Moldowische Frühlingsboten

Die Sonne lacht in unsere Höhle. Das Vorzeigemodell und ich haben heute Mittag einen Spaziergang gemacht und den Boden nach Neunerlei abgesucht. Neunerlei? Neun Wildkräuter, die früher traditionell in die Grüne-Neune-Suppe an Gründonnerstag kamen. Wobei es sich bei den Wildkräutern um die vorwitzigen Ersten handelte wie Giersch, Bärlauch, Gundermann. Bärlauch und Giersch haben wir gefunden. Gundermann oder auch Gundelrebe war noch etwas verschlafen. Doch der Frühling kommt mit Macht. Hummeln und sogar die ersten Schmetterlinge, brüllende Amseln, Stare und freche Blaumeisen begleiteten uns. Die Luft so klar. Und während wir so dahinschritten, fiel uns ein, dass wir heute noch zur Tat schreiten müssen. Unsere moldowischen Frühlingsboten müssen noch an einen Baum. Johnny B. – seines Zeichens stolze Johannisbeere und Baum, kein Strauch oder Busch – wird nachher behängt.

Denn es war so. An einem dieser Wochenenden, an denen eines dieser Sturmtiefs über Niedersachsen sauste wie Diven in rauschenden Ballkleidern, hatten wir Besuch. Mein Vorzeigemodell hatte seiner Spielsucht gefrönt und hatte mal wieder als verschollener Gallier namens Organisatorix alles, was Spaß und Freude an sog. Tabletop und Skirmish-Games hat an – logisch – die Tische geholt. Und so kam es, dass wir abends eine Geschichte aus Moldawien erfuhren.

Veronika brachte uns nämlich einen Anstecker mit. Für den Mann eine weiß-rote Schleife an dessen Ende zwei rot-weiße Quadrate hingen. Und für die Frau zwei winzige Häkelblumen in rot und weiß und ein grüner Stengel.

Veronika forderte uns auf, diesen Anstecker ans Revers unseres Mantels zu heften. Auf die linke Seite, beim Herzen. Das sei wichtig. Und eigentlich, so sagte sie, stecke man es sich am 1. März an das Revers. Am 31. März nehme man es ab und hänge es an einen Baum. Und dann, ja dann, kommt der Frühling.

Die Tradition ist schon sehr alt und beruht auf einer alten Geschichte. Als ich gerade versuchte, sie nochmal zu ergooglen, fand ich die Geschichte zwar nicht, aber ich lernte, dass Moldawien das unbeliebteste Urlaubsland Europas sein soll. Das wird gemessen an den Einreisenden. Etwas über 1.100 Deutsche waren es im Jahr 2017 laut einem Artikel aus der Zeit. Das landet an „guten Tagen“ täglich auf Malle…

Aber zurück zur Geschichte. Einstmals wurde die Sonne gestohlen, und ein junger furchtloser Mann zog los, um die Sonne wieder zu bekommen. Die Welt versank im Schnee, und während der junge Abenteurer sich durch die eisigen Massen kämpfte, verletzte er sich und sein Blut tropfte auf den Schnee. Da bekamen die Diebe Mitleid und gaben die Sonne wieder frei.

Mich berührte diese Geschichte. Und voller Stolz steckte ich mir diesen Frühlingsboten an meinen Mantel. Nachher – wenn ich mit meinem Vorzeigemodell gegessen habe – werde ich den Boten abnehmen und an Johnny B. hängen.

Und dann renne ich wie einst Ronja Räubertochter barfuß durch unsere Höhle und lasse meinen Frühlingsschrei erklingen. Denn das ist es doch, was wir alle wollen: Frühling und Frieden!

Komm lieber Mai…Von Maikäfern, Sturmböen und Wolldecken

Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün!

