Rosenblütengelee

„Haben wir im Urlaub gemacht!“ antworte ich und nicke dabei strahlend. Die Reaktion sind meist fassungslose Blicke. „Im Urlaub?“ kommt die ungläubige Frage dann. „Ja!“ erwidere ich, und mein Lächeln wird dabei noch breiter. Während ich das Glas in die Strahlen der untergehenden Abendsonne halte und fasziniert bin von der rosa-goldenen Farbe. Den Sommer eingemacht, konserviert, in ein Glas gegossen, verschlossen, aber doch sichtbar, sorgfältig beschriftet in geschwungenen Lettern. Rosenblütengelee.

Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir, die großen grünen Büsche mit unzähligen, meist pinkfarbenen Blüten. Die Kartoffelrose ist eigentlich nicht dort beheimatet, fühlt sich auf dem dänischen Boden allerdings sauwohl. Von Kindheit an verbinde ich den Duft der Rosen mit Sommerurlaub. An den Ferienhäusern waren meterhohe Hecken, derer man kaum Herr werden konnte. Seit ein paar Jahren wird die Kartoffelrose ein wenig in ihre Schranken gewiesen. Die Böden sollen sich erholen. Und so sieht man die Rosen zwar immer noch zahlreich, allerdings ist sie nicht mehr ganz so stark präsent.

Ich erfreue mich jedenfalls an einigen großen Büschen, die um unser Ferienhaus stehen und schneide von der pinken Pracht ein paar Zweige ab, stelle sie in einen kleinen Krug, den ich in den Schränken des Ferienhauses finde.

Wunderschön sieht das aus und duften tut es. Sommerurlaub! Mein Gehirn ist im Entspannungsmodus. Womit wir wieder beim Rosenblütengelee wären. Einkochen ist Meditation. Man reiche mir einen Eimer Johannisbeeren, zehn Kilo Bohnen, Erbsen – ich entrispe und putze sie. Obst- und Gemüse-Yoga.

Und so geht mein Vorzeigemodell an einem dieser entspannten Tage in den frühen Morgenstunden an einen dieser Rosenbüsche und pflückt etwa 1 l Rosenblüten. Pfeift dabei ein Lied und kommt strahlend zurück. Ich grinse ihn an. „Na?“ frage ich. „Sommerurlaub!“ sagt er. Da kann ich ihm nur zustimmen.

Rezept für ca. 7 Gläser Rosenblütengelee

Ihr braucht:

    1 l duftende Rosenblüten (dabei ist es im Prinzip egal, ob Ihr die dänische Kartoffelrose nehmt oder eine andere wohlriechende Rose)
    500 ml Wasser
    400 ml Apfelsaft
    Saft einer halben Bio-Zitrone
    1 kg Gelierzucker 1:1
  • 500 ml Wasser mit 400 ml Apfelsaft mischen und die Blütenblätter dazugeben. 24 Stunden an einem kühlen, trockenen Ort ziehen lassen (nicht im Kühlschrank!).
  • Die Rosenblüten am nächsten Tage aus der Flüssigkeit fischen.
  • 750 ml von der Flüssigkeit abmessen, den Saft der Zitrone hinzufügen und alles in einen großen Kochtopf geben. Den Gelierzucker hinzufügen.
  • Zum Kochen bringen und unter ständigem Rühren zum Gelieren bringen.
  • Noch heiß in vorbereitete Gläser füllen. Fertig!
  • Das Rosenblütengelee schmeckt auch köstlich zu kräftigem Käse.
  • Probiert es mal aus!
  • Herzliche Grüße von Eurem
  • Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄
  • Von Gram Slot, Sankt Hans und einem köstlichen Omelette

    Wir hatten Urlaub, mein Vorzeigemodell und ich. 14 wundervolle Tage. 14 Tage mit bestem Wetter.

    An einem dieser Abende sitzen wir auf unserem Sofa in unserem dänischen Ferienhaus und schauen abwechselnd Prospekte an und aus den Fenstern, die bis auf den Boden reichen. Blick auf die Dünen und den endlos weiten Himmel. Zugegeben – das Possesivpronomen hat nur eine 14-tägige Gültigkeit. Doch diese 14 Tage ist es eben unser Haus, sind es unsere vier Wände, ist es unser Sofa und unsere Terrasse.

    Gestern waren wir schwimmen in der Nordsee. Es kostete keine Überwindung, denn der ablandige Wind und die 33 Grad sorgten dafür, dass man ohne zu zögern in die spiegelglatte Nordsee tauchte, sich irgendwann auf den Rücken drehte und sich treiben ließ.

    Über Nacht kam dann der Temperatursturz. Heute Wind, viel Wind und 16 Grad. Wir schmeißen den Kamin an und sitzen da, schauen auf die Flammen, ins aufgeschlagene Prospekt, nach draußen in den Himmel und die Sonne, die einfach nicht untergehen will. „Lyse nætte“ nennen die Dänen das, helle Nächte. An Sankt Hans Aften, also am 23. Juni, standen wir alle ums Feuer und sangen die „Midsommervisen“. Barfuß in kurzen Hosen – alles Sommerverliebte, alle gleich und alle in Einigkeit. Let‘s hygge beschreibt es so: „Ganz Dänemark versammelt sich zur Dämmerung am Strand, zündet ein Feuer an, singt ein Lied, trinkt ein Bier, schaut zu wie die Hexe brennt, trinkt noch ein Bier, und geht wieder nach Hause.“ Aber das Wichtige ist doch – die Menschen einigt die Zeremonie, das Beisammenstehen, das Singen.

