Moldowische Frühlingsboten

Die Sonne lacht in unsere Höhle. Das Vorzeigemodell und ich haben heute Mittag einen Spaziergang gemacht und den Boden nach Neunerlei abgesucht. Neunerlei? Neun Wildkräuter, die früher traditionell in die Grüne-Neune-Suppe an Gründonnerstag kamen. Wobei es sich bei den Wildkräutern um die vorwitzigen Ersten handelte wie Giersch, Bärlauch, Gundermann. Bärlauch und Giersch haben wir gefunden. Gundermann oder auch Gundelrebe war noch etwas verschlafen. Doch der Frühling kommt mit Macht. Hummeln und sogar die ersten Schmetterlinge, brüllende Amseln, Stare und freche Blaumeisen begleiteten uns. Die Luft so klar. Und während wir so dahinschritten, fiel uns ein, dass wir heute noch zur Tat schreiten müssen. Unsere moldowischen Frühlingsboten müssen noch an einen Baum. Johnny B. – seines Zeichens stolze Johannisbeere und Baum, kein Strauch oder Busch – wird nachher behängt.

Denn es war so. An einem dieser Wochenenden, an denen eines dieser Sturmtiefs über Niedersachsen sauste wie Diven in rauschenden Ballkleidern, hatten wir Besuch. Mein Vorzeigemodell hatte seiner Spielsucht gefrönt und hatte mal wieder als verschollener Gallier namens Organisatorix alles, was Spaß und Freude an sog. Tabletop und Skirmish-Games hat an – logisch – die Tische geholt. Und so kam es, dass wir abends eine Geschichte aus Moldawien erfuhren.

Veronika brachte uns nämlich einen Anstecker mit. Für den Mann eine weiß-rote Schleife an dessen Ende zwei rot-weiße Quadrate hingen. Und für die Frau zwei winzige Häkelblumen in rot und weiß und ein grüner Stengel.

Veronika forderte uns auf, diesen Anstecker ans Revers unseres Mantels zu heften. Auf die linke Seite, beim Herzen. Das sei wichtig. Und eigentlich, so sagte sie, stecke man es sich am 1. März an das Revers. Am 31. März nehme man es ab und hänge es an einen Baum. Und dann, ja dann, kommt der Frühling.

Die Tradition ist schon sehr alt und beruht auf einer alten Geschichte. Als ich gerade versuchte, sie nochmal zu ergooglen, fand ich die Geschichte zwar nicht, aber ich lernte, dass Moldawien das unbeliebteste Urlaubsland Europas sein soll. Das wird gemessen an den Einreisenden. Etwas über 1.100 Deutsche waren es im Jahr 2017 laut einem Artikel aus der Zeit. Das landet an „guten Tagen“ täglich auf Malle…

Aber zurück zur Geschichte. Einstmals wurde die Sonne gestohlen, und ein junger furchtloser Mann zog los, um die Sonne wieder zu bekommen. Die Welt versank im Schnee, und während der junge Abenteurer sich durch die eisigen Massen kämpfte, verletzte er sich und sein Blut tropfte auf den Schnee. Da bekamen die Diebe Mitleid und gaben die Sonne wieder frei.

Mich berührte diese Geschichte. Und voller Stolz steckte ich mir diesen Frühlingsboten an meinen Mantel. Nachher – wenn ich mit meinem Vorzeigemodell gegessen habe – werde ich den Boten abnehmen und an Johnny B. hängen.

Und dann renne ich wie einst Ronja Räubertochter barfuß durch unsere Höhle und lasse meinen Frühlingsschrei erklingen. Denn das ist es doch, was wir alle wollen: Frühling und Frieden!