Früher zog eine Blaskapelle durch das kleine Dorf, dort, wo ich aufgewachsen bin. Und alles sang und lockte den Mai. Ab dem 1. Mai wurde alles grüner, freundlicher, saftiger und satter. Alles blühte. Ein Maibaum wurde aufgestellt, es würde darum getanzt. In manchen Orten schleppte der Verliebte seiner Angebeteten einen Maibaum durch das ganze Dorf, um ihn des Nachts in den Vorgarten zu stellen und – GANZ WICHTIG – zu bewachen! Denn die Angebetete sollte den Birken-Romeo ja schließlich am nächsten Morgen komplett sehen. Nicht nur Mann, Mann mit Baum – ich und mein Holz quasi. So war das, und ich fand’s schön. Auch wenn mir niemals irgendwer einen Baum in den Vorgarten gestellt hat.

Und Maikäfer gab es früher gefühlt irgendwie mehr. Es waren unzählige, und Kinder haben Sie aufgeteilt in Schornsteinfeger, Müller, Bäcker und Kaiser und in Tüten gesammelt, haben sie auf ihren Fingern krabbeln lassen, bis sie mit kräftigem Gebrumm davon flogen. Maikäfer flieg!

Der gute Liedermacher und Herzensmensch Reinhard Mey, der poetischste Mey-Käfer unter allen, hat dem wunderbaren Geschöpf auch ein Lied gewidmet. Es gibt keine Maikäfer mehr, heißt das Lied, in dem er den Einsatz des Insektizids DDT, das inzwischen verboten ist, thematisiert, und das dafür eingesetzt wurde, die „Schädlinge“ zu bekämpfen. Weil die Engerlinge die Laubbäume von der Wurzel her auffressen… Engerlinge also… die großen Waldkiller…

Nun, die Maikäfer haben sich zur Wehr gesetzt und es gibt sie eben doch noch. Nicht in der Vielzahl wie damals, aber es gibt sie. Und wenn eines dieser wunderbaren Flugobjekte mit lautem Gebrumm auf mich zusteuert, dann freue ich mich wie ein Schneekönig.

Einmal, vor etwa fünf oder sechs Jahren, kehrten wir gerade von einem Mittelaltermarkt zurück. Zu Walpurgis waren wir nach Bad Bodenteich gereist, hatten die Gewandung angelegt und die schwarzen Rösser vor die Kutsche gespannt. Es war mitten in der Nacht, als wir im gelblichen Licht des Geschäftes, vor dem wir geparkt hatten, Dutzende Maikäfer sahen. Sie brummten, krabbelten, flogen, schwirrten um das Licht. Und wir sammelten Herrn Sumsemann und seine Verwandten ein und setzten sie in die Buchenbüsche, befreiten sie von den Irrlichtern, auf dass sie nicht ihr sechstes Beinchen verloren.

Lange Zeit glaubte ich auch, dass Reinhard Mey sein Maikäfer-Lied für meinen Paps geschrieben hatte. Mein Vater hatte als Kind eine Hose geschenkt bekommen, am der sogenannte Knebelknöpfe angebracht waren. Als kleiner Junge, der er damals war, dachte er aufgrund der Form und Farbe, dass es Engerlinge waren, schnitt sie kurzerhand ab und vergrub sie im Garten. Die Engerlinge sollten ja zu Maikäfern werden.

Seit vielen Jahren – findet in Hannover zum 1. Mai auch immer das sogenannte Maikäfer-Treffen statt. Wenn bereits am 30. April die freundlichen VW-Käfer und Bullys in Richtung Messegelände brummen, hüpft mein Herz vor ungebändigter Freude.

Mit stolzgeschwellter Brust sitzen die Maikäfer- und Bully-Besitzer hinter dem Lenkrad ihres Automobils und lenken die glänzende Karosse über die Straßen, geben wohlgemut Auskunft, erzählen Geschichten von Fahrten entlang der englischen Küste bis Cornwall, von Schweiß-Workshops und autodidaktischem Polsternäh-Abenden, von Tuckern, Schrauben und plötzlichem Stillstand.