    Kurze Zeit später erhielten die Abiturienten in Dänemark ihre „Abschlusskappen“. Zum bestandenen Abitur wünscht man sich auch „Tillykke med huen“. Denn jede(r) Reifegeprüfte erhält eine schicke Kappe mit eingesticktem Namen.

    Bild von Mousse and Pen Illustration

    Am Tag drauf ist das Thermometer wieder auf die 23 Grad geklettert, und wir haben uns für einen Besuch des Gram Slot entschieden. „Sollen wir ein Schloss kaufen, Schatz?“ soll die Frage gewesen sein, die der Schlossherr seine Frau (oder auch umgekehrt) im Jahr 2007 halb im Spaß, halb im Ernst gestellt haben soll.

    Gram Slot stand für 25 Jahre leer. Es sollte wieder mit Leben gefüllt werden. Und nun – nach einiger Zeit – erstrahlt das Schloss im Herzen Sønderjyllands im neuen Glanz. Kein pompöses Schickimicki. Nein! Gram Slot wird buchstäblich genutzt. Ein lebendes Kulturerbe sozusagen, in dem viele verschiedene Events stattfinden: Konzerte, Festivitäten, Kurse und Konferenzen. Aber nicht nur das: Gram Slot betreibt Landwirtschaft in großem Stil – biologisch!

    In dem großen Hofladen mit Café gibt es Mehle verschiedenster Sorten, Kaffee und Säfte ne Öle.
    Die Familie lebt im ältesten Flügel des Schlosses – dem Ostflügel – um 1470 erbaut. Süd- und Westflügel sind öffentlich zugänglich und werden für die Veranstaltungen und für Führungen genutzt.

    Im Café selbst herrscht angenehm ruhige Trubeligkeit. Wir schauen in die kleine, aber feine Karte und entscheiden uns nach kurzer Beratung mit der herzlichen Bedienung für Carpaccio und Omelette. Das Omelette ist glutenfrei. Um sicherzustellen, dass bloß kein Malheur passiert, brüllt die freundliche Dame aber nochmal in die Küche: „Omeletten skal være glutenfri! Pigen kan ikke tåle gluten!“

    Und das Mädchen, das kein Gluten tolerieren kann, erhält eine fantastische Portion eines glutenfreien Omelettes.

    Herrlich ist es dort. Inzwischen füllt es sich langsam mit Menschen unterschiedlichen Alters. Manche möchten Kaffee, andere einen Happen Herzhaftes.

    Wir schlendern hinaus, gehen an den Getreidefeldern vorbei, an dessen Rändern Kornblumen stehen. Es fühlt sich an wie früher, als man als Kind durch die Felder gelaufen ist.

    Nun sind wir zurück aus der Herzensheimat. Eine Woche ist schon wieder rum. Und Omelette gab’s heute. Ein Käse-Schinken-Omelette à la Gram Slot.

    Rezept

    • 3 Bio-Eier
    • Salz und Pfeffer
    • etwas Sahne
    • 2 Scheiben Bio-Kochschinken, in Streifen geschnitten
    • gewürfelten Käse, z. B. Comté oder Nordseekäse oder ähnlichen würzigen Käse
    • Öl für die Pfanne und für den Salat
    • Essig
    • etwas Salat
    • ein paar Tomaten
  • Schneidet den Salat klein, teilt die Tomaten und gebt alles in eine Schüssel. Gebt Essig und Öl darauf und ein paar der Käsewürfel. Vermengt alles und stellt es beiseite.
  • Schlagt die Eier in einer Schüssel auf. Gebt Salz und Pfeffer nach Belieben dazu, ebenfalls einen Schuss Sahne. Vermengt alles mit einem Schneebesen.
  • Gebt Öl in eine Pfanne. Wenn das Öl heiß ist, gebt die Eier hinein. Lasst das Ei bei kleiner Hitze stocken. Auf die eine Hälfte gebt Ihr Käse und Schinken. Klappt das Omelette zusammen und versucht, wenn es recht fest ist, in der Pfanne zu drehen.
  • Teilt das Omelette in der Mitte und richtet es mit dem Salat auf den Tellern an!
  • Vel bekomme!
  • Es grüßt Euch herzlich Euer

    Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Auf Pflanzen-Pirsch in der dänischen Heidelandschaft – Und plötzlich wird der Blick ganz weit