Ein Neujahrsspaziergang und ein Sturmbündel

Es stürmt. Der Regen prasselt an die Fenster, und ich sitze auf dem roten Cordsofa. Die Äste der Zaubernuss peitschen gegen die Regenrinne. Unsere beiden Mitbewohner zwutscheln zufrieden ihr Sittichliedchen nebenan. Sie haben das Geknalle und Geböllere gut überstanden. Ich habe noch nie Böller angezündet. Wunderkerzen, ja, Böller, Raketen – nein. Und so auch gestern nicht oder heute Morgen.

Viel lieber begrüße ich das neue Jahr, indem ich am späten Morgen einen Neujahrsspaziergang mache. Lang und ausgiebig, die Luft tief einatmen und sich zu fragen, wie das neue Jahr so daherkommt.

Wir hatten schon allerlei Wetter: Schnee, Glatteis, Eiseskälte. Heute: Sturm. Doch als wir – mein Vorzeigemodell und ich – heute durch die Eilenriede gingen, tat der Himmel uns einen Gefallen und wir blieben trocken. Die Sonnenstrahlen tauchten die kahlen Bäume in goldenes Licht. Und an einem Futterplatz konnten wir einen wunderschönen Buntspecht beobachten.

Fast automatisch setzten wir die Füße einen vor den anderen und erzählten, schwiegen, gingen unseren Gedanken nach, redeten und spazierten.

Nebenbei haben wir schöne, heruntergefallene Äste gesammelt. Wofür? Für einen Aststrauß. Ein Ritual aus den Rauhnächten, welches besagt, dass man am Neujahrstag Äste sammeln und zu einem Bündel zusammenbinden soll. Dieses Bündel soll dann als Schutz an einem Ort an Haus oder Wohnung gehängt werden, und dabei soll man sprechen: „Ich geb Dir Deins. Lass Du mir meins!“ Der Wind soll sich in den Ästen verfangen und damit spielen und nicht das Heim zerstören. Ein schöner Brauch, wie ich finde.

Und während ich hier so sitze, stürmt es. Und ich höre unseren dritten Mitbewohner. Auch ihm ist es zu stürmisch und regnerisch draußen: Randell, der Hausmarder, legt mal wieder eine Stippvisite ein. Und ich höre die kleinen Tatzen im Dachkasten trappeln.

Gleich werde ich die Äste bündeln und auf Æblerø oder Pæreø hängen.

Und dann bin ich gespannt, was dieses neue Jahr für mich, für uns bereithält.

Bleibt alle gesund und fröhlich!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Kindheitserinnerungen und Glaskirschenmarmelade

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen

Nicht’s ist besser als ne Liebe auf der Welt

Kirschen gibt’s an Sommertagen nur solang die Bäume tragen

Und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt

(„Kirschen“ von Nils Koppruch)

Das Vorzeigemodell und ich, meines Zeichens ein fröhlicher Fliegenpilz, haben ein paar Tage frei. Der Sommerurlaub liegt noch in weiter Ferne. Wir haben keinen Kurztrip gebucht, keine Fahrt ans Meer geplant. Und dennoch waren die letzten Tage eine ganz persönliche Reise – in die Vergangenheit. Unkontrolliert und scheinbar zufällig wurde ich teilweise Jahre zurück katapultiert. In meinem Elternhaus gibt es nämlich einen Wandschrank. Dieser Wandschrank befindet sich in meinem alten Zimmer. Der Wandschrank hat gewisse Ähnlichkeiten mit Hermine Grangers Handtasche. Für diejenigen unter Euch, die Harry Potter nicht gelesen haben: Hermine ist in Besitz einer unscheinbaren, kleinen Damenhandtasche, aus der sie in regelmäßigen Abständen so hilfreiche Dinge wie ein riesiges 20-Personen-Zelt zieht, das sie mit sämtlichem Equipment auf ihrer Flucht vor Voldemort und seinem Gefolge in weiser Voraussicht dort untergebracht hat.

Nun sei klargestellt, dass ich mich nicht auf der Flucht befinde, die Dimensionen von Hermines Handtasche und meines Wandschranks ähneln sich nur in gewisser Weise sehr.

