Leipzig, zweiter Akt – oder auch: Der Winter geht nicht, ohne einen Blick zurückzuwerfen

Ich bin müde. Nächte in fremden Umgebungen. Draußen schneie es immer noch, sagt mein Vorzeigemodell. Er ist erstaunlich gut aus dem Bett gekommen und war schon in der Winterlandschaft, draußen, vor der Tür.

Eigentlich bin ich eine Lerche. Frühes Aufstehen fällt mir eigentlich leicht. Heute nicht. Beim Frühstück im Gastraum unserer Pension kehren die Lebensgeister langsam zurück. Doch kein Lebenselixier, kein schwarzer Tee in Sicht.

Als wir uns wieder auf den Weg zur Messe machen, muss es ein Tee im Pappbecher sein. Gierig, ich verbrühe mir Mund und Gaumen, schlürfe ich die heiße Flüssigkeit und werde wacher. Leipzig liegt unter einer dicken Decke aus Schnee und Eis. Ellenlange Eiszapfen hängen an den Altbauten, Straßenbahnen stecken fest, die Fahrbahnen sind vereist. Der Hauptbahnhof sei gesperrt. Dazu weht ein eisiger Ostwind, Flocken fallen vom Himmel, der ist eisgrau. Die Fahrt entpuppt sich als Schlitterpartie. Die Parkplatzanweiser der Messe sind dick vermummt, nur noch ein Sehschlitz lässt knallrote Haut erkennen und Augen erahnen. Wir parken in einer Schneewehe, schnappen unsere dicken Jacken, stapfen los. Cos-Player in Anime-Kostümen – hauchdünn und vollsynthetisch – in Ballerinas und mit nackten Beinen kommen uns entgegen. Ich friere bei dem Anblick noch mehr. Doch den ganzen Elsas, Harley Quinns und was weiß ich was, scheint die Kälte nichts *Achtung Wortspiel* anzuhaben.

Wir möchten nur in die Halle, die wir gestern nur touchiert haben. Die „Länderhalle“, Partnerland Rumänien, aber auch andere Länder haben sich die allergrößte Mühe gegeben, die Literatur ihres Landes zu präsentieren. Äußert spannend, sehr ansprechend. Kinderbücher befassen sich mit ähnlichen oder gänzlich anderen Themen. Man kommt ins Gespräch, lauscht einer finnischen Lesung. „Finnisch,“ so die Übersetzerin, „klinge ein bisschen, wie wenn man sich den hintersten linken Backenzahn mit Zahnseide reinigt.“ Und dabei versucht, dem Liebsten mitzuteilen, dass er doch bitte noch Milch und Brot mitbringen solle, füge ich in Gedanken hinzu.

Nebenan die nordirischen Länder. Hygge und Lykke, Astrid und Håkan, Hans-Christian.

Und Österreich. Irgendwie duftet es hier verführerisch, untypisch für Messeduft. Es riecht irgendwie nach Mehlspeisen und Sachertorte – oder spielt mir mein Hirn hier gerade einen Streich, weil ich die österreichische Flagge gesehen habe?! Vorsichtig spähe ich unter den Tisch und erblicke tatsächlich ein verdächtig selbstgemacht aussehendes Kuchenstück. Der Österreicher ist mir sofort sympathisch, meinem Mann scheinbar auch, denn er fällt mit ihm in schallendes Gelächter. Ich höre Worte wie „das bisschen Schnee“ und „Ihr habt’s doch gar keine Berge“.

Allerdings muss man sagen, draußen an den Scheiben der verglasten Übergänge von Messehalle zu Messehalle werden die Eiszapfen abgeschlagen. Teuflisch spitze Geschosse, die von den Glasbögen hängen.

Und es füllt sich. Das gemütliche Treiben von gestern weicht dem für eine Messe so typischen Drängen, Drücken, Schieben und Schubsen. Noch zwei Anlaufstellen, so beschließen wir, dann geht’s hier raus.

Als wir endlich den Ausgang erreichen, wickeln wir uns wieder in unsere dicken Jacken, stapfen zum Auto. Die Straßen sind immer noch nicht frei. Die Tiefgarage in der Leipziger Innenstadt, in der wir parken, steht unter Wasser. Die Autos enteisen, dicke graue Schnee- und Eisbrocken lösen sich in rasender Geschwindigkeit auf, Seenlandschaften auf dunkelgrauem Asphalt. Aqua Alta – nur nicht in Venedig. Um zum Aufzug zu gelangen, benötigt man eigentlich Gummistiefel.

Wir haben Hunger und steuern Leipzigs wohl berühmtestes Restaurant an: Auerbachs Keller. Auerbachs Keller liegt in der Mädler Passage der Leipziger Innenstadt. Was vielleicht ein wenig seltsam anmutet, entpuppt sich als würdiger Ausklang für eine Buchmesse.

