Rosenblütengelee

„Haben wir im Urlaub gemacht!“ antworte ich und nicke dabei strahlend. Die Reaktion sind meist fassungslose Blicke. „Im Urlaub?“ kommt die ungläubige Frage dann. „Ja!“ erwidere ich, und mein Lächeln wird dabei noch breiter. Während ich das Glas in die Strahlen der untergehenden Abendsonne halte und fasziniert bin von der rosa-goldenen Farbe. Den Sommer eingemacht, konserviert, in ein Glas gegossen, verschlossen, aber doch sichtbar, sorgfältig beschriftet in geschwungenen Lettern. Rosenblütengelee.

Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir, die großen grünen Büsche mit unzähligen, meist pinkfarbenen Blüten. Die Kartoffelrose ist eigentlich nicht dort beheimatet, fühlt sich auf dem dänischen Boden allerdings sauwohl. Von Kindheit an verbinde ich den Duft der Rosen mit Sommerurlaub. An den Ferienhäusern waren meterhohe Hecken, derer man kaum Herr werden konnte. Seit ein paar Jahren wird die Kartoffelrose ein wenig in ihre Schranken gewiesen. Die Böden sollen sich erholen. Und so sieht man die Rosen zwar immer noch zahlreich, allerdings ist sie nicht mehr ganz so stark präsent.

Ich erfreue mich jedenfalls an einigen großen Büschen, die um unser Ferienhaus stehen und schneide von der pinken Pracht ein paar Zweige ab, stelle sie in einen kleinen Krug, den ich in den Schränken des Ferienhauses finde.

Wunderschön sieht das aus und duften tut es. Sommerurlaub! Mein Gehirn ist im Entspannungsmodus. Womit wir wieder beim Rosenblütengelee wären. Einkochen ist Meditation. Man reiche mir einen Eimer Johannisbeeren, zehn Kilo Bohnen, Erbsen – ich entrispe und putze sie. Obst- und Gemüse-Yoga.

Und so geht mein Vorzeigemodell an einem dieser entspannten Tage in den frühen Morgenstunden an einen dieser Rosenbüsche und pflückt etwa 1 l Rosenblüten. Pfeift dabei ein Lied und kommt strahlend zurück. Ich grinse ihn an. „Na?“ frage ich. „Sommerurlaub!“ sagt er. Da kann ich ihm nur zustimmen.

Rezept für ca. 7 Gläser Rosenblütengelee

Ihr braucht:

    1 l duftende Rosenblüten (dabei ist es im Prinzip egal, ob Ihr die dänische Kartoffelrose nehmt oder eine andere wohlriechende Rose)
    500 ml Wasser
    400 ml Apfelsaft
    Saft einer halben Bio-Zitrone
    1 kg Gelierzucker 1:1
  • 500 ml Wasser mit 400 ml Apfelsaft mischen und die Blütenblätter dazugeben. 24 Stunden an einem kühlen, trockenen Ort ziehen lassen (nicht im Kühlschrank!).
  • Die Rosenblüten am nächsten Tage aus der Flüssigkeit fischen.
  • 750 ml von der Flüssigkeit abmessen, den Saft der Zitrone hinzufügen und alles in einen großen Kochtopf geben. Den Gelierzucker hinzufügen.
  • Zum Kochen bringen und unter ständigem Rühren zum Gelieren bringen.
  • Noch heiß in vorbereitete Gläser füllen. Fertig!
  • Das Rosenblütengelee schmeckt auch köstlich zu kräftigem Käse.
  • Probiert es mal aus!
  • Herzliche Grüße von Eurem
  • Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄
  • Von Gram Slot, Sankt Hans und einem köstlichen Omelette

    Wir hatten Urlaub, mein Vorzeigemodell und ich. 14 wundervolle Tage. 14 Tage mit bestem Wetter.

    An einem dieser Abende sitzen wir auf unserem Sofa in unserem dänischen Ferienhaus und schauen abwechselnd Prospekte an und aus den Fenstern, die bis auf den Boden reichen. Blick auf die Dünen und den endlos weiten Himmel. Zugegeben – das Possesivpronomen hat nur eine 14-tägige Gültigkeit. Doch diese 14 Tage ist es eben unser Haus, sind es unsere vier Wände, ist es unser Sofa und unsere Terrasse.