    Früher, als ich noch klein war und mit meinen Eltern im Auto ohne Klimaanlage und ohne Anschnallgurte auf der Rückbank und ohne elektrische Fensterheber in den Urlaub fuhr, hatte ich am Tag vor der Rückreise immer eine ganz große Angst – ich hatte nicht genügend Meeresluft eingeatmet. Ich war mir sicher, dass ich den Duft von Meer und Salz nicht in ausreichendem Maße in meine Lungen gepresst hatte. Ich war noch nicht ausreichend durch die Heide gewandert, hatte noch nicht genügend Muscheln gesammelt, hatte noch nicht in zufriedenstellendem Maße dem Kiefernrauschen gelauscht. Kurzum: Ich war einfach noch nicht fertig mit Urlaub. Und so atmete ich noch kräftiger ein, noch tiefer, bis mir fast schwindelig wurde, legte mein Ohr noch dichter an die Holzwand des Ferienhauses, stromerte noch weiter in die Heidelandschaft hinein und suchte noch mehr Muscheln. Mit dem Ziel, genügend im Vorrat zu haben. Bis zum nächsten Mal.

    Am Abfahrtstag selbst breitete sich immer eine gehörige Portion Übelkeit aus. Auch heute noch. War der Appetit in den letzten Tagen – gestärkt durch Meeresluft und ausgedehnte Spaziergänge – ausgeprägt, so war und ist er an diesem Tage eher verhalten.

    Irgendwann entstand auch eine ganz eigene Zählweise der noch vor uns liegenden Urlaubstage. Hatte man 14 Tage gebucht und war am Samstag angereist, so hatte man am Samstag drauf nicht noch 7 Tage, nein, man hatte 14 Tage: 7 Vor- und 7 Nachmittage. Völlig logisch.

    Zum Glück liegen noch einige wunderbare Urlaubstage vor uns, sodass an Abreise noch gar nicht zu denken ist.

    Die Tage sind zudem lang. Die Sonne taucht erst in allen erdenklichen Rot-, Gelb- und Lilatönen um 22:30 Uhr ins Meer, und der Himmel ist so unglaublich weit. Um 23:30 Uhr gehen wir langsam ins Bett, nur um gegen 7:00 Uhr wieder die Augen zu öffnen. Es ist schließlich schon seit 3 Stunden hell.

    Heute sind wir am Nachmittag – der dänische Sommer hatte morgens eine kurze Pause eingelegt – durch die angrenzende Heide- und Dünenlandschaft gewandert.

    Schwarze Krähenbeere
    Blut-Storchschnabel
    Scharfer Mauerpfeffer (eine Sedum-Art)
    Sand-Thymian
    Gemeiner Hornklee
    Ebenfalls: Gemeiner Hornklee
    Kleiner Sauerampfer
    Bunter Feld- und Wiesenstrauß mit echtem Labkraut, Grasnelken, Kornblumen und Acker-Gänsedisteln

    Mittsommer/St. Hans-Kranz

    Zugegeben – wir waren ein klein wenig mit Wildkräuter-App und Naturführer bewaffnet, aber das hat dem Entdecken keinen Abbruch gegeben. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel stellte den Blick scharf für das Kleine, Verborgene. Wir entdeckten plötzlich Grashüpfer

    und Distelfalter.

    Und so erfuhren wir mal so ganz nebenbei eine interessante Geschichte:

    Das echte Labkraut, auch Bettstroh der Jungfrau Maria genannt – das in dem Strauß mit den sehr kleinen, gelben und rispenartigen Blüten – soll der Legende nach in der Krippe des Jesuskindes gelegen haben. Allerdings ist der Kern der Legende noch sehr viel älter: Bevor der christliche Glaube in Skandinavien verbreitet wurde, hat man das wohlriechende Labkraut mit der Göttin Freja verbunden. Freja ist die Göttin der Liebe. Die uralte Tradition besagte, dass das echte Labkraut auf das Bett einer Gebärenden gestreut werden sollte. Die Kirche indes war gegen diesen heidnischen Brauch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Schließlich stimmte sie zu, die Pflanze der Heiligen Jungfrau Maria zu widmen.

    Klitzekleine „Kloge Ove“ (Klugscheißer)-Grüße sendet Euch Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Frohe Weihnachten – God Jul – Merry Christmas – Joyeux Noël – Buon Natale

    Für Jesus war kein Platz

    In der Herberge.

    Aber dort, wo er ist,

    Entsteht Herberge für die Menschen.

    Jesus hat um sich einen Raum geschaffen,

    In dem sich Menschen verstanden und gehört fühlen.

    In seiner Nähe wussten sie sich zugehörig zur Familie Gottes.

    Da haben sie ihre menschliche Würde entdeckt.

    Da entstand ein Raum des Vertrauens, in dem sie sich bedingungslos angenommen wussten.

    (Anselm Grün)

    Ich sitze in unserem bequemen grünen Sessel im Wohnzimmer. Und ich bin auferstanden von den Toten. Der erste Weihnachtsurlaubstag begrüßte mich mit Migräne – es hämmerte und ratterte in meinem Kopf, dieses Mal die linke Seite. Erst dachte ich, dass es nicht so schlimm ist, aber nach einigen Schritten in Richtung Küche sagten mir Kopf und Magen etwas anderes. Inzwischen habe ich ein Brötchen gegessen und mein persönliches Lebenselixier zu mir genommen: schwarzen Tee! Gern Assam. Nun duften meine frisch gewaschenen Haare, meine Kuscheljogginghose ist schön bequem und meine Füße stecken in dicken Socken. In Wollsocken! Eine Freundin von mir sagte einmal: „Menschen, die keine Wollsocken mögen, sind mir suspekt!“ Ich kann ihr da nur zustimmen.