Mit einem VW-Bully durch Skandinavien, denke ich, und vor meinem inneren Auge erscheint eine Route.

Wir schlendern an diesem 30. April zurück zu Karl, dem Kleinen – mein kleiner roter Flitzer, dessen VW-Zeichen in der Sonne funkelt, ein kleines bisschen wie eine Mischung aus Käfer und Bully. Dann fahren wir nach Hause, gehen früh schlafen – denn morgen ist Flohmarkt, am 1. Mai.

Und kalt ist es an diesem Morgen. Ein eisiger Wind weht über die Streuobstwiese, und er nimmt sogar noch zu. Sturmböen mit Windstärke 8, die Ohren rauschen. Der Tapeziertisch wackelt verdächtig, wir stellen die schweren Dinge drauf.

Der Pavillon bleibt in seiner Tüte. Und wir frieren, trinken Kaffee und Tee, essen Milchreis mit Zimt und Zucker, und Kuchen mit Rhabarber oder mit Schokolade. „Flohmarkt in Warschau!“ kommentiert Thomas, der Mann meiner Freundin Sandra, als wir uns die Decken um die Beine schlingen.

Wir stehen seit 5:30 Uhr dort draußen und der Wind nimmt nicht ab. Mehr Kaffee, mehr Tee, mehr Kuchen. Trotz dieses stürmischen 1. Mai kommen die Besucher, haben wir Spaß und verkaufen unseren Trödel. Bekommen Besuch von Mama und Papa – Maikäferfreunden:

Um 15:00 Uhr streichen wir die Segel, packen ein und wickeln die Reste in Zeitungspapier. Die Sitzheizung läuft auf der Rücktour auf höchster Stufe, doch die Fahrt ist kurzweilig, denn es ist Abreisezeit beim Maikäfer-Treffen. Schon von Weitem erkennen wir die runden Dächer der brummenden Käfer und die freundlichen Farben der Bullys. Gegenseitig rufen wir uns zu: „Schau mal hier! Guck mal – dort!“ Und trotz müder Beine, steifen Schulter und trotz Durchgefrorensein liegen wir zufrieden und glücklich letztlich aufgetaut und frisch gebadet auf dem Sofa.

„Komm, lieber Mai!“

Euch allen einen wunderbaren Wonne-Monat! Möget Ihr viele hübsche Maikäfer sehen!

Sehnsucht nach dem Frühling – frühlingshafter Linsensalat

Schöner Frühling, komm doch wieder,
Lieber Frühling, komm doch bald,
Bring‘ uns Blumen, Laub und Lieder,
Schmücke wieder Feld und Wald!
(Aus „Sehnsucht nach dem Frühling“ von Hoffmann von Fallersleben)

Freitag vor dem letzten Wochenende. Karl der Kleine – mein kleiner süßer Flitzer – und ich fuhren dem Feierabend entgegen. Durch die matschige Masch, an bräunlichen Feldern vorbei. Geradeaus, links abbiegen, geradeaus, rechts abbiegen, geradeaus, links abbiegen, geradeaus… Was ist das? Wagen voller Hornveilchen vor unserer ortsansässigen Gärtnerei? Blinker rechts, rechts abbiegen, Parkplatz suchen, halten, Motor aus, Schlüssel raus, abgeschnallt, Autotür auf, Tasche geschnappt, Autotür zu, Laufschritt, Bremsen, Stopp. HORNVEILCHEN! Ihre kleinen wackeren Köpfe stecken sie in den frühlingshaften Wind, und ich stehe davor, freue mich unendlich und kann mich nicht entscheiden zwischen den ganzen wunderbaren Blautönen, dem satten Gelb und dem zarten Rot. Irgendwann – meine Auswahl fiel auf eine Blauvariation – trage ich die Töpfe mit stolz geschwellter Brust zur Kasse, bezahle, trage die kleinen Frühlingsboten zum roten Flitzer, öffne den Kofferraum, stelle die Blumen hinein und fahre dann – fröhlich pfeifend – nach Hause, zum Balkon – æblerø, ich komme!