    Gestern waren wir schwimmen in der Nordsee. Es kostete keine Überwindung, denn der ablandige Wind und die 33 Grad sorgten dafür, dass man ohne zu zögern in die spiegelglatte Nordsee tauchte, sich irgendwann auf den Rücken drehte und sich treiben ließ.

    Über Nacht kam dann der Temperatursturz. Heute Wind, viel Wind und 16 Grad. Wir schmeißen den Kamin an und sitzen da, schauen auf die Flammen, ins aufgeschlagene Prospekt, nach draußen in den Himmel und die Sonne, die einfach nicht untergehen will. „Lyse nætte“ nennen die Dänen das, helle Nächte. An Sankt Hans Aften, also am 23. Juni, standen wir alle ums Feuer und sangen die „Midsommervisen“. Barfuß in kurzen Hosen – alles Sommerverliebte, alle gleich und alle in Einigkeit. Let‘s hygge beschreibt es so: „Ganz Dänemark versammelt sich zur Dämmerung am Strand, zündet ein Feuer an, singt ein Lied, trinkt ein Bier, schaut zu wie die Hexe brennt, trinkt noch ein Bier, und geht wieder nach Hause.“ Aber das Wichtige ist doch – die Menschen einigt die Zeremonie, das Beisammenstehen, das Singen.

    Kurze Zeit später erhielten die Abiturienten in Dänemark ihre „Abschlusskappen“. Zum bestandenen Abitur wünscht man sich auch „Tillykke med huen“. Denn jede(r) Reifegeprüfte erhält eine schicke Kappe mit eingesticktem Namen.

    Bild von Mousse and Pen Illustration

    Am Tag drauf ist das Thermometer wieder auf die 23 Grad geklettert, und wir haben uns für einen Besuch des Gram Slot entschieden. „Sollen wir ein Schloss kaufen, Schatz?“ soll die Frage gewesen sein, die der Schlossherr seine Frau (oder auch umgekehrt) im Jahr 2007 halb im Spaß, halb im Ernst gestellt haben soll.

    Gram Slot stand für 25 Jahre leer. Es sollte wieder mit Leben gefüllt werden. Und nun – nach einiger Zeit – erstrahlt das Schloss im Herzen Sønderjyllands im neuen Glanz. Kein pompöses Schickimicki. Nein! Gram Slot wird buchstäblich genutzt. Ein lebendes Kulturerbe sozusagen, in dem viele verschiedene Events stattfinden: Konzerte, Festivitäten, Kurse und Konferenzen. Aber nicht nur das: Gram Slot betreibt Landwirtschaft in großem Stil – biologisch!

    In dem großen Hofladen mit Café gibt es Mehle verschiedenster Sorten, Kaffee und Säfte ne Öle.
    Die Familie lebt im ältesten Flügel des Schlosses – dem Ostflügel – um 1470 erbaut. Süd- und Westflügel sind öffentlich zugänglich und werden für die Veranstaltungen und für Führungen genutzt.

    Im Café selbst herrscht angenehm ruhige Trubeligkeit. Wir schauen in die kleine, aber feine Karte und entscheiden uns nach kurzer Beratung mit der herzlichen Bedienung für Carpaccio und Omelette. Das Omelette ist glutenfrei. Um sicherzustellen, dass bloß kein Malheur passiert, brüllt die freundliche Dame aber nochmal in die Küche: „Omeletten skal være glutenfri! Pigen kan ikke tåle gluten!“

    Und das Mädchen, das kein Gluten tolerieren kann, erhält eine fantastische Portion eines glutenfreien Omelettes.

    Herrlich ist es dort. Inzwischen füllt es sich langsam mit Menschen unterschiedlichen Alters. Manche möchten Kaffee, andere einen Happen Herzhaftes.

    Wir schlendern hinaus, gehen an den Getreidefeldern vorbei, an dessen Rändern Kornblumen stehen. Es fühlt sich an wie früher, als man als Kind durch die Felder gelaufen ist.

    Nun sind wir zurück aus der Herzensheimat. Eine Woche ist schon wieder rum. Und Omelette gab’s heute. Ein Käse-Schinken-Omelette à la Gram Slot.