    Ich betrachte meine Füße in den bunten Socken und tue nichts anderes, als sitzen und schreiben. Und das ist schön.

    Weihnachten kann kommen. Der Kühlschrank ist gefüllt – morgen müssen nur noch ein paar bestellte Sachen abgeholt werden. Und Montag das Brot. Was Brot angeht, bin ich wohl etwas paranoid. Weihnachten muss genügend Brot da sein! Es muss bestellt werden! Rechtzeitig! Ohne Brot geht’s nicht!

    Und so werden wir uns am 24. in die Schlange derer einreihen, die Brot bestellt haben und abholen müssen. Wichtig!

    Die Weihnachtszeit bei uns wird oft eingeläutet durch die Muppets Weihnachtsgeschichte mit Gonzo als Charles Dickens und Rizzo, der Ratte. Und natürlich Miss Piggy und Kermit als Ehepaar Cratchit mit dem Schweinefroschnachwuchs. Und Eberneezer Scrooge.

    Die Scrooges dieser Welt sterben nicht aus. Nur leider scheinen sie sich nicht vom Geist der Weihnacht belehren zu lassen. Keine Mildtätigkeit, keine Nächstenliebe. In den Augen nur Gier und Niederträchtigkeit, manchmal sogar Hass.

    Natürlich: zu Weihnachten drücken viele auf die Tränendrüse. Und wie soll die einsame Oma erkennen, dass der adrette Mann in Polizeiuniform ein Verbrecher ist? Sie nur um ihr Geld bringen will?

    Früher, denke ich, waren Oma und Opa an Weihnachten dabei, saßen mit am Tisch, wurden dazugeholt. Meine Mama erzählt immer, dass ihr Vater nach dem Abendbrot an Heiligabend kurz nach draußen ging, um an den Ästen des Baumes vor dem Küchenfenster zu ziehen, sodass es ordentlich raschelte und ruckelte. Als er in die kleine Küche zurückkam, in der die sechs Kinder – teilweise mit Partnern und/oder bereits eigenen Kindern – saßen, hat er immer gesagt: „Kinder, ich glaube, der Weihnachtsmann war da!“

    Und nachdem gemeinsam abgewaschen und anschließend aufgeräumt wurde, zog die Prozession ins Wohnzimmer. Jedes Kind, jeder – gern auch mal spontane – Gast bekam ein Geschenk. Alle wurden satt und waren willkommen.

    Mein Patenonkel, stationiert in Bayern, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr – vermutlich am Münchener Hauptbahnhof – eine „verlorene Seele“ aufzugabeln, die das Weihnachtsfest dann an dem kleinen Küchentisch mit den vielen Geschwistern gefeiert hat. Aus aller Herren Länder – USA, Kolumbien, aus der Schweiz – wäre ein Marsmensch am Hauptbahnhof gestrandet, er hätte anschließend am Küchentisch gesessen, hätte Mohnstollen oder Kohlsuppe gegessen und Lieder gesungen. Und er hätte ein Geschenk bekommen, einen Platz zum Schlafen und Freude erfahren.

    Diese Geschichten liebe ich. Sie sind Teil meiner Familie. Sie zeigen mir, wohin ich gehöre, warum ich die bin, die ich bin. Was mir wichtig ist und welchen Weg ich gehe – und warum.

    Und dann denke ich an meinen anderen Opa, den ich kennenlernen durfte. Opa konnte am allerbesten Weihnachtsbäume schmücken. Er hat das gute silberne Staniollametta gebügelt und die alten Kugeln aus ihren feinen Schachteln geholt, sorgsam an die Blaufichte gehängt. Manchmal hat er auch Löcher in den Stamm gebohrt und Äste umgesetzt, damit der Baum gleichmäßig war. Und die Spitze wurde angespitzt, damit der Baum eine Spitze bekommen konnte. Und Wunderkerzen kamen an den Baum.

    Opa hat meiner Mama auch ein paar blaue puschelige Hausschuhe geschenkt, als Papa sie offiziell vorgestellt hat. Das Mädchen darf doch keine kalten Füße haben! Opa war der Beste!

    Auch diese Geschichte liebe ich!

    Und ich würde sie gern alle versammeln an unserem Esstisch an Weihnachten. Eine lange Tafel mit all diesen Menschen. Denn hier ist Platz in dieser Herberge.