So ist es beispielsweise so, dass meine Lieben einen starken Hang zu Flohmarktbesuchen haben. Trafen wir in der Vergangenheit auf Hörspiele oder Schallplatten ertönte bisweilen häufiger folgender Spruch: „Das ist im Wandschrank!“

Das Vorzeigemodell antwortete im Laufe der Jahre dann auch öfter mit: „Lasst mich raten! Das ist im Wandschrank?!“ Ein Running Gag in unserer Familie.

Kurz nach Pfingsten hatte meine Mama ebenfalls ein paar Tage frei. Am darauffolgenden Freitag reiste ich mit Brause-Karl an, und fiel das erste Mal direkt in eine Zeitschleife. Der Keller stand voll mit Kisten und Kästen. Lego, Barbie-Sachen und Bücher, Bücher, Bücher. Schachteln mit Briefen meiner Brieffreundinnen, alte Zeichnungen und aufgehobene Postkarten. Einen Bruchteil dieser Kostbarkeiten konnte ich abends in meinen kleinen Flitzer laden – die Rückbank umgeklappt, angeschnallte Kästen auf dem Beifahrersitz.

Die tropischen Temperaturen im Wonnemonat Mai brachten mich beim Ausladen am Abend ins Schwitzen. Fein säuberlich stellte ich die Kästen in unseren Eingang. Was für ein Schatz!

Voller Aufregung öffnete ich die erste Box: Hörspielkassetten! Regina Regenbogen, Hallo Spencer, Pumuckl, Walt Disney, Alf – und natürlich Pippi Langstrumpf. Briefe, akkurat und chronologisch sortiert. Eine Karte fällt mir in die Hand: Grüße von meinem geliebten Opa. Dass es diese Karte noch gibt. Geburtstagskarten, Glückwünsche, Zeitungsartikel von der heiß geliebten Boyband, ein handgeschriebener Zettel meiner Mama, ein Begrüßungsplakat von meinem Papa nach einer ziemlich miserablen Klassenfahrt. Und böse Briefe einer vermeintlich besten Freundin, die ich feierlich im Altpapier versenke. Ich rase durch die Zeit: 1988, 1995, 1996, 1986, 1994. Hin, zurück. Und das war erst die erste Ladung.

Eine Woche später brause ich wieder mit Karl, dem Kleinen, in Richtung Elternhaus. Ich habe frei, es ist Freitag, der erste Tag im Juni. Gewitterluft und schwül-warm. Mein Vater hat Nachtschicht und schläft. Meine Mama und ich stärken uns mit Frühstück. Das Vorzeigemodell ruft an – muss arbeiten und ist gespannt auf die weiteren Schätze. Wir fahren zu einer nahegelegenen Landpartie und werden nach kurzer Zeit evakuiert. Das angekündigte Gewitter hängt über uns wie ein Damoklesschwert, tiefschwarze Wolken, dicke Regentropfen. Wir retten uns zügigen Schrittes in die Wagenremise und warten ab: Donner und Blitze gleichzeitig und sturzbachartige Regenfälle. Das Unwetter hängt nur über uns. Das Rote Kreuz informiert regelmäßig und wir nippen an Wasser und Orangenbrause. Nach einer Stunde haben sich die Wolken entladen und das Gewitter hat sich verzogen. Wir gehen hinaus an die nunmehr frische Luft, atmen durch. Langsam schlendern wir weiter, mein Papa stößt ausgeschlafen noch dazu: Ein Eltern-Tochter-Tag! Ein Kaffee in der Schlossküche und viel Platz zum Schauen, denn das Gewitter hat viele wohl vertrieben.

Wir genießen Platz und Ruhe, quatschen mit den Ausstellern und fahren dann wohlgemut zurück. Karl der Kleine wird wieder beladen mit Kisten und Kästen – dieses Mal ist Lego mit dabei.

