstorno!

Und all das, was es nicht ans Tageslicht geschafft hat, geht den Weg durchs finstre Tal. Kurze Zeit später, die Haltungsnote ist nun nicht mehr so gut.

Walle, walle manche Strecke bis zum Zwecke Wasser fließe…

Wasser. Aus jeder Pore.

Von der Stirne heiß rinnen muss der Schweiß.

Warum ich gerade in dieser Situation Dichter und Denker rezitieren muss, rührt bestimmt vom Selbsterhaltungstrieb. Irgendwie muss man sich ja ablenken und nicht daran denken, dass dies echt ein beschissener Urlaubsauftakt ist – im wahrsten Sinne.

Vor der Toilette hat sich sicherlich eine Schlange gebildet. Ich bin dankbar über Desinfektionsmittel, ausreichend Handtuch- und Toilettenpapier, meine Mama, die mir cool und vollkommen ruhig zur Seite steht – und über ein gut funktionierendes Abluftsystem.

Ich hatte Kartoffelsuppe bestellt, denke ich, und schon gehts wieder los. Zwischendurch wechsele ich in Windeseile meine Gesichtsfarbe: Weiß, Rot, Grau…Weiß…

So zeigt die Autoimmunerkrankung mal so richtig, wo der Hammer hängt und haut nochmal mit Schmackes in Richtung Zwölffingerdarm. Und wieder auf Start.

Das – liebe Zweifler, liebe „ach so’n bisschen kann ja nicht so schlimm sein“-Sager, liebe Ignoranten, liebe Besserwisser, liebe Wunderheiler, die Ihr uns Zölis durch Handauflegen und Globuli von unserem Gendefekt heilen wollt – DAS passiert, wenn wir Gluten zu uns nehmen. Und nein, wir wollen uns nicht mit kleinen Dosen gegen das Klebeeiweiß immunisieren, wir haben eine Autoimmunerkrankung! Wir haben einen Schlauch geschluckt und da hat man Gewebe entnommen. Bei den meisten von uns konnte man da schon sehen, dass die Zotten abgeflacht waren, keine Zotten = weniger/keine Nährstoffe. Doof.

Wir haben keine Bulimie, wir kotzen und scheißen uns die Seele aus dem Leib, wenn wir Glutenhaltiges zu uns nehmen. Und – nein – Dinkel ist glutenhaltig!

Und nein – Gluten verschwindet nicht beim Backen! Es ist auch kein Geschmacksverstärker! Und mir ist es egal, ob Sie jemanden kennen, der jemanden kennt, der eine Tochter hat, die eine Bioresonanz-Behandlung gemacht hat und „nun wieder alles essen kann – wirklich“.

Bis vor einigen Jahren ging man davon aus, dass im Durchschnitt etwa einer von 1.000 bis 2.000 an Zöliakie erkrankt sind. Heute ist es einer von 100.

(Mehr Informationen: Deutsche Zöliakie Gesellschaft)

Was machen Sie nun mit diesen Informationen?

Entweder Sie fragen mich oder Sie lesen sich auf den korrekten Seiten schlau oder beides! Aber: Zöliakie ist keine Modeerscheinung, Zöliakie ist ein Krankheit.

2017 – ein Gedanke

Eigentlich ist es noch gar nicht Zeit, einen Rückblick auf 2017 zu wagen. Eigentlich hat das Jahr noch zwei Tage. Und einer dieser Tage ist beladen mit Vorsätzen, Hoffnungen und Wünschen für ein neues Jahr. Eigentlich müsste dieser Tag ganz gebeugt sein unter der Last der Erwartungen und Sorgen und Hoffnungen. Alles auf ihn, auf diesen Tag!

So wie ich vor einem Jahr den großen Reinhard Mey zitierte in Kleiner Silvestertag – so denke ich immer noch und blättere durch meine Blogartikel-Entwürfe und bleibe bei einem hängen. Und der geht so:

Der Dachlattenmann ist wieder aufgetaucht – und er hat seine Brüder mitgebracht oder Schwestern, wer weiß das schon so genau. Er hat seine perfide Zuschlagtechnik perfektioniert, hat gewartet. Im Glückszustand hat er dann zugeschlagen. Tief, ganz tief – nicht in die Magenkuhle, nein, mitten ins Herz hat er geschlagen, gestochen und wieder zugeschlagen. Und dann zog er vondannen. Die Seele wund, das Herz eckig, die Nerven taub.

Mit den Tränen kam der Schlaf.

Grippeartige Symptome, kein Gehen – eher ein Wanken. Das Schiff pflügt sich durch die sturmumtoste See, die Wellen meterhoch. Ich versinke. Ein luftleerer Raum, alles dumpf. Ich falle wieder in den Schlaf. Schlafen – nur schlafen.

Ferngesteuert, wie aus weiter Ferne Stimmen. Essen? Vergessen.