    In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

    Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz

    Kindheitserinnerungen und Glaskirschenmarmelade

    Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen

    Nicht’s ist besser als ne Liebe auf der Welt

    Kirschen gibt’s an Sommertagen nur solang die Bäume tragen

    Und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt

    („Kirschen“ von Nils Koppruch)

    Das Vorzeigemodell und ich, meines Zeichens ein fröhlicher Fliegenpilz, haben ein paar Tage frei. Der Sommerurlaub liegt noch in weiter Ferne. Wir haben keinen Kurztrip gebucht, keine Fahrt ans Meer geplant. Und dennoch waren die letzten Tage eine ganz persönliche Reise – in die Vergangenheit. Unkontrolliert und scheinbar zufällig wurde ich teilweise Jahre zurück katapultiert. In meinem Elternhaus gibt es nämlich einen Wandschrank. Dieser Wandschrank befindet sich in meinem alten Zimmer. Der Wandschrank hat gewisse Ähnlichkeiten mit Hermine Grangers Handtasche. Für diejenigen unter Euch, die Harry Potter nicht gelesen haben: Hermine ist in Besitz einer unscheinbaren, kleinen Damenhandtasche, aus der sie in regelmäßigen Abständen so hilfreiche Dinge wie ein riesiges 20-Personen-Zelt zieht, das sie mit sämtlichem Equipment auf ihrer Flucht vor Voldemort und seinem Gefolge in weiser Voraussicht dort untergebracht hat.

    Nun sei klargestellt, dass ich mich nicht auf der Flucht befinde, die Dimensionen von Hermines Handtasche und meines Wandschranks ähneln sich nur in gewisser Weise sehr.

    So ist es beispielsweise so, dass meine Lieben einen starken Hang zu Flohmarktbesuchen haben. Trafen wir in der Vergangenheit auf Hörspiele oder Schallplatten ertönte bisweilen häufiger folgender Spruch: „Das ist im Wandschrank!“

    Das Vorzeigemodell antwortete im Laufe der Jahre dann auch öfter mit: „Lasst mich raten! Das ist im Wandschrank?!“ Ein Running Gag in unserer Familie.

    Kurz nach Pfingsten hatte meine Mama ebenfalls ein paar Tage frei. Am darauffolgenden Freitag reiste ich mit Brause-Karl an, und fiel das erste Mal direkt in eine Zeitschleife. Der Keller stand voll mit Kisten und Kästen. Lego, Barbie-Sachen und Bücher, Bücher, Bücher. Schachteln mit Briefen meiner Brieffreundinnen, alte Zeichnungen und aufgehobene Postkarten. Einen Bruchteil dieser Kostbarkeiten konnte ich abends in meinen kleinen Flitzer laden – die Rückbank umgeklappt, angeschnallte Kästen auf dem Beifahrersitz.

    Die tropischen Temperaturen im Wonnemonat Mai brachten mich beim Ausladen am Abend ins Schwitzen. Fein säuberlich stellte ich die Kästen in unseren Eingang. Was für ein Schatz!

    Voller Aufregung öffnete ich die erste Box: Hörspielkassetten! Regina Regenbogen, Hallo Spencer, Pumuckl, Walt Disney, Alf – und natürlich Pippi Langstrumpf. Briefe, akkurat und chronologisch sortiert. Eine Karte fällt mir in die Hand: Grüße von meinem geliebten Opa. Dass es diese Karte noch gibt. Geburtstagskarten, Glückwünsche, Zeitungsartikel von der heiß geliebten Boyband, ein handgeschriebener Zettel meiner Mama, ein Begrüßungsplakat von meinem Papa nach einer ziemlich miserablen Klassenfahrt. Und böse Briefe einer vermeintlich besten Freundin, die ich feierlich im Altpapier versenke. Ich rase durch die Zeit: 1988, 1995, 1996, 1986, 1994. Hin, zurück. Und das war erst die erste Ladung.

    Eine Woche später brause ich wieder mit Karl, dem Kleinen, in Richtung Elternhaus. Ich habe frei, es ist Freitag, der erste Tag im Juni. Gewitterluft und schwül-warm. Mein Vater hat Nachtschicht und schläft. Meine Mama und ich stärken uns mit Frühstück. Das Vorzeigemodell ruft an – muss arbeiten und ist gespannt auf die weiteren Schätze. Wir fahren zu einer nahegelegenen Landpartie und werden nach kurzer Zeit evakuiert. Das angekündigte Gewitter hängt über uns wie ein Damoklesschwert, tiefschwarze Wolken, dicke Regentropfen. Wir retten uns zügigen Schrittes in die Wagenremise und warten ab: Donner und Blitze gleichzeitig und sturzbachartige Regenfälle. Das Unwetter hängt nur über uns. Das Rote Kreuz informiert regelmäßig und wir nippen an Wasser und Orangenbrause. Nach einer Stunde haben sich die Wolken entladen und das Gewitter hat sich verzogen. Wir gehen hinaus an die nunmehr frische Luft, atmen durch. Langsam schlendern wir weiter, mein Papa stößt ausgeschlafen noch dazu: Ein Eltern-Tochter-Tag! Ein Kaffee in der Schlossküche und viel Platz zum Schauen, denn das Gewitter hat viele wohl vertrieben.

    Wir genießen Platz und Ruhe, quatschen mit den Ausstellern und fahren dann wohlgemut zurück. Karl der Kleine wird wieder beladen mit Kisten und Kästen – dieses Mal ist Lego mit dabei.