Das Gewitter hat nur kurze Abkühlung gebracht. Es ist tierisch warm und schwül. Als ich zurück fahre, hängt die Feuchtigkeit in den Bäumen rechts und links der Bundesstraße wie ein dicker Schleier. Ich lade die Kästen aus, stelle sie wieder in das Treppenhaus. Morgen reise ich wieder durch die Zeit!

Als ich am folgenden Morgen die Kästen öffne, wirft mich der ein oder andere Brief wieder in die Vergangenheit, ein regelrechter Strudel. Manches Mal muss ich so über mich lachen. Finde gezeichnete Bildergeschichten oder eine gemalte Schneekugel – mit Vampir im Schneegestöber. Ganz natürliche Umgebung für so einen Blutsauger, insbesondere mit dem Lametta im Hintergrund.

Und nun haben wir wieder frei. Donnerstag fuhren mein Vorzeigemodell und ich wieder zu meinen Eltern – mit dem Hektor, der Firmenwagen. Der Rest wurde eingeladen: Brettspiele und Bücher.

An diesem Donnerstag war ich selig. Denn außer dieser Aneinanderreihung von kleinen und großen Zeitmaschinen saß ich in der größten und besten Zeitmaschine, die man sich vorstellen kann: Ich saß im Kirschbaum. Der Kirschbaum mit den Glaskirschen ist knorrig und alt, einige Äste sind morsch und es ist schwierig, in ihm zu klettern. Doch während mein Papa mit seinem Bruder und dem Vorzeigemodell einen englischen Strandkorb zusammenbaute, trohnte ich im Baum, aß und pflückte Kirschen und war meines Lebens froh.

Die Luft war herrlich, die Vögel zwitscherten und ich hatte so viel Bullerbü im Herzen, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt. Und Kirschen in den Blumenampeln!

Und anlässlich dieser wunderbaren Kirschenpflückerei hab ich Marmelade aus Glaskirschen gemacht.

Dafür braucht Ihr:

  • 1 kg Glaskirschen (oder andere Kirschen), entsteint
  • 1 kg Gelierzucker 1:1

Die Kirschen entsteinen und in einen großen Topf geben. Ein Kilo Gelierzucker drüber streuen und zwei Stunden ziehen lassen. Es duftet irgendwann wie Marzipan.

Nach den zwei Stunden den Topf auf den Herd stellen und alles aufkochen, dabei ständig rühren!

Wenn die Masse anfängt zu kochen – rühren, rühren, rühren! Eine Gelierprobe machen und wenn die Masse geliert, in vorbereitete Gläser abfüllen.

Fertig!

Kommste kieken? – Von Flohmärkten und Fischterrinen

Unsere Mägen sind wunderbar gefüllt vom Frühstück bei Lina Rothenberger und wir stürzen ins Berliner Leben, strecken die neugierigen Nasen in die Berliner Luft und reißen die Augen auf.

Was unser Begehr ist? Flohmarktschätze! Gegenstände mit Geschichte, manchmal auch nur das Betrachten schöner und unbekannter Dinge. Wenn ein alter Teddybär, die Nase von den vielen Gute-Nacht-Küssen schon ganz licht, mit treuen, gläsernen Augen traurig schaut, schaue ich zurück und frage mich oft: „Was Du wohl schon gesehen hast?“

Manchmal ist es auch beklemmend, wenn einem angelaufene Messingrahmen mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Großfamilien in die Hände fallen. Oder geliebte, lederne oder samtene Poesiealben. Diese kleinen Büchlein liegen oft dort auf den Tischen. Manche noch in Sütterlin beschriftet. Gab es keinen mehr in der Familie, der dieses Kleinod an sich nehmen wollte?

Doch Flohmarktsucht wäre nicht Flohmarktsucht, wenn es nicht die nette Geschichten zum erhandelten Stück gäbe oder ein nettes Gespräch und manchmal auch ein wahres Schnäppchen.

