Kindheitserinnerungen und Glaskirschenmarmelade

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen

Nicht’s ist besser als ne Liebe auf der Welt

Kirschen gibt’s an Sommertagen nur solang die Bäume tragen

Und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt

(„Kirschen“ von Nils Koppruch)

Das Vorzeigemodell und ich, meines Zeichens ein fröhlicher Fliegenpilz, haben ein paar Tage frei. Der Sommerurlaub liegt noch in weiter Ferne. Wir haben keinen Kurztrip gebucht, keine Fahrt ans Meer geplant. Und dennoch waren die letzten Tage eine ganz persönliche Reise – in die Vergangenheit. Unkontrolliert und scheinbar zufällig wurde ich teilweise Jahre zurück katapultiert. In meinem Elternhaus gibt es nämlich einen Wandschrank. Dieser Wandschrank befindet sich in meinem alten Zimmer. Der Wandschrank hat gewisse Ähnlichkeiten mit Hermine Grangers Handtasche. Für diejenigen unter Euch, die Harry Potter nicht gelesen haben: Hermine ist in Besitz einer unscheinbaren, kleinen Damenhandtasche, aus der sie in regelmäßigen Abständen so hilfreiche Dinge wie ein riesiges 20-Personen-Zelt zieht, das sie mit sämtlichem Equipment auf ihrer Flucht vor Voldemort und seinem Gefolge in weiser Voraussicht dort untergebracht hat.

Nun sei klargestellt, dass ich mich nicht auf der Flucht befinde, die Dimensionen von Hermines Handtasche und meines Wandschranks ähneln sich nur in gewisser Weise sehr.

So ist es beispielsweise so, dass meine Lieben einen starken Hang zu Flohmarktbesuchen haben. Trafen wir in der Vergangenheit auf Hörspiele oder Schallplatten ertönte bisweilen häufiger folgender Spruch: „Das ist im Wandschrank!“

Das Vorzeigemodell antwortete im Laufe der Jahre dann auch öfter mit: „Lasst mich raten! Das ist im Wandschrank?!“ Ein Running Gag in unserer Familie.

Kurz nach Pfingsten hatte meine Mama ebenfalls ein paar Tage frei. Am darauffolgenden Freitag reiste ich mit Brause-Karl an, und fiel das erste Mal direkt in eine Zeitschleife. Der Keller stand voll mit Kisten und Kästen. Lego, Barbie-Sachen und Bücher, Bücher, Bücher. Schachteln mit Briefen meiner Brieffreundinnen, alte Zeichnungen und aufgehobene Postkarten. Einen Bruchteil dieser Kostbarkeiten konnte ich abends in meinen kleinen Flitzer laden – die Rückbank umgeklappt, angeschnallte Kästen auf dem Beifahrersitz.

Die tropischen Temperaturen im Wonnemonat Mai brachten mich beim Ausladen am Abend ins Schwitzen. Fein säuberlich stellte ich die Kästen in unseren Eingang. Was für ein Schatz!

Voller Aufregung öffnete ich die erste Box: Hörspielkassetten! Regina Regenbogen, Hallo Spencer, Pumuckl, Walt Disney, Alf – und natürlich Pippi Langstrumpf. Briefe, akkurat und chronologisch sortiert. Eine Karte fällt mir in die Hand: Grüße von meinem geliebten Opa. Dass es diese Karte noch gibt. Geburtstagskarten, Glückwünsche, Zeitungsartikel von der heiß geliebten Boyband, ein handgeschriebener Zettel meiner Mama, ein Begrüßungsplakat von meinem Papa nach einer ziemlich miserablen Klassenfahrt. Und böse Briefe einer vermeintlich besten Freundin, die ich feierlich im Altpapier versenke. Ich rase durch die Zeit: 1988, 1995, 1996, 1986, 1994. Hin, zurück. Und das war erst die erste Ladung.

Eine Woche später brause ich wieder mit Karl, dem Kleinen, in Richtung Elternhaus. Ich habe frei, es ist Freitag, der erste Tag im Juni. Gewitterluft und schwül-warm. Mein Vater hat Nachtschicht und schläft. Meine Mama und ich stärken uns mit Frühstück. Das Vorzeigemodell ruft an – muss arbeiten und ist gespannt auf die weiteren Schätze. Wir fahren zu einer nahegelegenen Landpartie und werden nach kurzer Zeit evakuiert. Das angekündigte Gewitter hängt über uns wie ein Damoklesschwert, tiefschwarze Wolken, dicke Regentropfen. Wir retten uns zügigen Schrittes in die Wagenremise und warten ab: Donner und Blitze gleichzeitig und sturzbachartige Regenfälle. Das Unwetter hängt nur über uns. Das Rote Kreuz informiert regelmäßig und wir nippen an Wasser und Orangenbrause. Nach einer Stunde haben sich die Wolken entladen und das Gewitter hat sich verzogen. Wir gehen hinaus an die nunmehr frische Luft, atmen durch. Langsam schlendern wir weiter, mein Papa stößt ausgeschlafen noch dazu: Ein Eltern-Tochter-Tag! Ein Kaffee in der Schlossküche und viel Platz zum Schauen, denn das Gewitter hat viele wohl vertrieben.