    Das Gewitter hat nur kurze Abkühlung gebracht. Es ist tierisch warm und schwül. Als ich zurück fahre, hängt die Feuchtigkeit in den Bäumen rechts und links der Bundesstraße wie ein dicker Schleier. Ich lade die Kästen aus, stelle sie wieder in das Treppenhaus. Morgen reise ich wieder durch die Zeit!

    Als ich am folgenden Morgen die Kästen öffne, wirft mich der ein oder andere Brief wieder in die Vergangenheit, ein regelrechter Strudel. Manches Mal muss ich so über mich lachen. Finde gezeichnete Bildergeschichten oder eine gemalte Schneekugel – mit Vampir im Schneegestöber. Ganz natürliche Umgebung für so einen Blutsauger, insbesondere mit dem Lametta im Hintergrund.

    Und nun haben wir wieder frei. Donnerstag fuhren mein Vorzeigemodell und ich wieder zu meinen Eltern – mit dem Hektor, der Firmenwagen. Der Rest wurde eingeladen: Brettspiele und Bücher.

    An diesem Donnerstag war ich selig. Denn außer dieser Aneinanderreihung von kleinen und großen Zeitmaschinen saß ich in der größten und besten Zeitmaschine, die man sich vorstellen kann: Ich saß im Kirschbaum. Der Kirschbaum mit den Glaskirschen ist knorrig und alt, einige Äste sind morsch und es ist schwierig, in ihm zu klettern. Doch während mein Papa mit seinem Bruder und dem Vorzeigemodell einen englischen Strandkorb zusammenbaute, trohnte ich im Baum, aß und pflückte Kirschen und war meines Lebens froh.

    Die Luft war herrlich, die Vögel zwitscherten und ich hatte so viel Bullerbü im Herzen, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt. Und Kirschen in den Blumenampeln!

    Und anlässlich dieser wunderbaren Kirschenpflückerei hab ich Marmelade aus Glaskirschen gemacht.

    Dafür braucht Ihr:

    • 1 kg Glaskirschen (oder andere Kirschen), entsteint
    • 1 kg Gelierzucker 1:1

    Die Kirschen entsteinen und in einen großen Topf geben. Ein Kilo Gelierzucker drüber streuen und zwei Stunden ziehen lassen. Es duftet irgendwann wie Marzipan.

    Nach den zwei Stunden den Topf auf den Herd stellen und alles aufkochen, dabei ständig rühren!

    Wenn die Masse anfängt zu kochen – rühren, rühren, rühren! Eine Gelierprobe machen und wenn die Masse geliert, in vorbereitete Gläser abfüllen.

    Fertig!

    Auf ins Abenteuer – Austernsafari auf Mandø

    Die Wathose sitzt, kneift nur ein bisschen unter den Armen und trägt ein wenig auf. Aber das dunkle Grün schmeichelt dem Teint, denn die Nase leuchtet schon rot in der herbstlichen Sonne. Der Sturm hat das wenige Laub von dem kleinen Eiland gepustet, die Wolken weggefegt und den Himmel blank geputzt – hellblau liegt er vor uns. Hat mit seinem faserigen Pinsel kleine Wölkchen gemalt – ganz hoch oben. Um unsere Schultern geschwungen tragen wir eine Tasche aus demselben Material wie die Hüfthosen. Die Taschen haben Löcher am Boden – spannend. Und während wir wie John Wayne das Pferd – Verzeihung – den Pferdewagen besteigen und Platz nehmen, steigt die Spannung, wohin die Reise geht.

    Nachdem Yoga-Castle, Æblerø und rotes Cordsofa mitsamt unzähliger Kisten verschiedenster Art und Herkunft ca. 4 km östlich umgezogen waren, zogen wir erneut los, landeten auf „unserer“ Insel, strandeten auf Mandø. Nachdem der Sommerurlaub in weiteste Ferne gerückt ist, hat uns die Sehnsucht mit stahlharter Hand gepackt und nicht mehr losgelassen. Der Urlaub war wohlverdient und nötig.

    Und nun rumpelt, zieht und zockelt der Pferdewagen los. Und wir sind nicht allein. Eine Truppe engagierter Jäger sitzt mit uns auf dem Wagen, lacht, grinst und ist gleichermaßen gespannt wie neugierig, was diese Safari denn so bieten wird. Schnell wird klar – keiner hat diese Safari jemals vorher gemacht, alle sind grün hinter den Ohren. Jedoch – die Erfahrung „Wathose“ haben die Jäger uns voraus.

    Als wir dann weit ins Wattenmeer hinausgefahren sind, stoppt der Pferdewagen. Unser persönlicher Chauffeur, der sympathisch-wortkarge Ove, geht straffen Schrittes auf das Meer zu und watet durch die Nordsee in Richtung Austernbank. Wir schauen uns an und stapfen hinterher. Das Gefühl ins unbezahlbar – die Wathose saugt sich an den Beinen fest, es wird kalt, bleibt aber – dem Meeresgott und dem Karl Lagerfeld der Wathosen sei dank – trocken, aber das Wasser steigt. Der Untergrund wird krümelig, sandig und etwas uneben. Hat der eine Jäger eben gerade gesagt, dass es noch tiefer wird? Meine Mutter und ich gucken uns entsetzt an – und sacken fünf Zentimeter ab. Großartig. Eine Handbreit wäre dann noch Platz für erfrischendes Nordseewasser von außen!