Ich erinnere mich an einen Flohmarktbesuch in Berlin und die Entdeckung einer alten Fischterrine, vermutlich aus den 1930er Jahren. Mein Vater betrachtete das gute Stück und fragte den Ur-Berliner hinter seinem Stand, was er denn wohl dafür berappen müsse. Die Summe, die genannt wurde, war meinem Vater zu hoch – hatte der Fisch, der auf dem Deckel der Terrine trohnte doch auch einen Riss. Die Terrine wurde also wieder dort platziert, mein Vater schüttelte mit dem Kopf und zog vondannen. Wir, das Schauspiel von weiter weg beobachtend, wurden Zeuge eines unvergessenen Handels. Der Ur-Berliner, vermutlich in seiner Ehre als Flohmarkthändler gekränkt, nahm die Terrine in seine Hände, trat hinter seinem Stand hervor und rief meinem Vater hinterher:

„Ey, Meester, ick bin doch so unjeschickt mit Porzellan!“

Und so packte der Ur-Berliner dem Meester dit Porzellanteil ziemlich jeschickt in Papier ein – zu dem Meester-Preis. Jutes Geschäft!


Berlins Flohmarkt-Kultur ist – wie ich finde – geschmeidiger als anderswo in Deutschland. Das Angebot ist groß.

Wir haben uns dieses Mal für den Flohmarkt am Schöneberger Rathaus entschieden (nicht empfehlenswert) und für den Flohmarkt am Fehrbelliner Platz. Hier wurden wir fündig, erworben LPs von Queen und von Reinhard Mey, einen Stopf-Fliegenpilz und eine Emaille-Backform.


Am zweiten Tag zog es uns dann in den Mauerpark und zum Arkonaplatz – beide Flohmärkte ganz in der Nähe der berühmten Bernauer Straße.

Geschichtsaffin wie wir nun mal sind, schweifen unsere Augen über dieses 1,4 km lange Denkmal – der alte Grenzstreifen. Ein zentraler Erinnerungsort an die deutsche Teilung, gelegen im Zentrum der Hauptstadt. Sucht man einen Parkplatz, um zum Flohmarkt am Mauerpark zu gelangen, trifft man auf dem Areal der Gedenkstätte auf das letzte Stück der Berliner Mauer.

Dieses Stück ist, lt. Homepage der Gedenkstätte Berliner Mauer, in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben und soll einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermitteln. Anhand der weiteren Reste und Spuren der Grenzsperren sowie der dramatischen Ereignisse an diesem Ort wird exemplarisch die Geschichte der Teilung nachvollziehbar.

Bedrückend und merkwürdig faszinierend zugleich ist dieser Teil Berlins. Für mich ist es schwer vorstellbar, so eingesperrt zu sein. Egal ob Ost oder West, meiner Freiheit beraubt – das ist erdrückend und bedrückend, und ich bin nachdenklich und dann dankbar. Schüttele mich kurz und gehe dann mit meinen Lieben zum Mauerpark hinüber, wo wir auf eine bunte Vielfalt treffen. Nicht nur unzählige Flohmarktstände mit den abenteuerlichsten Dingen, die feilgeboten werden. Nein, es gibt auch kleine Food-Trucks, Bullis und Wagen mit Köstlichkeiten aus aller Herren Länder. In den aufgereihten Bananenkartons werden wir tatsächlich fündig: Eine Kanne von Seltmann-Weiden, Serie Patricia Roter Apfel, eine süße Keramikdose für „Heiße Würstchen“, eine Märchen-LP und eine LP von Pippi Langstrumpf.



Wir treffen auf Kuriositäten, auf tolle Möbel, auf freundliche Menschen und merken nicht, wie die Zeit vergeht. Plötzlich sind zwei Stunden vergangen und wir schlendern hinüber zum Arkona-Platz. Diesen Flohmarkt mag ich besonders. Er hat etwas gemütliches und herrlich sonntagsträges an sich. Die Menschen sind alle sehr entspannt, es riecht nach Kaffee aus den umliegenden Caféhäusern, die Sonne scheint und wärmt uns den Rücken.