Ich giere danach, meine Hände in Erde zu stecken, in den Kästen zu wühlen, die Blumen vorsichtig aus ihren Pötten zu drehen und einzupflanzen, die Gießkanne zu befüllen und alles anzugießen – und nach vollendetem Werk mit den Händen in die Hüften gestützt dort zu stehen, den Rücken gerade zu biegen und den Blick über Kästen und Töpfe schweifen zu lassen. „Ja!“

Meine Sehnsucht nach Sonne und Frühling und Blumen und Frühlingsduft und Bärlauch und erstem frischen Grün ist so groß, dass wir Sonntag nach dem Frühstück noch einmal zur Gärtnerei fahren und für die restlichen Töpfe und Kästen weitere Hornveilchen holen. Und zwei Rosen für den windigen Balkon, denn Rosen, so der Fachmann, finden Wind gut. Rosa und Rot stehen nun links und recht neben der Balkontür auf pæreø, denn unser neues Nest hat nicht nur einen Balkon namens „æblerø“ (Apfelinsel), sondern auch einen Balkon namens „pæreø“ (Birneninsel).

Und so knie ich auf einer alten Decke mit dünnen Handschuhen an den Händen und pflanze Rosa und Rot in tiefe Steinkübel, bedecke die Veredelungsstelle sanft mit Erde – so wie Florian, der Blumenfreund, es uns aufgetragen hat. Rosa ist klein und zart, lässt sich wunderbar in ihren neuen Topf setzen. Rot – mit dem wunderbaren Beinamen „Rigo-Ros“ – ist da schon etwas störrischer. Zu guter Letzt rammt sie mir einen ihrer spitzen Dornen in meinen linken Zeigefinger – durch den Handschuh durch – und die vorderste Spitze bricht ab – der Dorn steckt, und hält – bei jedem Wetter. Ich wühle, pflanze, drehe, bücke und knie, fege Erde weg, trage kannenweiße Wasser auf die Balkone, gieße an. Und dann stehe ich wirklich da, rufe mein Vorzeigemodell, der mir ein Glas mit erfrischender Apfel-Mango-Schorle reicht, strecke den Rücken durch, stelle die Arme in die Hüften und schaue ihn mit gerecktem Kinn stolz ins Gesicht. „Fertig!“ sage ich. „Schön!“ sagt das Vorzeigemodell und grinst mich an. Der Frühling ist da – auf æblerø und pæreø.

Erfrischt und zufrieden bin ich, glücklich und hungrig. Der Frühling aber ist nicht nur auf æblerø und pæreø eingezogen, auch im Yoga-Castle duftet es nach dem ersten Bärlauch, zarten Radieschen und erstem frischen Grün.

Wie wäre es heute mit einem vegetarischen Linsensalat?

Dafür braucht Ihr:

  •  250 g braune Tellerlinsen
  • 1 Handvoll gemischten Salat oder einen kleinen Kopfsalat, in feine Streifen geschnitten
  • 2 Bio-Eier, hartgekocht
  • 4 – 5 saure Gurken und ein bisschen Gurkenwasser für die Salatsauce
  • Salatgurke
  • 4 TL Kapern
  • 1 Bund Radieschen

Für die Salatsauce:

  • ca. 2 EL Gurkenwasser (s. oben)
  • 2 EL Senf, mittelscharf
  • 1 Spritzer Zitronensaft
  • 1 TL Honig
  • Salz
  • Pfeffer
  • frischen Schnittlauch

Kocht zunächst die Linsen in Wasser, bis sie noch Biss haben – das ist etwa die Hälfte der auf der Packung angegebenen Garzeit. Stellt die Linsen dann zum Abkühlen beiseite.