So sagt man:

„Wer nach Leipzig zur Messe gereist,

Ohne auf Auerbachs Hof zu gehen,

Der schweige still, denn das beweist:

Er hat Leipzig nicht gesehn.“

Und was soll ich sagen? Es war ganz wunderbar. Im Großen Keller sitzt man ein wenig wie im Bahnhofsatmosphäre – die gegenüberliegenden Weinstuben haben aus meiner Sicht etwas gemütlicheres – aber die Vielzahl an bunten Wandbildern aus Faust-Szenen, das alte dunkle Holz, der schöne Eingangsbereich und das fürsorgliche und sehr freundliche Personal machten dieses Mini-Manko wett. Auch hier: glutenfrei? Kein Problem! Einige Bewertungsportale im Internet äußern sich sehr kritisch, ich jedoch muss die Hilfsbereitschaft, aber vor allem die Kompetenz bei der Auskunft ausdrücklich loben.

Gestärkt, aufgewärmt und etwas energetischer schlittern wir zurück zum Auto. Es schneit. Wen wundert’s. Etage -3 des Parkhauses wurde in der Zwischenzeit in „Leipziger Seenplatte“, Ausstieg in Fahrtrichtung links. Das Positive ist, dass nun der Sensor unseres Autos nicht bei Tempo 30 und weniger anfängt zu piepen, weil er denkt, dass wir kontinuierlich einparken wollen, denn auch dieser dicke Eisklumpen war – Etage -3 sei Dank – endlich abgetaut.

Und das Fräulein Fliegenpilz wäre nicht das Fräulein Fliegenpilz, wenn es mit ihrem Angetrauten nicht doch noch einen Flohmarkt besucht hätte…aber darüber berichte ich ein anderes Mal!

In diesem Sinne – bleibt neugierig, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Leipzig – Frühstück, Buchmesse, Abendessen, Repeat

Freitagmorgen. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und blicke auf meinen Wecker. Er ist rosa und piept mir ein Liebeslied. Im Bett ist es noch so kuschelig, und draußen ist es so unbehaglich dunkel. Ich schwinge dann doch die Beine aus dem Bett, tappe ins Bad. Mein Vorzeigemodell macht Tee. Es geht heute nach Leipzig. Ein lang gehegter Wunsch geht in Erfüllung: Buchmesse! Eintauchen in fremde Welten, Abenteuer. Horizonte erweitern, Neues entdecken. Der Geruch eines neuen Buches: unbezahlbar! Eau de livre! Ich freu mich wie verrückt.

Der Wind ist eisig kalt und weht uns hart ins Gesicht, als wir gen Auto gehen und die Koffer – einer ist leer und für die Schätze reserviert – ins Auto hieven. Es soll schneien, haben sie im Radio gesagt. Krümeliger Schneeregen kommt uns dann auch etwa 70 km vor Leipzig entgegen. Das bleibt eh nicht liegen, denken wir, doch wir sollten irren. Ab dem frühen Mittag – wir sitzen noch im schönen Café Grundmann und verspeisen ein leckeres Frühstück – schneit es dicke Flocken.

Ein bisschen Leipzig, ein bisschen Wien – dieses Flair weht durch den mit dunklem Holz vertäfelten Raum. Frühstücksduft wabert umher, Kaffee, Eier mit frisch gebratenem Speck, Orangensaft. Unser Tisch ist so klein, dass wir in Etappen essen, doch es ist gemütlich und irgendwie beschaulich, obwohl die Hütte voll ist und die Bedienungen Tablett um Tablett in den Gastraum tragen. Die glutenfreien Brötchen sind köstlich, herrlich weich und duftig, schmecken zu süßem und herzhaftem Belag. Die Eier im Glas sind wachsweich und ausgesprochen lecker, Oliven und Kapernäpfel auf meinem Frühstücksteller „Barcelona“ sind von bester Qualität. Mein Vorzeigemodell bestellt das „Dublin“ und ist sichtlich zufrieden.

An unserem Nachbartisch sitzen drei Geschäftsleute, gegenüber hat Mutti zum Geburtstagsfrühstück geladen und lässt sechs Gläser Sekt kommen – Chin Chin!

Und draußen – fällt der Schnee in dicken Flocken.

Auf unserem Weg zur Pension im nahegelegenen Markkleeberg legt sich das winterliche Weiß schon auf Äste und Büsche. Wir trotzen Väterchen Frost, ziehen uns ein Mäntelchen über und fahren zur Messe. Inzwischen liegen 5 cm Neuschnee. Der Wind bläst eisig, doch in den Messehallen ist es warm. Zum typischen Papiergeruch mischt sich der Geruch von nicht ganz frischem Bratfett und billigen Pommes, süßen Crêpes und Asia-Nudeln. Nicht besonders appetitlich. Doch mit den ersten Ständen kleiner Verlage, den ersten Gesprächen mit Autoren, Herausgebern und Illustratoren ist die olfaktorische Untermalung vergessen. Ich tauche ein wie ein Apnoetaucher in die Tiefsee, ohne Atemgerät, verlangsamter Puls, völlige Aufnahmebereitschaft, die Sinne aufs Schärfste eingestellt.