Als wir durch die Reihen tingeln, stellt sich eine herrliche Entspannung ein. Eigentlich könnten wir doch noch eine Nacht bleiben, wenn denn nicht Sonntag wäre und wir Montag nicht wieder arbeiten müssten. Die letzten Minuten lassen wir uns treiben, recken das Gesicht gen Himmel, saugen die frische Luft in uns hinein. Mit diesem Gefühl geht es zurück, raus aus der Hauptstadt, durch das grüne Brandenburg, über Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen – Regen begrüßt uns.

Berlin, schön warste, laut warste, facettenreich warste…


 

Von Erdbeeren und Synthesizern 

Sonntag. Es ist schwül, aber die Sonne scheint. Ich streiche endlich unsere Balkonmöbel. Die Witterung auf Æblerø hat dafür gesorgt, dass die bequemen Holzstühle mal wieder einen Anstrich nötig hatten. Also stehe ich im Innenhof, der Herzallerliebste hat mir eine Plane ausgebreitet, auf der die Stühle stehen, und ich schwinge den Pinsel und schwitze vor mich hin. Die bessere Hälfte schwitzt solidarisch mit und hämmert, sägt und bohrt in der angrenzenden Garage. Und so arbeiten wir eine Zeitlang nebeneinander her. Irgendwann fange ich an, vor mich hinzusummen – das Streichen scheint denselben Effekt auf mich zu haben, wie mein Yoga-Castle. Und während ich den Pinsel schwinge, wird aus dem Summen ein Singen. Mit ausgestrecktem Arm, in einer Hand den Borstenpinsel, rufe ich in Richtung Garage: „Reach out, touch faith!“ 

Armlehne angemalt! Schwungvoll, selbstverständlich.

Meine bessere Hälfte grinst und ich summe weiter:

All I ever wanted, 

All I ever needed

Is here in my arms

Words are very unnecessary

They can only do harm

Dave Gahan wäre stolz auf mich gewesen! In großen Pinselposen hüpfe ich um die Stühle herum, drehe mich mit ausgebreiteten Armen und singe ein wahres Depeche Mode-Medley. Zugegeben – nicht so laut wie in der Küche oder im Auto, aber dennoch. 

People are people…

In meinem Kopf spielt schönster Synthesizer-Pop auf. Kein Orchester, keine Kammermusik – nein: feinste Synthesizer. 

Und dann plötzlich sind die Stühle fertig gestrichen, der Vorhang senkt sich wieder, ich gehe verschwitzt von der Bühne. Das Bühnenoutfit mit Farbe bekleckert, die Frisur – saß mal…

Doch was jetzt? Mir steht nicht der Sinn nach Hotelzimmer verwüsten oder synthetische Dinge durch die Venen schießen. 

Ich brauche Erdbeer-Endorphine in Rein- und in Marmeladenform. Und während ich die selbstgepflückten drei Kilo klein schneide, jeweils ein Kilo mit einem Kilo Gelierzucker 1:1 mische, alles aufkoche bis es geliert und anschließend mit meiner besseren Hälfte herrlichste Erdbeermarmelade in Gläser abfülle, bin ich voller Vorfreude auf den nächsten Tag.


Einer meiner Wünsche geht in Erfüllung: Ich gehe auf ein Depeche Mode-Konzert. 

Frontmann Dave Gahan kann um einiges besser eine Bühnenshow abliefern, als ich bei 30 Grad pinselschwingend im Innenhof.