    Eine helfende Jägershand streckt sich uns entgegen und wir waten ans rettende Muschelufer. Ich kann ein Ächzen nicht unterdrücken und stakste wie der sprichwörtliche Storch im Salat über die Muschelbank und sacke mit lautem Schmatzen in das stellenweise schmierige Muschel-Sand-Gemisch ein. Ob hier schon mal jemand umgekippt ist? Ich versuche, das Gleichgewicht zu halten und zu verstehen, wie genau die Auster aussehen muss, damit sie den Weg in die löchrige Umhängetasche finden darf. Mit einem lauten „Klatsch“ schmeißt Ove uns Austern vor die Füße – als hätte er Gedanken gelesen. So also – aha! Mit den speziellen Handschuhen greifen wir in das eiskalte Wasser, fischen Austern und Miesmuscheln heraus und färben unsere Fingernägel in schmückendes Schwarz. Irgendwann – die Nase läuft, die Wangen sind gerötet – wird allen klar, dass auch noch der Rückweg ansteht. Wir waten also zurück durch das über bauchnabelhohe Wasser und folgen Oves Aufforderung, die löchrige Tasche mit unserer Jägersbeute hinter uns herzuziehen, was einer kleinen sportlichen Höchstleistung gleicht und Schnauben hervorruft.

    Doch am rettenden Ufer angelangt, werden wir belohnt. Mit einer Engelsgeduld öffnet Ove die frischen Austern direkt vor Ort und versorgt alle „Safarianten“ mit der köstlichen Meeresgabe. Erwartungsvoll blicken ihn zehn Augenpaare an, als er in aller Seelenruhe Plastiksektgläser in den weichen Sand steckt, in seiner linken Hand eine Champagnerflasche in den blauen Himmel streckt und mit seiner rechten doch tatsächlich einen Säbel hervorzaubert. Ove hebt die Stimme und zählt auf Dänisch von 3 rückwärts – mit einem feinen, klingenden „Sssing“ trennt er den Korken sauber aus dem Flaschenhals und gießt die gülden schimmernde Flüssigkeit in die Gläser. Wir applaudieren, sind begeistert, schlürfen Champagner und essen die Austern.

    „Kys havet på munden“ – so der Slogan von Mandø Event für dieses besondere Erlebnis. Sinngemäß übersetzt: Gib dem Meer einen Kuss auf den Mund! Und so ist es, so schmeckt es – nach Meer. Es schmeckt so, als wenn Neptun selbst einen unglaublich intensiven Meeres-Cocktail gemixt hätte.

    Ich hätte nie gedacht, dass etwas so köstlich sein kann und so ursprünglich, so naturverbunden. Als wir auf dem Rückweg über das Wattenmeer fahren, sehen wir sog. „Schwarze Sonnen“ am Himmel – Abermillionen Stare, die sich immer wieder neu formieren und in unglaublich geschmeidigen Bewegungen hoch und runter stürzen. Robben liegen auf Sandbänken, ein Fuchs läuft am Deich entlang, Brand- und Nonnengänse fliegen über uns hinweg, ein stetiges Schnattern liegt in der Luft. Die Pferde traben und traben – sie kennen den Weg nach Hause. Wir wärmen unsere kälten Hände, indem wir den warmen Atem hineinpusten und grinsen uns fröhlich und zufrieden an.

    Als wir am Landhandel ankommen, stehen Gasgrills bereit. Nachdem wir uns aus den Wathosen geschält haben und teilweise doch das eine oder andere Leck feststellen mussten, legen wir unsere gesammelten Austern und Miesmuscheln darauf und erleben ein weiteres Geschmackserlebnis. Gratinierte Austern – fantastisch, köstlich!

    Etwas tiefgefroren mit klammen Händen, roten Nasen und kalten Ohren gehen wir zurück in unser gemütliches Nest, entfernen den Rest Watt, genießen das heiße Wasser der Dusche und den warmen Tee. Was für ein Abenteuer! denken wir als wir eingekuschelt auf dem Sofa liegen und den Ausflug Revue passieren lassen. Mandø – Du bist wunderbar!

    Wer sich an Austern wagt, wird belohnt. Roh vielleicht wirklich nicht jedermanns Sache, gratiniert für jeden Meeresfrüchte-Liebhaber ein Genuss.

    Für gratinierte Austern braucht Ihr:

    • frische Austern (und ein spitzes Messer, mit dem Ihr die Austern öffnen könnt)
    • Tomaten in Würfel geschnitten
    • Glutenfreies Paniermehl
    • Pfeffer
    • Geriebenen Parmesan

    Ich würde die Austern als Vorspeise servieren. Drei Austern pro Person sind ausreichend.

    Legt die Austern in der Schale in eine feuerfeste Auflaufform und würzt sie mit Pfeffer. Legt die kleingeschnittenen Tomaten drauf, bestreut sie mit Paniermehl und dem Parmesan. Dann stellt Ihr die Austern für ca. 15 Minuten in dem vorgewärmten Backofen (160 Grad).