    Rezept

    • 3 Bio-Eier
    • Salz und Pfeffer
    • etwas Sahne
    • 2 Scheiben Bio-Kochschinken, in Streifen geschnitten
    • gewürfelten Käse, z. B. Comté oder Nordseekäse oder ähnlichen würzigen Käse
    • Öl für die Pfanne und für den Salat
    • Essig
    • etwas Salat
    • ein paar Tomaten
  • Schneidet den Salat klein, teilt die Tomaten und gebt alles in eine Schüssel. Gebt Essig und Öl darauf und ein paar der Käsewürfel. Vermengt alles und stellt es beiseite.
  • Schlagt die Eier in einer Schüssel auf. Gebt Salz und Pfeffer nach Belieben dazu, ebenfalls einen Schuss Sahne. Vermengt alles mit einem Schneebesen.
  • Gebt Öl in eine Pfanne. Wenn das Öl heiß ist, gebt die Eier hinein. Lasst das Ei bei kleiner Hitze stocken. Auf die eine Hälfte gebt Ihr Käse und Schinken. Klappt das Omelette zusammen und versucht, wenn es recht fest ist, in der Pfanne zu drehen.
  • Teilt das Omelette in der Mitte und richtet es mit dem Salat auf den Tellern an!
  • Vel bekomme!
  • Es grüßt Euch herzlich Euer

    Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Auf Pflanzen-Pirsch in der dänischen Heidelandschaft – Und plötzlich wird der Blick ganz weit

    Früher, als ich noch klein war und mit meinen Eltern im Auto ohne Klimaanlage und ohne Anschnallgurte auf der Rückbank und ohne elektrische Fensterheber in den Urlaub fuhr, hatte ich am Tag vor der Rückreise immer eine ganz große Angst – ich hatte nicht genügend Meeresluft eingeatmet. Ich war mir sicher, dass ich den Duft von Meer und Salz nicht in ausreichendem Maße in meine Lungen gepresst hatte. Ich war noch nicht ausreichend durch die Heide gewandert, hatte noch nicht genügend Muscheln gesammelt, hatte noch nicht in zufriedenstellendem Maße dem Kiefernrauschen gelauscht. Kurzum: Ich war einfach noch nicht fertig mit Urlaub. Und so atmete ich noch kräftiger ein, noch tiefer, bis mir fast schwindelig wurde, legte mein Ohr noch dichter an die Holzwand des Ferienhauses, stromerte noch weiter in die Heidelandschaft hinein und suchte noch mehr Muscheln. Mit dem Ziel, genügend im Vorrat zu haben. Bis zum nächsten Mal.

    Am Abfahrtstag selbst breitete sich immer eine gehörige Portion Übelkeit aus. Auch heute noch. War der Appetit in den letzten Tagen – gestärkt durch Meeresluft und ausgedehnte Spaziergänge – ausgeprägt, so war und ist er an diesem Tage eher verhalten.

    Irgendwann entstand auch eine ganz eigene Zählweise der noch vor uns liegenden Urlaubstage. Hatte man 14 Tage gebucht und war am Samstag angereist, so hatte man am Samstag drauf nicht noch 7 Tage, nein, man hatte 14 Tage: 7 Vor- und 7 Nachmittage. Völlig logisch.

    Zum Glück liegen noch einige wunderbare Urlaubstage vor uns, sodass an Abreise noch gar nicht zu denken ist.

    Die Tage sind zudem lang. Die Sonne taucht erst in allen erdenklichen Rot-, Gelb- und Lilatönen um 22:30 Uhr ins Meer, und der Himmel ist so unglaublich weit. Um 23:30 Uhr gehen wir langsam ins Bett, nur um gegen 7:00 Uhr wieder die Augen zu öffnen. Es ist schließlich schon seit 3 Stunden hell.

    Heute sind wir am Nachmittag – der dänische Sommer hatte morgens eine kurze Pause eingelegt – durch die angrenzende Heide- und Dünenlandschaft gewandert.