Die „olle Kombo“, die bewusst auf viel Schnick-Schnack verzichtet und nicht jedes ihrer Lieder langatmig vorstellt, haut 32.000 Leute aus den Latschen. Okay, vielleicht 31.999, denn auf dem Weg zurück zum Auto nach dem Konzert beschwert sich doch tatsächlich jemand in der Straßenbahn über die „alten Säcke auf der Bühne“. Wir blicken uns an und in fassungslose Gesichter, bis ein Schrank von einem Mann aufsteht und den Nörgler zum Schweigen bringt: „Ich weiß ja nicht, wo Du warst,“ sagt er, „aber ich war aufm sehr geilen Konzert!“

Dem – verehrtes Publikum – ist nichts hinzuzufügen!

Herzlichst, Euer sehr glückliches und immer noch von Musik erfülltes Frøken Fluesvamp 🍄🤘

It’s getting hot in here… Chili-Marmelade, und dazu – Trommelwirbel, Tusch – selbstgemachtes Vanilleeis und Schokoladentarte

Es war am dritten Sonntag im Monat. Meine treuen Leserinnen und Leser wissen schon, was kommt: Periodic Table. Thema dieses Mal: Brasilien – Seinerzeit passend zu den mittlerweile überstandenen olympischen Spielen. Allerdings muss hier keiner aufs Treppchen oder sich am Reck den Arm ausrenken, höchstens den Magen, weil man einfach von jeder Köstlichkeit etwas probieren muss.

Die Recherche im Vorfeld zu diesem wunderbaren Treffen, bei dem ich eigentlich schon das nächste herbeisehne, wenn das erste noch gar nicht ganz vorbei ist, ist oft abenteuerlich, oftmals hoch interessant und dann im Ergebnis ein kulinarisches Feuerwerk.

So auch dieses Mal. Brasilien. Was ist typisch Brasilien?

Fleisch! Irgendwie echt viel Fleisch. So wirklich „juhu“ hab ich da nicht geschrien. Aber was gibt es sonst?

Die Recherchen ergaben: Es wird ein richtig dunkler Schokoladenkuchen mit einem selbstgemachten Vanilleeis und einer Chilimarmelade (genau genommen ist es eher ein Gelee…).

Eis und Schokolade waren schneller weg als ich „Olympische Spiele“ aussprechen konnte. Daher gibt es von dem dynamischen Duo leider kein einziges Foto. Aber – hier ein Überbleibsel von der Eisrührerei ohne Eismaschine:


Und nein – Urigella war nicht eingeladen…

Aber von der Chilimarmelade ist noch was über:

Und hier geht’s zum Chilimarmeladen-Rezept:

  • 7 Chilischoten
  • 500 g Gelierzucker (2:1)
  • 500 ml Apfelsaft
  • 300 ml Apfelessig
  • 1 Paar Einmalhandschuhe

Einmalhandschuhe anziehen! Die Chilischoten entkernen und sehr klein schneiden. Anschließend mit den übrigen Zutaten in einen Topf geben und 7 Minuten kochen lassen.

Die heiße Marmelade in vorbereitete Gläser füllen, verschließen, auf den Kopf stellen und abkühlen lassen.

Hinweis: Die Marmelade ist sehr scharf, schmeckt aber laut einer Kollegin auch extrem lecker mit Camembert auf Schwarzbrot…

Und hier das Rezept für das löffelkrümmende selbstgemachte Vanilleeis:

  •  100 ml kalte Milch
  • 1 Röhrchen Vanilleextrakt oder das Mark einer Vanilleschote
  • 1 Dose Milchmädchen (gezuckerte Kondensmilch)
  • 1 Prise Salz
  • 500 ml Schlagsahne

Die Milch, Vanilleextrakt, Kondensmilch und Salz in einer Schüssel verrühren. Sahne steif schlagen und vorsichtig unter die Milchmasse mischen. Die Masse in einer flachen Metallschüssel in die Kühltruhe stellen. Und nun heißt es: Stündlich durchrühren, bis das Eis fest ist. Diese feine Rührerei dauert mindestens vier Stunden. Fertig!