Kostbarkeiten für den Kopf sind an jeder Ecke zu entdecken; manche liegen etwas verborgener. Es lohnt der zweite, der genauere Blick. Klassiker kindgerecht aufgearbeitet und detailverliebt illustriert, Kochbücher – heutzutage inflationär auf den Markt geschüttet – an den kleinen Ständen jedoch eine kleine, feine Auswahl. Und dazu ein nettes Gespräch, ein Austausch, Blättern im Ansichtsexemplar, und dann doch Technik: das Smartphone gezückt, ein Foto gemacht, ein Lesezeichen eingelegt, ein Eselsohr geknickt. „Schau mal hier! Sieh mal dort! Kennen Sie auch? Wie fanden Sie dies?“ Ein junges Mädchen steht neben mir an einem Aufsteller Hamburger Lesehefte, durchkämmt mit ihrer Freundin die Klassiker. Reclam sei ihr zu Gelb, verkündet sie vehement, doch äußerst charmant und sehr zur Belustigung der Umstehenden.

Wir ziehen weiter, Gang durch Gang, Ecke um Ecke, Reihe durch Reihe. Mein Vorzeigemodell entschließt sich zwischendurch den Trolly aus dem Auto zu holen und kehrt ohne ihn wieder. Mein fragender Blick scheint ihn über die Köpfe der Menschen zu erreichen:

„10 cm Neuschnee und eisiger Wind!“ ist seine Antwort.

Als wir in die nächste Halle gehen, sehen wir die schönste Schneelandschaft, die man sich auf einem Messegelände vorstellen kann. Die hässlichen Absperrgitter sind gekrönt vom funkelnden Weiß, alles ist etwas stiller, leiser und sauberer. Ich träume von einem gemütlichen Sessel vor dem Kamin, meine Ausbeute neben mir ausgebreitet und ein dampfender Becher Tee neben mir. Doch diesen Gang nehmen wir noch mit, sparen uns die letzte Halle für morgen auf, stapfen durch den Schnee zum Auto. Das trägt Schneehaube und hat eine dicke Eisschicht unter den Flocken. Auf den Straßen schlittern wir sachte um die Kurven, erahnen unsere Fahrbahn mehr, als dass wir sie sehen, suchen im Leipziger Kiez einen Parkplatz irgendwo parallel zur Karl-Liebknecht-Straße.

Wie auf Eiern hinken und schlittern wir über den Bürgersteig, öffnen die Tür des ersten Cafés und werden leider enttäuscht: kein freier Platz, es ist Messe.

Als wir wieder draußen in der schneidenden Kälte stehen, spricht uns ein junges Mädel an, ob sie uns helfen könne. Wir faseln von Hunger und Durst und glutenfrei und bekommen kurzerhand zwei Tipps, landen dann in der Symbiose und werden belohnt.

Leipzigs Veganer Treffpunkt ist unglaublich gemütlich, herrlich warm, und es duftet köstlich. Die Speisekarte ist in alte Bücher vom Flohmarkt geklebt, also wähle ich aus „Bildband Brasilien“ den Lupinenburger mit glutenfreiem Brötchen, der Göttergatte die Wirsinglasagne aus „Schloss Sanssouci“. Dazu gibt es Tee aus Nanaminzeblättern und eine Proviant-Spezi. Wir tauen auf, dann freuen wir uns über das köstliche Essen.

Unsere charmante Kellnerin entschuldigt sich für das glutenfreie Brötchen, doch ich finde es ziemlich gut, das Chutney herrlich würzig und die Kàsecreme kräuterig. Die Wirsinglasagne mit Tomaten-Sojahackfüllung duftet verführerisch. Ich spieße meine Gabel hinein und finde auch dieses Gericht grandios. Nach der ersten Kanne Pfefferminztee bin ich aufgetaut und freue mich über den glutenfreien Nachtisch – glutenfreier Buchweizen-Beeren-Crumble mit einer ordentlichen Prise Zimt.

Mit unserer Sitznachbarin aus München kommen wir ins Gespräch und tauschen uns über Sehenswürdigkeiten unserer Wohnorte abseits der touristischen Pfade aus. Schnell werden Papier und Stift gezückt, die Tipps notiert. Das Blut ist derweil in den Bauch gerutscht, die Augen werden müde, der Kopf schwer – wir müssen noch zurück durch den Schnee. Und es hört nicht auf zu schneien.

Als wir in unserer Pension ankommen, heißt es nur noch:

Dusche, Schlafanzug, Bett.

Der Fernseher wiederholt eine Sendung von Hape Kerkeling. Es endet mit „Hurz“.

„Der Wolf. Das Lamm auf der ‚verschneiten‘ Wiese!“ denke ich.

Halb lachend sinke ich in den Schlaf… morgen ist ein neuer Tag.