    Schwarze Krähenbeere
    Blut-Storchschnabel
    Scharfer Mauerpfeffer (eine Sedum-Art)
    Sand-Thymian
    Gemeiner Hornklee
    Ebenfalls: Gemeiner Hornklee
    Kleiner Sauerampfer
    Bunter Feld- und Wiesenstrauß mit echtem Labkraut, Grasnelken, Kornblumen und Acker-Gänsedisteln

    Mittsommer/St. Hans-Kranz

    Zugegeben – wir waren ein klein wenig mit Wildkräuter-App und Naturführer bewaffnet, aber das hat dem Entdecken keinen Abbruch gegeben. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel stellte den Blick scharf für das Kleine, Verborgene. Wir entdeckten plötzlich Grashüpfer

    und Distelfalter.

    Und so erfuhren wir mal so ganz nebenbei eine interessante Geschichte:

    Das echte Labkraut, auch Bettstroh der Jungfrau Maria genannt – das in dem Strauß mit den sehr kleinen, gelben und rispenartigen Blüten – soll der Legende nach in der Krippe des Jesuskindes gelegen haben. Allerdings ist der Kern der Legende noch sehr viel älter: Bevor der christliche Glaube in Skandinavien verbreitet wurde, hat man das wohlriechende Labkraut mit der Göttin Freja verbunden. Freja ist die Göttin der Liebe. Die uralte Tradition besagte, dass das echte Labkraut auf das Bett einer Gebärenden gestreut werden sollte. Die Kirche indes war gegen diesen heidnischen Brauch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Schließlich stimmte sie zu, die Pflanze der Heiligen Jungfrau Maria zu widmen.

    Klitzekleine „Kloge Ove“ (Klugscheißer)-Grüße sendet Euch Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Danmark – Ankomst oder auch: wenn‘s gut läuft

    Die Minna läuft. Welch liebliches Geräusch, vielmehr das herrliche Gefühl dabei, denn der Bauch ist gefüllt, die Sonne scheint mir wohlig darauf und ich darf meine Beine ausstrecken, die Füße ablegen und immer mal wieder in den traumhaft blauen Himmel schauen. Und den Abwasch erledigt Minna.

    Gestern sind wir angekommen in der Herzensheimat, mein Vorzeigemodell und ich. Mit donnerndem Getöse ging es los. Thor warf mit Blitzen nur so um sich, muss er noch den Behälter mit den Eiswürfeln in die Finger gekriegt haben, wütete und tobte. Ein richtiges Empfangskommittee.

    Am Anreisetag erreiche ich irgendwann den sprichwörtlichen Status „Falschgeld“. Beim Einkaufen bin ich derart müde, irgendwie automatisiert. Wo ist was? Was ist wo? Schlafanzug? Dusche? Handtuch? Bett!? Angekommen, aber mit Fragezeichen.

    Am nächsten Morgen bemerke ich: Das Ferienhaus ist schnuckelig und retro eingerichtet – eingebettet in Dünen, idyllisch zwischen Klitrosen mit Holzterrasse, und es ist lichtdurchflutet. Schmetterlinge fliegen vorbei, Schwalben stürzen sich über das Dach – Frau Schwalbe ist und bleibt eine Schwätzerin. Und die dänische Sonne lacht. Frühstück! Terrasse! Strand! Meer!

    Heute bin ich noch nicht ganz so mutig. Die Hose ist dreiviertel lang, aber ich laufe barfuß. Das Meer umspielt sanft meine Füße, und ein wohliges Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Angekommen! Jetzt mit Ausrufezeichen.

    Angekommen, Ankunft: Ankomst. Danmarks Ankomst. In meiner kleinen Familie ein inzwischen schon traditionelles Ankunftsessen, meistens am Tag nach dem Anreisetag serviert. Mein Papa ist ein großer Liebhaber dieses Gerichts. Einmal, es muss schon einige Jahre her sein, stand er über die Kühltruhe gebeugt und betrachtete mit verzücktem Gesichtsausdruck die Schnitzel. Er fühlte sich unbeobachtet, doch seine Familie hatte ihn sehrwohl im Auge. Plötzlich sagte mein Vorzeigemodell zu meiner Mama: „Schau mal! Rudolf denkt sich bestimmt gerade: ‚Wenn’s gut läuft, krieg ich drei!'“ Woraufhin wir alle in schallendes Gelächter ausbrachen und „Danmarks Ankomst“ einen Beinamen erhielt – wenn’s gut läuft!