Und wenn Ihr die gesamte Kombi haben wollt, hier noch der Link zum Schokoladentarte-Rezept.

 

 

Johann Rot und Johann Schwarz – Märchenhaftes Johannisbeergelee

Johann Rot und Johann Schwarz sind Brüder. Johann Rot – auch Jonkheer van Tets genannt – leuchtet oft wie kleine Perlen in der Sonne. Und Johann Schwarz, der schwarze Ritter, der immer ein bisschen unheimlich daher kommt, trägt den Namen Titania. Titania? Wie die Elfenkönigin? Und wenn ich die hohen Sträucher einmal genau betrachte, nun – dann vielleicht – ja, Titania hat hier bestimmt ihren Elfenthron zwischen den herzförmigen Blättern. Hier hat sie alles im Blick. Und während wir Menschen uns ungeschickt zwischen den Sträuchern bewegen, schnaubend und in der Sommerhitze keuchend die Äste auseinanderbiegen, um an die schönsten Früchte zu gelangen, dann sitzt sie lachend da. Tippelt leichtfüßig zum Jonkheer van Tets und – ach – der schwitzende Mensch sieht auch, dass die traubenartigen Früchte leichter zu pflücken sind. Titania lacht, diese ungeschickten Menschen – nun ziehen sie von dannen mit ihren gefüllten Körben. Und der schwere Duft der schwarzen und roten Johannisbeeren begleitet sie. Ich blicke zu den Sträuchern – wie sie dort wie stolze Ritter aneinandergereiht stehen: all die Johanns, Rot wie Schwarz. Und Titania? Titania legt ihre zarten Füße übereinander und lehnt sich seufzend zurück. Welch Elfenleben!

Für etwa 8 Gläser Johannisbeergelee à 200 ml braucht Ihr:

  • ca. 1,2 kg rote oder schwarze Johannisbeeren
  • 1 Packung Gelierzucker 1:1

Die Johannisbeeren müsst Ihr, bevor Ihr sie weiterverarbeitet, zu Saft kochen. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten: entweder entrispt Ihr die einzelnen Beeren oder Ihr werft sie mit Stumpf und Stiel in einen großen Topf. Da mich das Entrispen total entspannt, wähle ich immer die „Entrisp-Variante“.


Gebt einen kleinen Hauch Wasser in den Topf und kocht die Beeren auf. Reduziert die Hitze und lasst die Früchte so lange köcheln, bis sie platzen. Dann sucht Ihr Euch eine große Schüssel, über die Ihr ein Gestell mit sauberem Tuch stellen könnt und in das die Flüssigkeit dann hineintropft. Es gibt im Haushaltswarengeschäft spezielle Vorrichtungen, die sich gut eignen. Wenn Ihr sowas nicht zur Hand habt, könnt Ihr auch einfach einen Küchenstuhl umdrehen und ein sauberes Geschirrtuch zwischen die Stuhlbeine klemmen (z. B. mit Gummiringen), eine Schüssel darunter stellen und die gekochten Beeren so in die Schüssel tropfen lassen. Am besten übrigens über Nacht.

Die abgemessene Flüssigkeit stellt Ihr dann kalt und werft die Beeren-Reste auf den Kompost. Idealerweise habt Ihr etwa einen Liter Flüssigkeit erhalten. Für einen Liter Saft benötigt Ihr 750 g Gelierzucker. Wenn Ihr weniger oder mehr habt, müsst Ihr Euch das entsprechend umrechnen.

Gebt die Flüssigkeit in einen Topf und fügt die abgemessene Menge Gelierzucker hinzu. Lasst alles unter ständigem Rühren aufkochen. Dann macht Ihr die Gelierprobe; wenn diese gelingt, könnt Ihr mit dem Abfüllen in Eure sauberen Gläser beginnen. Gläser heiß verschließen. Fertig ist Euer märchenhaftes Gelee!

Gutes Gelingen wünscht Euch

Frøken Fluesvamp