Ein Neujahrsspaziergang und ein Sturmbündel

Es stürmt. Der Regen prasselt an die Fenster, und ich sitze auf dem roten Cordsofa. Die Äste der Zaubernuss peitschen gegen die Regenrinne. Unsere beiden Mitbewohner zwutscheln zufrieden ihr Sittichliedchen nebenan. Sie haben das Geknalle und Geböllere gut überstanden. Ich habe noch nie Böller angezündet. Wunderkerzen, ja, Böller, Raketen – nein. Und so auch gestern nicht oder heute Morgen.

Viel lieber begrüße ich das neue Jahr, indem ich am späten Morgen einen Neujahrsspaziergang mache. Lang und ausgiebig, die Luft tief einatmen und sich zu fragen, wie das neue Jahr so daherkommt.

Wir hatten schon allerlei Wetter: Schnee, Glatteis, Eiseskälte. Heute: Sturm. Doch als wir – mein Vorzeigemodell und ich – heute durch die Eilenriede gingen, tat der Himmel uns einen Gefallen und wir blieben trocken. Die Sonnenstrahlen tauchten die kahlen Bäume in goldenes Licht. Und an einem Futterplatz konnten wir einen wunderschönen Buntspecht beobachten.

Fast automatisch setzten wir die Füße einen vor den anderen und erzählten, schwiegen, gingen unseren Gedanken nach, redeten und spazierten.

Nebenbei haben wir schöne, heruntergefallene Äste gesammelt. Wofür? Für einen Aststrauß. Ein Ritual aus den Rauhnächten, welches besagt, dass man am Neujahrstag Äste sammeln und zu einem Bündel zusammenbinden soll. Dieses Bündel soll dann als Schutz an einem Ort an Haus oder Wohnung gehängt werden, und dabei soll man sprechen: „Ich geb Dir Deins. Lass Du mir meins!“ Der Wind soll sich in den Ästen verfangen und damit spielen und nicht das Heim zerstören. Ein schöner Brauch, wie ich finde.

Und während ich hier so sitze, stürmt es. Und ich höre unseren dritten Mitbewohner. Auch ihm ist es zu stürmisch und regnerisch draußen: Randell, der Hausmarder, legt mal wieder eine Stippvisite ein. Und ich höre die kleinen Tatzen im Dachkasten trappeln.

Gleich werde ich die Äste bündeln und auf Æblerø oder Pæreø hängen.

Und dann bin ich gespannt, was dieses neue Jahr für mich, für uns bereithält.

Bleibt alle gesund und fröhlich!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Astro-Alex und Gedanken zum Jahresende

Alexander Gerst – „unser“ Astro-Alex – ist mit Vollkaracho in der kasachischen Steppe angekommen. Im Sommer, zur Mondfinsternis an einem dieser Tage, an denen man das Schwitzprogramm versehentlich auf Endlosschleife gestellt hatte, zog er noch mit der ISS an uns vorbei, und wir brüllten wie die Bekloppten: „Ey, da ist der Astro-Alex! Haaaaalllloooooo!“

Gehört hat uns Astro-Alex sicherlich nicht, aber er hat die Augen genau aufgemacht. Wir Erdlinge sehen den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht, aber der Geophysiker, Astronaut und – Obacht – Vulkanologe hält eine Ansprache, die ich mir von unseren regierenden Häuptern schon so manches Mal gewünscht hätte. Astro-Alex schwebte in schwindelerregender Höhe im Weltall, aber war näher dran als es die Merkels, Seehofers, Gaulands, Scholz’s es jemals waren.

Da kannste eine Prachtstraße mit Leinwänden so groß wie Fußballfelder plakatieren, auf denen im stylischen Sepia-Design so ein Hagestolz im weißen Designerhemd auf seine Rolex schaut und damit ach so volksnah wirken will, weil er nicht wie die ganzen andren Hansel breit in die Kamera grinst, bringt nur nix. Ist nämlich nicht echt!

Astro-Alex hingegen hat Worte in die Welt gesetzt, die sich jeder Einzelne Mensch auf dieser Welt zu Herzen nehmen kann.