    Und was soll ich Euch sagen:

    Es duftet immer noch ein wenig nach den herrlichen neuen Kartoffeln der dänischen Insel Samsø und nach den frischen Erbsen und Wurzeln, nach Gebratenem.

    Schweineschnitzel (natur) mit Kartoffelbrei und Erbsen und Wurzeln

    Die Wurzeln habe ich nur gewaschen und das Karottengrün entfernt. Daraus könnt Ihr übrigens leckeres Pesto machen!

    Die Erbsen habe ich gepahlt und nach ca. 12 Minuten Kochzeit zu den Wurzeln dazugegeben. So blieben die Erbsen schön grün und knackig.

    Gewürzt habe ich hinterher nur mit ein bisschen Petersilie und einem Hauch Butter.

    Die neuen Samsø-Kartoffeln habe ich geschält und in Salzwasser gekocht. Hinterher habe ich mit Butter, Salz, Muskat und Milch ein lockeres Kartoffelpüree gemacht.

    Die Schnitzel vom Bio-Schwein habe ich mit Salz und Pfeffer in Öl angebraten, und zwar scharf von beiden Seiten.

    Und die Sauce ist eine Mehlschwitze aus Butter und Maisstärke mit Sahne und Gemüsebrühe ausgegossen, dazu einen Spritzer „Madkulør“, damit die Sauce eine schöne dunkle Farbe annimmt.

    Und wenn’s gut läuft, kann man nochmal Nachschlag nehmen!

    Angekommen – Ausrufezeichen.

    Per Anhalter durch Norddeutschland – Von Sylt und einer Ja-Hundert-Party

    Es ist April, und ich sitze in einem Hotelzimmer in einem ultrabequemen Ohrensessel in Nordseeblau, während ich die ersten Zeilen dieses Artikels schreibe. Meine bestrumpfhosten Beine und Füße liegen auf dem Hocker in derselben Farbe. Und ich bin platt, aber glücklich. Drei Tage Seminar liegen hinter mir. Auf Sylt. Manche würden sagen: „Die Insel!“ Mit Ausrufezeichen und mit Betonung auf „die“. Hmm…

    Sylt ist für mich eine Herausforderung. Fernab von Champagnergesellschaft und Schickeria liegt für mich der Reiz der Insel. Oscar Wilde sagte einst: „Wer unter die Oberfläche dringt, tut es auf eigene Gefahr!“ Und hier beginnt das Abenteuer.

    Ich reise an mit dem Zug. Der Morgen liegt klirrend kalt vor mir. Gestern war das Thermometer tagsüber auf über 20 Grad geklettert, und ich schnattere und ziehe den Mantel noch etwas enger um mich.

    Sylt, rattert es in meinem Kopf. Als die Verspätung aufgeholt und der Anschluss in Hamburg Altona geschafft ist, entspanne ich mich in dem Regionalzug, der in beschaulichem Tempo durch Schleswig-Holstein zockelt. Die Ansagen der Halte im nördlichsten Bundesland schallen zweisprachig aus den Lautsprechern – Hochdeutsch und Friesisch. Auf den Wiesen tummeln sich Schafe und Lämmer, Kiebitze mit ihren frechen Stietzen, Rehe und Hasen. Und über allem ein Himmel in einem faszinierenden Blau.

    Und dann der Hindenburgdamm. Der Zug rattert über die Gleise. Das Glitzern des Wassers rechts und links. Dann der erste Halt, der zweite Halt, dann Westerland. Und ich hieve meinen Koffer aus dem Zug, ziehe ihn hinter mir her und wackele Richtung Bus. Linie 1 in Richtung Kampen. Kampen Mitte bitteschön.

    Die Busfahrt ist „herrlich“. Mit meinem Monster komme ich kaum durch die schmalen Gänge des Busses und attackiere aus Versehen noch eine Mitfahrerin. „So lernt man Leute kennen!“ entgegnet eine Sylterin, die dankenswerterweise meinen Koffer hält und freundlich mit mir spricht.

    In Kampen Mitte angekommen, ziehe ich das Ungetüm hinter mir her. Hotel Rungholt. Und auch hier – ein Blau, das Weite und Freiheit verspricht. Das sich wohltuend auf meine Seele legt. Und ich atme tief ein. Geliebtes Meer, geliebte Nordsee!