Während die Linsen köcheln, könnt Ihr schon die ganze Schnippelarbeit erledigen. Schneidet den Salat in feine Streifen, pellt die hartgekochten Eier – eines davon kleinwürfeln, das andere vierteln. Schneidet die sauren Gurken in kleine Stücke, die Salatgurke und die Radieschen ebenfalls.

Gebt die abgekühlten Tellerlinsen in eine Schüssel und gebt alles Kleingeschnippelte sowie die Kapern hinein – außer das geviertelte Ei.

Nehmt Euch einen Rührbecher und gebt alle Zutaten für die die Salatsauce hinein, schmeckt mit Salz und Pfeffer ab und gebt je nach Geschmack frischen Schnittlauch hinzu.

Gießt die Salatsauce über den Salat und mischt alles gut durch. Noch einen Augenblick durchziehen lassen, auf Tellern mit den Eiervierteln hübsch anrichten, auf den Balkon setzen und die frisch gepflanzte Blütenpracht genießen!

Die runden Bällchen sind übrigens Falafel – glutenfrei und sehr lecker!

Habt alle schöne Ostertage! God Påske!

Fräulein Fliegenpilz – Frøken Fluesvamp 🍄

Wenn der Vorhang fällt, sieh‘ hinter die Kulissen…Treffen sich zwei Fräuleins – Episode V – Glutenfreie Hefekränze

Der Zylinder ist bedeckt mit feinem Staub, ein zarter grauer Schleier. Sein einst sattes Schwarz ist ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Die Ränder leicht ausgefranst, der Stoff an der einen oder anderen Stelle etwas dünn. Die Öffnung zur Decke des mit Holz ausgekleideten Wagens gerichtet, steht er links vor dem ovalen Garderobenspiegel auf dem Tischchen aus Kirschholz mit den filigran-geschwungenen Beinen. Rechts daneben auf dem Tischchen liegen weiße Stoffhandschuhe, hier und da von Stockflecken übersät, durch vieles Tragen schon die Form der Hände angenommen. Unter dem Tisch steht ein Paar auf Hochglanz polierte Lackschuhe. Die Hacken seitlich abgelaufen, das Leder im vorderen  Bereich schon ganz brüchig, die Schnürsenkel faserig. Doch die Schuhe glänzen.

Ein Frack hängt an der Tür des Wagens auf einem Drahtkleiderbügel, der sich unter der Schwere des Kleidungsstücks biegt und nach unten zieht. Kummerbund, Schleife in tiefstem Bordeauxrot mit Holzwäscheklammern an das Revers geklemmt. Über der Tür ein rundes Fenster. Gegenüber des Tischchens ein weiteres. Das letzte Tageslicht fällt durch die dreckige Scheibe in den Wagen, tauchen das Innere in milchiges Licht. In den feinen Sonnenstrahlen tanzen die Staubkörner ihr verträumtes Ballett nach ihrer ganz eigenen Choreographie.

Plötzlich Schritte, eins, zwei, drei – die Wagentür öffnet sich. Man denkt, sie müsse quietschen, doch sie tut es nicht. Zwei Füße in Socken stehen auf dem Holzfußboden, die Beine stecken in schwarzen Hosen, ein weißes frisch-gestärktes Hemd mit hohem Kragen, eine dunkle Weste mit stoffbezogenen Knöpfen, der in der Mitte baumelt an einem Faden, der sich über der Weste kräuselt wie buntes Geschenkband.

Freundliche blaue Augen, dick mit dunklem Kajal umrahmt, schauen aus einem runden Gesicht. Der Bereich rund um die Augen ist hell geschminkt, ebenso das runde Kinn. Nur die Wangen sind rot und aufgeblasen. Der Mund – zu einem purpurnen Strich gemalt – lächelt freundlich. Die blauen Augen schauen suchen umher. Dann fällt der Blick auf den Zylinder – Erleichterung – die Schuhe – Ausatmen – das geblümte Sofa, das gegenüber das Tischchens mit den geschwungenen Beinen steht.