Eigentlich sollte es Pflichtlektüre sein für:

Jeden Staatschef und Tyrann

jeden Politiker

jeden Industrieboss

jeden Manager

jeden noch so kleinen vermeintlich popeligen Machthaber auf diesem Erdball.

Und jeder Schlachthofbesitzer, jeder Pharmakonzern, jede Lebensmittelindustrie, jeder Autobauer, jeder Smartphone- und Tablethersteller, die gesamte Rüstungsindustrie – die Liste ist unendlich – müsste verdonnert werden zuzuhören und was zu ändern. Verdammt, hört doch mal zu!

Astro-Alex, ich danke Dir! Mich hast Du mit Deinen Worten erreicht. Und mit meinen bescheidenen Mitteln trage ich einen Teil dazu bei, dass diese Welt schön bleibt und wieder schön wird.

Das, liebe Leserinnen und Leser, ist mein Vorsatz fürs Neue Jahr! Kommt gut rein in ein neues, spannendes Jahr und – ändert was. Kleine Kalenderweisheit: Auch ein Weg von 1000 Meilen beginnt mit einem ersten Schritt!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

2017 – ein Gedanke

Eigentlich ist es noch gar nicht Zeit, einen Rückblick auf 2017 zu wagen. Eigentlich hat das Jahr noch zwei Tage. Und einer dieser Tage ist beladen mit Vorsätzen, Hoffnungen und Wünschen für ein neues Jahr. Eigentlich müsste dieser Tag ganz gebeugt sein unter der Last der Erwartungen und Sorgen und Hoffnungen. Alles auf ihn, auf diesen Tag!

So wie ich vor einem Jahr den großen Reinhard Mey zitierte in Kleiner Silvestertag – so denke ich immer noch und blättere durch meine Blogartikel-Entwürfe und bleibe bei einem hängen. Und der geht so:

Der Dachlattenmann ist wieder aufgetaucht – und er hat seine Brüder mitgebracht oder Schwestern, wer weiß das schon so genau. Er hat seine perfide Zuschlagtechnik perfektioniert, hat gewartet. Im Glückszustand hat er dann zugeschlagen. Tief, ganz tief – nicht in die Magenkuhle, nein, mitten ins Herz hat er geschlagen, gestochen und wieder zugeschlagen. Und dann zog er vondannen. Die Seele wund, das Herz eckig, die Nerven taub.

Mit den Tränen kam der Schlaf.

Grippeartige Symptome, kein Gehen – eher ein Wanken. Das Schiff pflügt sich durch die sturmumtoste See, die Wellen meterhoch. Ich versinke. Ein luftleerer Raum, alles dumpf. Ich falle wieder in den Schlaf. Schlafen – nur schlafen.

Ferngesteuert, wie aus weiter Ferne Stimmen. Essen? Vergessen.

Dann plötzlich – tauche ich auf, dringe durch die Blase, stoße durch die Oberfläche, hole Luft. Gierig sauge ich den Sauerstoff ein.

Leben – bist Du das? frage ich zaghaft.

Hallo! sagt es und ergreift meine Hände, zieht mich aus dem Wasser, legt mich an den Strand in die sanfte Brandung.

Ich komme auf die Füße, höre wie im Nebel, stehe langsam auf, schaue mich um.

So, denke ich, so…

Das Leben also…

Hast mich zurecht gerückt.

Hast mir Familie und Freunde geschickt.

Hast mir den Liebsten zur Seite gestellt.

Hast dem Dachlattenmann gesagt, dass er gehen darf, gehen soll.

Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit…

********************

Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit? Neues Jahr, was hast Du für uns parat?

Kleiner Silvestertag

Lieber kleiner Silvestertag, bist so mutig aufgewacht,
Hast dich für deinen Abschied schon festlich zurechtgemacht.
Von Narren schon seit Tagen vor deiner Zeit herbeigeknallt,
Musst du heut glitzern und lustig sein und sei es mit Gewalt.
Mit so viel Wünschen und Sehnsüchten überfrachtet,
So viele Glückshypotheken hängen dir an,
Nur der arme alte Karpfen, den man heut schlachtet,
In seiner Badewanne ist noch übler dran.