    Doch wir wollen mal nicht vergessen, dass ich auf Seminar bin. Nicht zum Seele-baumeln-lassen. Am Abend fühle ich mich ein wenig einsam im Hotel. Fliegenpilz wäre nicht Fliegenpilz, wenn er nicht ins Gespräch kommen würde im Restaurant. Doch etwas komisch ist es schon in dem riesigen Hotelzimmer ohne Vorzeigemodell an der Seite. Doch mein ewiger Begleiter ist dabei. Ihr kennt ihn noch nicht, denn ich habe ihn noch nicht vorgestellt, obwohl er – ist die Tasche auch noch so klein – mit mir reist, seit ich denken kann. Juhu! Das ist nicht als jubelnder Aufschrei zu verstehen, nein. Juhu ist ein Pferd. Ein stolzes Ross aus Stoff. Kuschlig weich und in etwa so alt wie ich. Juhu, mein treues Pferd. Mit den Jahren ist Juhu etwas dünner geworden, hat die eine oder andere Narbe davon getragen, wurde aus verfänglichen Situationen befreit (er wurde im Kindergarten entführt und von einer vermeintlichen Freundin nicht mehr rausgerückt) und hilft bei Wehwehchen aller Art. Mit Juhu im Arm geht es mit dem Einschlafen und Aufstehen, und am nächsten Morgen kann ich ohne Talisman ins Seminar.

    Die Tage vergehen wie im Flug. Und ehe ich mich’s versehe, ist es Freitag. Die Zertifikate werden ausgeteilt, und ich fühle mich platt und euphorisch. Nicht nur, dass mein Vorzeigemodell heute nachkommt, auch die Gruppe war großartig. Und so herzen wir uns zum Abschied, gehen unserer Wege und einem sonnigen Wochenende entgegen.

    Und nun sitze ich in einem Hotelzimmer in einem ultrabequemen Ohrensessel in Nordseeblau, während ich die ersten Zeilen dieses Artikels schreibe. Meine bestrumpfhosten Beine und Füße liegen auf dem Hocker in derselben Farbe. Und ich bin platt, aber glücklich.

    Ja – Hundert! kann ich noch ausrufen, denn der 100. Follower hat es auf meinen Blog geschafft. Das ist mir doch glatt ein Lupfen meines Pilzhutes wert. Herzlich willkommen!

    Und warum der Titel von Anhaltern spricht, das müsst Ihr woanders lesen!

    Es grüßt Euch herzlich Euer

    Fräulein Fliegenpilz – Frøken Fluesvamp 🍄

    Warum SPA wenn man auch SPO haben kann? – Ein Kurzurlaub in Sankt Peter-Ording

    Ich hatte Geburtstag. Das kommt vor. Ich habe gern Geburtstag. Am Vortag bin ich schon aufgeregt, auch jetzt noch mit 37.

    Geburtstag haben ist schön! Morgens – wenn man sachte aufwacht und sich nochmal genüsslich im Bett räkelt – und dann: Congratulations and Jubilations! Sicherlich: Älterwerden ist nichts für Feiglinge. Man nehme es mit Humor – ungefähr so wie mein dänischer Opa es immer sagte: „Der Rasenmäher ist die Vorbereitung auf den Rollator!“

    Aber selbst wenn meine glutenfreie Geburtstagstorte, die an meinem 94. Geburtstag von meinem 100-jährigen Vorzeigemodell auf einem Teewagen in mein Zimmer mit Meerblick geschoben wird, einem Fackelzug gleicht, werde ich die Kerzen, fit im Kopf und vielleicht etwas wackelig auf den Beinen, mit Eleganz und Bravour auspusten. Und mein Vorzeigemodell wird mir seine faltig-weiche Hand reichen „and we’re dancing cheek to cheek“.

    Ja, so soll es sein!