    Fertig!

    Probiert es aus! Es lohnt sich!

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    Wichtig!

    Solltet Ihr einmal an einem Ort Urlaub machen, an dem es Austern gibt, solltet Ihr Euch immer im Vorfeld erkundigen, ob man dort als Otto-Normalverbraucher Austern ernten darf. Es gibt Gebiete, die sind Leuten vorbehalten. Außerdem sind Austern ein Naturprodukt. Bei einer speziellen Austernsafari mit einem Guide darf man Austern suchen und verzehren. Es findet logischerweise aber keine Lebensmittelkontrolle statt.

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    Von Meerjungfrauen und einem dänischen Glücksgefühl

    Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müssten aufeinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser zu reichen.

    (Die kleine Seejungfrau – Hans-Christian Andersen

    Der Urlaub ist schon Wochen her – es fühlt sich an wie Monate. In weiter Ferne liegt der Erholungsort, die herrlich wunderbar lässigen Tage, an denen man von der Sonne wachgeküsst wurde.

    Vogelgezwitscher, Frühstücksduft, Meer. Ausschlafen, Wachbleiben, Blumenpflücken. Essenkochen, Lesen, Reden, in die Sonne schauen. Gedanken treiben lassen, Steine bemalen. Kränze binden, über Flohmärkte streifen, Freunde besuchen. Wäsche in den Wind hängen, Vögel beobachten, Lachen.

    Ist der Urlaub wirklich erst oder schon vier Wochen her? Ein Blick auf den Kalender bestätigt diesen wirren Gedanken. Vier Wochen!

    Morgens fühlt es sich schon so nach Herbst an. Die Luft riecht schon danach, herbstlich eben. Auch wenn in den letzten Tagen eine schwüle Dunstglocke über uns hing; er nähert sich: der Herbst.

    Meine Gedanken wandern, sind oft auf der kleinen Perle im Wattenmeer – auf Mandø. Hier, in einem wunderbaren Ferienhaus mit Blick auf ein großes Feld, habe ich mit meinen Liebsten meine Batterien aufgeladen. Abends saßen auf dem Feld hinter dem Haus fünf Hasen. Morgens beobachteten wir Bachstelzen mit ihren Jungen. Morgens duftete es im Haus nach Frühstück – schwarzer Tee, Kaffee, Brötchen – wunderbare Gerüche. Eine angenehme Trägheit, alles kann, nichts muss. Abends ging die angenehme Trägheit über in eine Gemütlichkeit – in Hygge.

    Ein viel zitiertes, in der letzten Zeit von den Medien oft aufgegriffenes Wort, ein Lebensgefühl, das meist den Dänen zugeschrieben wird – das soll „Hygge“ sein. Ich frage mich, ob ich nun mit auf den „Hygge“-Zug aufspringen soll. „Hygge“ ist in vielen Dingen – aber besonders in den Momenten, in denen man einfach fühlt, riecht, schmeckt, sieht und berührt. Das kann von dem wohligen Gefühl warm eingepackter Füße vor einem Kamin über ein Stück Lieblingskuchen über eine gesellige Runde mit einfachem Essen bis zu einem guten Buch reichen, das man in seinem Lieblingssessel liest.

    Der Zauber an „Hygge“ ist – denke ich – dass man „Hygge“ sehen will, dass man es zulassen muss, „Hygge“ zu fühlen. Im gewissen Sinn hat „Hygge“ auch etwas mit einem inneren Gleichgewicht zu tun, mit Achtsamkeit nach innen und nach außen. Das hat nichts damit zu tun, dass man naiv nur das Gute sieht. Aber die Gewichtung der Dinge wird eine andere, wenn man versucht, immer einer Sache auch etwas Gutes abzugewinnen. Sicherlich ist es echt total schade, dass der angedachte Flohmarktbesuch ins Wasser fällt und es vom Himmel schifft, als kenne der Wettergott kein morgen, aber ist es nicht „hyggelig“, dass wir uns danach frisch geduscht in warmen Klamotten vor den Kamin kuscheln können und die leckerste Suppe aus bunten Schüsseln löffeln? Und hinterher – ja, hinterher gibt es noch ein Stück Kuchen oder einen von diesen köstlichen „Flødebollern“ – Schokoschaumküsse mit einem Marzipanboden und knackiger Schokolade drumherum.

    „Hygge“ also…

    Vogelgezwitscher, Frühstücksduft, Meer. Ausschlafen, Wachbleiben, Blumenpflücken. Essenkochen, Lesen, Reden, in die Sonne schauen. Gedanken treiben lassen, Steine bemalen. Kränze binden, über Flohmärkte streifen, Freunde besuchen. Wäsche in den Wind hängen, Vögel beobachten, Lachen.

    Und vielleicht bald ein farbenfroher Regen aus Herbst 🍂

    Was ist Deine persönliche „Hygge“-Liste? Schon mal drüber nachgedacht?

    Bleibt hyggelig,

    Euer Frøken Fluesvamp 🍄