Mit einem entspannten „aaaah“ lässt sich, nennen wir ihn Heinrich, auf das Sofa sinken und angelt nach den Schuhen. Als er die Hosenbeine hochkrempelt, kommen rot-weiß-grün geringelte Kniestrümpfe zum Vorschein. Er schlüpft hinein und zerrt an den Schnürbändern, bis sie fast reißen. Heinrich blickt von seinem Sofa aus in den Spiegel. Das Dämmerlicht in seinem Zirkuswagen lässt Umrisse nur noch schwer erkennen, und er rückt näher heran, bis er ganz an der Kante seines Sofas sitzt, kneift die Augen zusammen, betrachtet sich im Spiegel. „Oh du dummer August!“ murmelt er und streckt die linke Hand zum Zylinder aus, mit der rechten greift er hinein. Die Clownsnase leuchtet rot in seiner Hand. Und so blickt er auf sein Utensil, oder ist es doch schon Teil seines Selbst? Zögerlich setzt er die Nase auf, dann den Zylinder, streift die Handschuhe über, die er von seinem Großvater – ein bekannter Gelehrter soll er gewesen sein – geerbt hat – vor vielen, vielen Jahren.

Der Mond ist inzwischen aufgegangen, es wird eine sternenklare Nacht. Die Lichter an den Zirkuswagen leuchten im Dunkelblau. Heinrich starrt in den Spiegel, dann blickt er nach draußen. In der Schlange vor dem wunderschönen Zirkuszelt stehen Junge und Alte, die Gesichter voller Vorfreude. Heinrich greift halb blind nach dem Frack, dem Kummerbund und der Schleife, legt alles auf das Sofa mit dem Blumenmuster. Bindet sich eine Schleife, legt den Kummerbund an, schlüpft in den Frack. „Wie lange noch?“ fragt er sein Spiegelbild.

„Ewig!“ antwortet das Spiegelbild. Heinrich zuckt zurück. „Ewig!“ Aus dem Schatten der hintersten Ecke des Wagens, den Heunrich sein Zuhause nennt, tritt eine Gestalt hervor. „Ich bin der Geist, der stets verneint!“ stellt sie sich vor. „Herr über die Zeit! Sie kennen mich aus unzähligen Geschichten.“ Die Stimme ist rauchig und – alt, so alt wie die Menschheit. „Du fragst Dich, wie lange es wohl den Zirkus noch geben wird? Menschen zu Euch kommen und sich verzaubern lassen wollen?“ Heinrich nickt, sein Herz rast – hatte sein Großvater nicht immer etwas von so einer Gestalt erzählt? Ganz geheuer ist er ihm nicht, der lange schwarz-rote Umhang, die engen dunklen Hosen und spitzen Schuhe…und dieses Lächeln.

„Wie seid Ihr hier reingekommen?“ krächzt Heinrich. „Oh!“ antwortet die Gestalt. „Man hat mich hereingebeten!“ Heinrich runzelt die Stirn, dann schüttelt er den Kopf. „Nein! Ich nicht!“ sagt er bestimmt. Die finstere Gestalt zieht die Stirn kraus, deutet über die Tür. Und in der Tat – die linke äußere Linie des Schutzsymbols ist ein bisschen verwischt. Es muss wohl wieder durchgerechnet sein, oder waren es seine Zweifel. Andererseits, und Heinrich blickt nach draußen, dort stehen Menschen die sich verzaubern lassen wollen. Es ist bald Ostern, Ostern bedeutet Neuanfang, Hoffnung. Die gute Küchenseele der Zirkusfamilie hat Hefekränze gebacken, sie wollen mit den Kindern an Ostern Eier suchen gehen, einen Osterspaziergang machen. „Vom Eise befreit sind Strom und Bäche…“ murmelt Heinrich, und auf einmal weiß er, welch finstere Gestalt sich in seinem Wagen befindet. „Hinfort!“ ruft er. „Raus! Mich bekommst Du nicht!“

Mephisto. Und wie es sich für einen wahren Zauberkünstler gehört, verwandelt sich die teuflische Gestalt in einem schwarzen Pudel, bellt und in Nebelschwaden und Rauchwolken läuft das Tier davon. Kläfft die Menschen in der Schlange an, sorgt für kurze Unruhe.