    Bis dahin feiern wir jeden einzelnen Geburtstag. Das wird mir ein Fest. Auch die Zeit dazwischen. Alle Pre-, Post- und Nicht-Geburtstage. „Viel Glück! Viel Glück!“

    Da ich ein Glückskind bin – man erkennt es am roten Hut mit den weißen Punkten – habe ich 14 Tage nach Weihnachten Geburtstag. Und 7 Tage nach Silvester. Ein kleiner, eigenwilliger Steinbock. Mach die Tür zu! Ich will da durch! „Böckchen“ nannten mich Mama und Papa als ich noch eingekuschelt in Mamas Bauch war. Und als ich an dem Morgen des ersten Donnerstag des Jahres 1982 das Licht der Welt oder des Kreißsaals erblickte, war es draußen klirrend kalt, Eisschollen schwammen auf der Weser, und ich wurde aufgrund der Nabelschnur zunächst für einen Jungen gehalten. Das „Problem“ wurde mit einer Handbewegung gelöst und – tadaaaa – dort lag ich: 53 cm groß, 3.250 g schwer, rotblond, gesund und niedlich! Ich war kein zerknittertes, rot-blau-lila Baby. Ich hatte einen Wecker im Bauch, schrie nach Essen und hatte auf Krankenhaus keinen Bock. Zuhause angekommen fand ich alles super.

    Geregelte Mahlzeiten find ich heut immer noch gut. Ein bisschen größer und schwerer bin ich auch geworden, rotblond bin ich immer noch, und Krankenhäuser kann ich immer noch nicht leiden.

    Jedes Jahr sage ich: „Übrigens: ich bin schon da!“ und meine Liebsten wissen, was gemeint ist. 7:28 Uhr – das Küken schlüpft aus dem Ei!

    Dieses Jahr fuhr das Küken mit dem Vorzeigemodell nach SPO! Nicht nach SPA, wobei Spa in SPO auch möglich ist.

    Sankt Peter-Ording. Ich war noch nie dort, aber ich wollte Meer. Kurzentschlossen hatten wir am 21. oder 22. Dezember ein Hotelzimmer gebucht. Ganz in der Nähe des breiten Strandes mit den Pfahlbauten. Der Morgen des 6. Januar aber war nass und grau und so gar nicht winterlich, so gar nicht sonnig, so fürchterlich schmuddelig.

    Glückspilz wäre nicht Glückspilz, wenn nicht just in dem Moment, als wir im Hotel eincheckten, der Himmel aufreißen würde. Er tat uns den Gefallen. In Gummistiefeln ging es zum Strand. Es war Flut. Das Meer war da, der Strand trotzdem noch breit genug und es regnete nicht. Aber eindeutig: Meer! Und kaum etwas anderes auf der Welt treibt mir so schnell die Glückshormone durch die Adern wie der Anblick des Meeres. Und ich sagte zu meinem Vorzeigemodell, das neben mir her schlenderte: „Mama sagte, in SPO kann man Bernstein finden!“ „Echt?“ fragt es zurück. „Jupp!“ antworte ich und blicke nach vorne. „Ähm, guck mal!“ Ich bücke mich und habe einen Bernstein in der Hand, muss Tränen lachen, weil es so urkomisch ist. Mein Vorzeigemodell macht ein Foto, stellt es in die Familiengruppe. „Der ‚ravhund‘ (Bernsteinhund) hat zugeschlagen!“ Kurze Zeit später findet der „Fotograf“ eine kleine Handvoll ebensolcher Steine.

    Der Wind weht uns um die Nase, der Kopf wird frei und eine angenehme Ruhe breitet sich in uns aus. Langsam beginnt es zu dämmern, und wir gehen an dem Restaurant namens Arche zurück ins Dorf ins Hotel.

    Meeresluft macht hungrig, und es hat wieder zu regnen begonnen, also nehmen wir das Auto und fahren zum Restaurant Stilbruch. Über einer bekannten gastronomischen Sylter Kette liegt das charmante und urgemütliche Restaurant, das bekannt sein soll für Fisch- und Lammspezialitäten aus der Region. Wir nehmen Platz und schauen uns um. Der runde Raum ist dekoriert mit allerlei Trödel, nicht kitschig, einfach gemütlich. Wir entscheiden uns schnell: Schollenfilets mit Nordseekrabben und Rotkohl-Rote-Bete-Salat sowie Lammteller mit Würstchen und Koteletts – zu beiden Gerichten Bratkartoffeln. Glutenfrei – kein Problem!