Die lausigste Kaschemme und der feinste Nobelschuppen hat
Die Tür’n verrammelt bis zur Nacht in dieser Geisterstadt.
Nur ein verfrühter Böller hallt durch die Straßenschlucht dann und wann,
Es gibt ja immer einen, der ’s Wasser nicht halten kann.
Doch Punkt acht kommen sie und sitzen wie die Deppen
Mit ihr’n Papierhütchen am Tisch wie angeschnallt
Vor endlosen Menus, die sich träg dahinschleppen,
Und bis der Teller auf den Tisch kommt, sind sie alt.

In Häusern und in Stuben dehnt qualvoll der Frohsinn sich dahin,
Gebiert die guten Vorsätze heut für den Neubeginn.
Luftschlangen und Eierlikör, der letzte Streit im alten Jahr,
Der gute Vorsatz schon vergeigt vorm 1. Januar.
So sitzen sie, so warten sie sprachlos zusammen
Vorm Flachbildschirm so wie in jedem Jahr und schaun
Den immer gleichen Zombies zu in den Unprogrammen,
Starr’n auf die Uhr und den erlösenden Countdown:

Beim Glockenschlag
Um Mitternacht
Kommt, kleiner Tag,
Die letzte Schlacht.

Dann probt die trunkene Nation johlend ihren Weltuntergang,
Schmerzlich entbehrter Monatslohn verpufft, Dreck und Gestank.
Blaulicht mischt sich ins Feuerwerk und Martinshorn in die Musik,
Auf den Fluren im Krankenhaus: Szenen wie im Krieg.
Kleiner Silvestertag, grad noch behängt mit Träumen,
Hast ausgedient, drei mal verleugnet, liegst du bald
Bei Flaschen, Böllern und entschmückten Weihnachtsbäumen,
Mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt.

Armer kleiner Silvestertag, bist so mutig aufgewacht,
Hattest dich für diese Nacht so schön zurechtgemacht.

(Reinhard Mey – Lieber kleiner Silvestertag, erschienen auf „Dann mach’s gut“)

Reinhard Mey spricht oder singt mir aus der Seele. Ich bin kein Silvester-Mensch, war es noch nie. Eigentlich könnte ich mich auch ins Bett legen und ins neue Jahr schlafen.

Als ich klein war, hatte ich immer Zähneklappern, wenn es auf Mitternacht zuging und die Nachbarn johlend und gröhlend vor unserem Haus die Böller in den nachtschwarzen Himmel katapultierten. Ich weiß nicht, warum. Vielleicht, weil die großen Verwandten immer sagte, dass man aufpassen solle, dass man nicht stecken bleibt – im alten Jahr. Ich habe heute noch Zähneklappern, wenn es auf 0:00 Uhr zugeht und ich bin eher in mich gekehrt. Und ich habe noch nie Böller gekauft, noch niemals einen Böller angezündet. Eine Wunderkerze, ja, doch noch nie Raketen, Chinaböller oder was es noch so alles gibt.

Nichtsdestotrotz ist es nunmal der letzte Tag des Jahres 2016. Und auch wenn ich eine Befürworterin des Dankesagens auch während des Jahres bin, möchte ich diesen Moment dafür nutzen, mich bei meinen Followern, bei meinen „stillen“ und bei meinen kommentierenden Mitlesern zu bedanken. 

Ein erstes ganzes Blogger-Jahr liegt hinter mir, und dass Ihr Euch die Zeit nehmt, meine Texte zu lesen, diese sogar mit einem Sternchen zu versehen und mir dann auch noch Kommentare dalasst – das bringt mich dazu, DANKE zu sagen! Danke an Euch da draußen! 

Ich stoße virtuell mit Euch an! Auf ein friedliches und gesundes neues Jahr!

Mögen die Glückspilze mit Euch sein🍄🍀!

Euer Frøken Fluesvamp