Heinrich steht allein vor dem Tischchen mit den geschwungenen Beinen, strafft die Schultern, streckt die Brust raus und geht stolz erhobenen Hauptes hinaus. „Ich bin doch kein Angsthase!“ murmelt er.

Plötzlich taucht ein weißes Kaninchen neben ihm auf, in Weste und mit Taschenuhr. „Tag!“ sagt es. „Tag!“ sagt Heinrich. „Wo gibt’s hier glutenfreie Hefekränze?“ Heinrich schaut verwirrt. „Dort!“ sagt er und deutet auf einen roten Zirkuswagen mit weißen Punkten, die Fenster sind schon ganz beschlagen, aus dem Schornstein steigt Rauch auf. „Danke!“ sagt das Kaninchen und hoppelt davon. Plötzlich dreht es sich nochmal um. „Äh, wie heißt denn die Köchin?“ fragt es. „Kristina!“ antwortet Heinrich. „Ah! Kenn ich. Und Eure nächste Station?“ „Rheinland!“ antwortet Heinrich. „Ah, weiß schon. Man sieht sich. Bei Jenny von deMarkt!“

Sprach’s und hoppelt davon.

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Rezept für glutenfreie Hefekränze

Ihr braucht:

  • 350 g glutenfreie Mehlmischung (z. B. Dr. Schär Mix it!)
  • 150 g Buchweizenmehl
  • 1 TL Salz
  • 6 EL Zucker
  • 250 ml Milch
  • 180 ml Buttermilch
  • 30 g Frischhefe
  • 80 g Butter
  • 1 Ei + etwas Sahne zum Bestreichen

Mischt beide Mehle und das Salz in einer großen Rührschüssel. Drückt eine Mulde in die Mitte. Erwärmt Milch und Buttermilch kurz und gießt die Mischung in die Mulde. Zerbröselt die Hefe in die Flüssigkeit hinein und streut die sechs Löffel Zucker darüber. Alles zu einem Teig verkneten (am besten mit dem Knethaken). Butter schmelzen und hinzufügen, nochmal verkneten.

Mit einem feuchten Küchentuch zudecken und mindestens 1 Stunde, gern auch über Nacht, an einem warmen Ort gehen lassen.

Backofen auf 200 Grad Ober-/Unterhitze vorheizen.

Teig aus der Schüssel nehmen und auf einer bemehlten Arbeitsfläche durchkneten.

Pro Kranz jeweils zwei Rollen formen und miteinander verflechten. Auf ein mit Backpapier ausgelegtes Backblech legen.

Mit der Ei-Sahne-Mischung bepinseln, nochmals für 15 Minuten gehen lassen und anschließend für ca. 30 Minuten – je nach Größe – backen.

Gutes Gelingen! Guten Appetit! Und habt schöne Ostertage!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Pilotfolge – Treffen sich zwei Fräuleins

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 1

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 2

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 3

Treffen sich zwei Fräuleins – Episode 4

 

Der Dachlattenmensch und ein Baguette mit Curry-Mayonnaise

Der Frühling ist da! Zumindest heute streckt er seine noch steifen Finger aus und lässt sie über Wald, Feld und Wiesen gleiten. Die vorherigen Tage hatten bereits die Mutigen unter den Blümchen die Köpfe weit aus dem Boden gestreckt – Schneeglöckchen und Krokusse. Weiße, gelbe und lilafarbene Teppiche an jedem noch so kleinen Ort. Und die Vögel brüllen den Frühling regelrecht herbei. Ich finde es herrlich. Die Luft riecht wunderbar, die Sonne streichelt meine Seele. Die hat es nötig.