    Das Essen ist köstlich. Über die Nordseekrabben und das Schollenfilet wurde ein Schafsfeta gerieben, der mild und leicht säuerlich mit Fisch und Salat harmoniert. Ich könnte mich reinlegen!

    Und auch das Lamm schmeckt fantastisch. Wir erfahren, dass der Käse in einer Bio-Schafskäserei gemacht wird – ganz in der Nähe, und beschließen, morgen einmal dort vorbeizuschauen.

    Doch mich gelüstet es nach Nachtisch, und so gibt es den Friesentraum: Vanilleeis mit Pflaumenmus und einem Schuss Eierlikör, gekrönt von einer Sahnehaube.

    Und die Waffel ist glutenfrei!

    Mit gefüllten Bäuchen gehen wir zufrieden in unser Hotel. Der Regen pladdert immer noch gegen die Scheiben, es ist herrlich gemütlich!

    „Und nun schlafe ich in meinen Geburtstag!“ sage ich und erwache am 7. Januar von Sonnenstrahlen. Was für ein Geburtstag!

    Empfehlen kann ich Euch in SPO die Dünentherme. Ein Blick auf Dünen und Meer, wenn’s nicht so stürmisch und diesig aufzieht, wie dann mittags am 7. Januar.

    Außerdem Die friesische Schafskäserei in Tetenbüll.

    Ansonsten – raus an den Strand und ab ans Meer!

    SPO – wir kommen wieder!

    Zwischenstopp – Innsbruck: Ein Besuch bei Klein & Fein

    “Inspruck liegt herrlich in einem breiten reichen Tale, zwischen hohen Felsen und Gebirgen. Erst wollte ich dableiben, aber es ließ mir keine Ruhe. […] Von Inspruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben.“ (Goethe, Johann Wolfgang: Italienische Reise, 1992, S. 16)

    Als wir uns aufmachten auf unsere Italienreise entschieden wir uns, auf dem Hinweg einen Zwischenhalt Innsbruck einzulegen. Ob Goethe dabei unser Ratgeber war? Nun, ihn hielt es nicht in dieser – ich möchte sagen – kesselartigen Stadt. Als wir in Innsbruck ankamen, hingen die Wolken so tief, dass man den Himmel nicht sehen konnte – wie eingesperrt in einem Kessel. Ein Landei, das Weite schätzt und viel Luft zum Atmen und einen Horizont, der in weiter Ferne liegt, tut sich schwer mit so einer Stadt zwischen „hohen Felsen und Gebirgen“.

    Unser Glück war ein Weinfest in der Altstadt und ein Besuch in einem niedlichen kleinen Café. Das Café Klein & Fein – betrieben durch Petra Unterweger, genannt Peti (WIE MEINE MAMA!!!!), war ein Lichtblick an diesem gräulichen Tag. Und schnuckelig kam es so daher. Lag unaufgeregt in der Maria Theresien Straße 42a.

    Auf der Homepage steht:

    „Ein bisschen nordisch, ein bisschen britisch,
    ein bisschen italienisch und immer ganz viel Petra!“

    Es war kurz vor 17:00 Uhr und wenn man ganz genau auf die Uhr geguckt hätte, dann wäre es eigentlich schon kurz nach 17:00 Uhr gewesen. Aber da stand nunmal „glutenfrei“ an der Tür und die Tür, die war geöffnet, und es roch so gut, nach Kaffee und nach Gebäck und es sah so nett aus und so gemütlich und – plötzlich, wir wussten gar nicht, wie das passieren konnte, standen wir mittendrin, mitten in Innsbrucks schönstem Platz. Petra „Peti“ Unterweger war charmant, gesprächig, freundlich und äußerst verzagt, dass es nun kurz vor 17:00 Uhr war. So ein Ärger! So ein bodenloser Ärger – so’n „Schaaaaaaß“

    In einer Viertelstunde musste ich von allem, das übrig war, probieren – von Kokosmakrone über zu Salzkaramellen. Und dabei erzählten wir, als wenn wir Stammgäste wären. Petra „Peti“ Unterweger verabschiedete sich von uns mit herzlichem „Baba“ und so gingen wir unserer Wege. Schade, dass es schon kurz vor 17:00 Uhr war.

    Auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn Ihr mal in Innsbruck seid, aber dann checkt vorher die Öffnungszeiten.