Komm lieber Mai…Von Maikäfern, Sturmböen und Wolldecken

Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün!

Früher zog eine Blaskapelle durch das kleine Dorf, dort, wo ich aufgewachsen bin. Und alles sang und lockte den Mai. Ab dem 1. Mai wurde alles grüner, freundlicher, saftiger und satter. Alles blühte. Ein Maibaum wurde aufgestellt, es würde darum getanzt. In manchen Orten schleppte der Verliebte seiner Angebeteten einen Maibaum durch das ganze Dorf, um ihn des Nachts in den Vorgarten zu stellen und – GANZ WICHTIG – zu bewachen! Denn die Angebetete sollte den Birken-Romeo ja schließlich am nächsten Morgen komplett sehen. Nicht nur Mann, Mann mit Baum – ich und mein Holz quasi. So war das, und ich fand’s schön. Auch wenn mir niemals irgendwer einen Baum in den Vorgarten gestellt hat.

Und Maikäfer gab es früher gefühlt irgendwie mehr. Es waren unzählige, und Kinder haben Sie aufgeteilt in Schornsteinfeger, Müller, Bäcker und Kaiser und in Tüten gesammelt, haben sie auf ihren Fingern krabbeln lassen, bis sie mit kräftigem Gebrumm davon flogen. Maikäfer flieg!

Der gute Liedermacher und Herzensmensch Reinhard Mey, der poetischste Mey-Käfer unter allen, hat dem wunderbaren Geschöpf auch ein Lied gewidmet. Es gibt keine Maikäfer mehr, heißt das Lied, in dem er den Einsatz des Insektizids DDT, das inzwischen verboten ist, thematisiert, und das dafür eingesetzt wurde, die „Schädlinge“ zu bekämpfen. Weil die Engerlinge die Laubbäume von der Wurzel her auffressen… Engerlinge also… die großen Waldkiller…

Nun, die Maikäfer haben sich zur Wehr gesetzt und es gibt sie eben doch noch. Nicht in der Vielzahl wie damals, aber es gibt sie. Und wenn eines dieser wunderbaren Flugobjekte mit lautem Gebrumm auf mich zusteuert, dann freue ich mich wie ein Schneekönig.

Einmal, vor etwa fünf oder sechs Jahren, kehrten wir gerade von einem Mittelaltermarkt zurück. Zu Walpurgis waren wir nach Bad Bodenteich gereist, hatten die Gewandung angelegt und die schwarzen Rösser vor die Kutsche gespannt. Es war mitten in der Nacht, als wir im gelblichen Licht des Geschäftes, vor dem wir geparkt hatten, Dutzende Maikäfer sahen. Sie brummten, krabbelten, flogen, schwirrten um das Licht. Und wir sammelten Herrn Sumsemann und seine Verwandten ein und setzten sie in die Buchenbüsche, befreiten sie von den Irrlichtern, auf dass sie nicht ihr sechstes Beinchen verloren.

Lange Zeit glaubte ich auch, dass Reinhard Mey sein Maikäfer-Lied für meinen Paps geschrieben hatte. Mein Vater hatte als Kind eine Hose geschenkt bekommen, am der sogenannte Knebelknöpfe angebracht waren. Als kleiner Junge, der er damals war, dachte er aufgrund der Form und Farbe, dass es Engerlinge waren, schnitt sie kurzerhand ab und vergrub sie im Garten. Die Engerlinge sollten ja zu Maikäfern werden.

Seit vielen Jahren – findet in Hannover zum 1. Mai auch immer das sogenannte Maikäfer-Treffen statt. Wenn bereits am 30. April die freundlichen VW-Käfer und Bullys in Richtung Messegelände brummen, hüpft mein Herz vor ungebändigter Freude.

Mit stolzgeschwellter Brust sitzen die Maikäfer- und Bully-Besitzer hinter dem Lenkrad ihres Automobils und lenken die glänzende Karosse über die Straßen, geben wohlgemut Auskunft, erzählen Geschichten von Fahrten entlang der englischen Küste bis Cornwall, von Schweiß-Workshops und autodidaktischem Polsternäh-Abenden, von Tuckern, Schrauben und plötzlichem Stillstand.

Mit einem VW-Bully durch Skandinavien, denke ich, und vor meinem inneren Auge erscheint eine Route.

Wir schlendern an diesem 30. April zurück zu Karl, dem Kleinen – mein kleiner roter Flitzer, dessen VW-Zeichen in der Sonne funkelt, ein kleines bisschen wie eine Mischung aus Käfer und Bully. Dann fahren wir nach Hause, gehen früh schlafen – denn morgen ist Flohmarkt, am 1. Mai.

Und kalt ist es an diesem Morgen. Ein eisiger Wind weht über die Streuobstwiese, und er nimmt sogar noch zu. Sturmböen mit Windstärke 8, die Ohren rauschen. Der Tapeziertisch wackelt verdächtig, wir stellen die schweren Dinge drauf.

Der Pavillon bleibt in seiner Tüte. Und wir frieren, trinken Kaffee und Tee, essen Milchreis mit Zimt und Zucker, und Kuchen mit Rhabarber oder mit Schokolade. „Flohmarkt in Warschau!“ kommentiert Thomas, der Mann meiner Freundin Sandra, als wir uns die Decken um die Beine schlingen.

Wir stehen seit 5:30 Uhr dort draußen und der Wind nimmt nicht ab. Mehr Kaffee, mehr Tee, mehr Kuchen. Trotz dieses stürmischen 1. Mai kommen die Besucher, haben wir Spaß und verkaufen unseren Trödel. Bekommen Besuch von Mama und Papa – Maikäferfreunden:

Um 15:00 Uhr streichen wir die Segel, packen ein und wickeln die Reste in Zeitungspapier. Die Sitzheizung läuft auf der Rücktour auf höchster Stufe, doch die Fahrt ist kurzweilig, denn es ist Abreisezeit beim Maikäfer-Treffen. Schon von Weitem erkennen wir die runden Dächer der brummenden Käfer und die freundlichen Farben der Bullys. Gegenseitig rufen wir uns zu: „Schau mal hier! Guck mal – dort!“ Und trotz müder Beine, steifen Schulter und trotz Durchgefrorensein liegen wir zufrieden und glücklich letztlich aufgetaut und frisch gebadet auf dem Sofa.

„Komm, lieber Mai!“

Euch allen einen wunderbaren Wonne-Monat! Möget Ihr viele hübsche Maikäfer sehen!