Der Dachlattenmensch – dieser unsichtbare Querulant, der – einem Springteufel gleich – plötzlich hervorspringt und Ahnungslosen nichtsahnend die ebenso unsichtbare hölzerne Dachlatte vor den Bug knallt, dass es nur so rumst und kracht. Eben jener Dachlattenmensch hat uns in den letzten Wochen diverse Besuche abgestattet und ordentlich mit norddeutschem Schmackes sein hölzernes Schlaggerät vor den Latz gedonnert – mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks gerade immer dann, wenn eine Episode abgeschlossen war und man eigentlich mit einem Seufzer der Erleichterung auf das Sofa sinken wollte.

Kennt Ihr? Dann wisst Ihr sicherlich auch, dass der Dachlattenmensch Kosmopolit ist und sich vielfältigster internationaler „Methoden“ oder auch Klischees bedient – und – Obacht! – diverse Aushängeschilder hat, unsichtbar, versteht sich. Vermutlich zieht er auch mit „stiff upper lip“ durch die Gegend, „not amused“ scheint er jedenfalls zu sein, sonst würde er ja nicht so wahllos um sich schlagen. Kennt man auch aus den derzeitigen Medien… „Und wenn Ihr mich nicht reinlasst, werde ich einen Aufstand machen!“- mit Dachlatte im Gepäck…bestimmt. It’s true!

Daher sehne ich mich nach ein paar Tagen Ruhe, einfach in der Natur sitzen, die Geräusche aufsaugen, die Augen schließen und nichts denken. Den Dachlattenmenschen weit, weit fort geschickt!

Und mal wieder auf das paradiesische Kleinod, auf nach Æblerø!!! Zu den Hornveilchen, die sich in den seichten Wind legen, frisch gepflanzt! Und in der Hand ein köstliches, glutenfreies Baguette belegt mit leckerem Obst, Bio-Hähnchen, Wintersalat und einer selbstgemachten Curry-Mayonnaise.

Für 2 Personen mit mächtig Hunger braucht Ihr:

Curry-Mayonnaise

  • 250 ml Raps- oder Sonnenblumenöl (ich empfehle ein neutrales Sonnenblumenöl)
  • 1 ganz frisches Bio-Ei
  • 1 TL milden Senf
  • Saft von einer 1/4 Zitrone
  • 1 Prise Salz
  • etwas Pfeffer
  • 1 gestrichenen TL Zucker
  • 1 gehäuften EL Currypulver

Das Ei in einen hohen Messbecher aufschlagen, das Sonnenblumenöl hinzufügen. Senf, Zitronensaft, Salz, Pfeffer und Zucker ebenfalls mit in den Messbecher geben. Den Stabmixer in die Mischung tauchen und dann vorsichtig aufschlagen – die Masse färbt sich sehr schnell dottrig gelb. Dann das Currypulver dazugeben, nochmal aufschlagen. Fertig!

Mayonnaise kühl stellen.

Das Bio-Hähnchen-Filet in kleine Scheiben schneiden und in einer Grillpfanne scharf anbraten, mit Salz und Pfeffer würzen. Zur Seite stellen.

In der Zwischenzeit das Baguette Euer Wahl leicht antoasten oder aufbacken, halbieren und mit der Curry-Mayonnaise bestreichen. Nun könnt Ihr das Baguette so garnieren, wie es Euch beliebt – nehmt leckeres Obst, leckeren Salat. Was der Wochenmarkt gerade so hergibt – es gibt noch sooo leckeren Feldsalat und andere Wintersalate. Die Orangen schmecken noch fantastisch. Euer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.


Und dann setzt Ihr Euch mit Eurem Baguette in die Sonne, lasst den Dachlattenmenschen Dachlattenmensch sein und denkt einfach mal an – NIX!

Erschöpfte, aber zuversichtlichere Grüße sendet Euch

Euer Fräulein Fliegenpilz – Frøken Fluesvamp