Dann plötzlich – tauche ich auf, dringe durch die Blase, stoße durch die Oberfläche, hole Luft. Gierig sauge ich den Sauerstoff ein.

Leben – bist Du das? frage ich zaghaft.

Hallo! sagt es und ergreift meine Hände, zieht mich aus dem Wasser, legt mich an den Strand in die sanfte Brandung.

Ich komme auf die Füße, höre wie im Nebel, stehe langsam auf, schaue mich um.

So, denke ich, so…

Das Leben also…

Hast mich zurecht gerückt.

Hast mir Familie und Freunde geschickt.

Hast mir den Liebsten zur Seite gestellt.

Hast dem Dachlattenmann gesagt, dass er gehen darf, gehen soll.

Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit…

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Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit? Neues Jahr, was hast Du für uns parat?

Peter Pan – eine wundersame Reise

Und die verlorenen Jungs sprachen: ‚Liebes Wendyfräulein, für dich haben wir dieses Haus gebaut! Bitte sei unsere Mutter!‘ 

Und die zauberhafte Wendy entgegnete: ‚Oh, das beeindruckt mich schon sehr, aber ich habe keine einschlägigen Erfahrungen!‘ 

Doch die verlorenen Jungs fragten: ‚Kannst du Geschichten erzählen?‘ 

Und Wendy antwortete: ‚Ja‘

So beschlossen die verlorenen Jungs: ‚Dann bist du perfekt!‘

Ich liege auf meinem wunderbaren roten Cordsofa, eine Wärmflasche im Rücken, meine kuscheligen Socken an den Füßen und denke nach. Das Licht von Kerzen und Teelichtern taucht unser Wohnzimmer in gemütliches Licht, lässt alles sanft erscheinen. Doch ich – bin nachdenklich. Ich habe gerade einen Artikel gelesen über Familien, die ein Kind mit einer Behinderung haben. Und ich bin wütend! Wütend auf unsere Gesellschaft, wenn ich in den Interviews lese, was für Frechheiten sich manche Menschen herausnehmen. Fassungslos, dass es Menschen gibt, die keine Handbremse haben, sondern den Müttern und Vätern ins Gesicht sagen, dass ’sowas in unserer Zeit hätte vermieden werden können‘. Da bleibt mir echt die Spucke weg!
‚Sowas‘ ist 7, 8, 18 Jahre alt. ‚Sowas‘ ist ein Mensch! ‚Sowas‘ ist Teil unserer Gesellschaft! Verdammt! 

Leider wird Behinderung in unserer Welt auch als Schimpfwort gesehen…

Überhaupt halten wir uns doch mit Bezeichnungen, Einstufungen, prozentualen Berechnungen viel zu sehr auf. 

Doch um noch einmal darauf zurückzukommen: Wer hat hier eigentlich die Behinderung?

Der Mensch, der die Eltern des Kindes mit Down-Syndrom beschimpft oder das Kind mit Down-Syndrom?

Die Familie mit den autistischen Kindern, die in der Schule dafür kämpft, dass ihre Kinder unter denselben Voraussetzungen dasselbe lernen können, wie alle anderen Kinder auch oder die Familie, die sich darüber beschwert, dass ihre Tochter oder ihr Sohn neben dem autistischen Kind sitzen muss?

Die junge Erwachsene, deren zahlreiche Behinderungen, die man aber „leider“ nicht in Schubladen stecken kann, beim Bäcker von der Verkäuferin mit dem Rückgeld beschissen wird oder die Verkäuferin, die sich mit süffisantem Lächeln das übrige Geld in die Hosentasche steckt?

Ich bin wütend, weil diese Geschichten so passieren. Weil unsere Freunde vor diesen Problemen stehen. Weil unsere Freunde ’solche Kinder‘ haben! Und weil ich diese Freunde mit genau diesen Kindern genau so lieb habe! 

Und ja: auch wenn Ihr es manchmal nicht mehr hören könnt! Ich ziehe meinen Hut vor Euch! 

Integration, Inklusion! Pah – Schall und Rauch, Worthülsen! 

Ein Nimmerland, ein LaLaLand, ein Land mit einer Geschichtenerzählerin, die die in unserer Gesellschaft verlorenen Jungs und Mädchen in die Arme nimmt – das braucht es! 

Dieser Blog ist eigentlich genau genommen ein Food-Blog, ein Blog, in dem es auch ums glutenfreie Reisen und um Seligkeitsmomente geht. Aber es ist auch ein Glückpilz-Blog, und ich bin glücklich, dass ich so viele verschiedene Menschen kenne, einen Teil davon meine Freunde nennen darf und die mich bereichern, und dabei ist es mir scheißegal, ob sie autistisch sind, schwarz, weiß, homo-, bi- oder heterosexuell, Asperger, ADHS oder was weiß ich haben! 

Ich bin ein Glückspilz, weil Ihr meine Freunde seid! Weil Ihr mein Leben bereichert!