Wir genießen Platz und Ruhe, quatschen mit den Ausstellern und fahren dann wohlgemut zurück. Karl der Kleine wird wieder beladen mit Kisten und Kästen – dieses Mal ist Lego mit dabei.

Das Gewitter hat nur kurze Abkühlung gebracht. Es ist tierisch warm und schwül. Als ich zurück fahre, hängt die Feuchtigkeit in den Bäumen rechts und links der Bundesstraße wie ein dicker Schleier. Ich lade die Kästen aus, stelle sie wieder in das Treppenhaus. Morgen reise ich wieder durch die Zeit!

Als ich am folgenden Morgen die Kästen öffne, wirft mich der ein oder andere Brief wieder in die Vergangenheit, ein regelrechter Strudel. Manches Mal muss ich so über mich lachen. Finde gezeichnete Bildergeschichten oder eine gemalte Schneekugel – mit Vampir im Schneegestöber. Ganz natürliche Umgebung für so einen Blutsauger, insbesondere mit dem Lametta im Hintergrund.

Und nun haben wir wieder frei. Donnerstag fuhren mein Vorzeigemodell und ich wieder zu meinen Eltern – mit dem Hektor, der Firmenwagen. Der Rest wurde eingeladen: Brettspiele und Bücher.

An diesem Donnerstag war ich selig. Denn außer dieser Aneinanderreihung von kleinen und großen Zeitmaschinen saß ich in der größten und besten Zeitmaschine, die man sich vorstellen kann: Ich saß im Kirschbaum. Der Kirschbaum mit den Glaskirschen ist knorrig und alt, einige Äste sind morsch und es ist schwierig, in ihm zu klettern. Doch während mein Papa mit seinem Bruder und dem Vorzeigemodell einen englischen Strandkorb zusammenbaute, trohnte ich im Baum, aß und pflückte Kirschen und war meines Lebens froh.

Die Luft war herrlich, die Vögel zwitscherten und ich hatte so viel Bullerbü im Herzen, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt. Und Kirschen in den Blumenampeln!

Und anlässlich dieser wunderbaren Kirschenpflückerei hab ich Marmelade aus Glaskirschen gemacht.

Dafür braucht Ihr:

  • 1 kg Glaskirschen (oder andere Kirschen), entsteint
  • 1 kg Gelierzucker 1:1

Die Kirschen entsteinen und in einen großen Topf geben. Ein Kilo Gelierzucker drüber streuen und zwei Stunden ziehen lassen. Es duftet irgendwann wie Marzipan.

Nach den zwei Stunden den Topf auf den Herd stellen und alles aufkochen, dabei ständig rühren!

Wenn die Masse anfängt zu kochen – rühren, rühren, rühren! Eine Gelierprobe machen und wenn die Masse geliert, in vorbereitete Gläser abfüllen.

Fertig!

Pippilotta Blocksberg – ich mach mir die Welt wie sie mir gefällt – Hex Hex – und: heute gibt es Apfeltarte

Es ereignete sich vor einigen Jahren, nachdem mein alter Arbeitgeber und ich uns aus finanziellen Gesundheitsgründen oder gesundheitlichen Finanzgründen entschlossen hatten, dass wir besser lieber die Rückseite des jeweils anderen sehen sollten:

„Und wer ist Ihr Vorbild?“ fragt mich der Mann in Nadelstreifen. Ich blicke aus dem Fenster. Vorstellungsgespräche. Irgendsoeine Anzeige auf die mein „Profil“ so gut passte – von dem Amt übermittelt, dass in der niedersächsischen Landeshauptstadt auch gern als CheopsPyramide bezeichnet wird…nicht wegen seiner Form.

Als ich grübelnd vor mich hinstarre, räuspert sich der Anzugträger und meint, er müsse mir seine Frage anders erläutern. „Also, wenn man nun ihre Freunde treffen würde, wie würden sie Sie beschreiben?“

Eine Version von Pippi Langstrumpf mit wippendem Pferdeschwanz auf einem Besen, Herr Nilsson im Sozius, steht vor meinem inneren Auge und ich muss grinsen. Das Kommunikationstalent starrt mich beifallheischend an und blickt triumphierend. „Ja, eine schwere Frage, nicht wahr? Die haben Sie wohl noch nie gestellt bekommen. Wissen Sie, dies macht den Unterschied aus! Wir haben Interesse an unseren Mitarbeitern! Wir wollen Sie kennenlernen!“ Die makellose Zahnreihe – alle etwas zu weiß, etwas zu gerade – grinst mich an. Hinter jedem Satz ein Ausrufezeichen. 

In den letzten Wochen hatte ich einige Vorstellungsgespräche. Bei einem erschien ich aufgrund sintflutartiger Regenfälle in Gummistiefeln, bei einem anderen hatte ich wegen einer Hitzewelle FlipFlops im Handgepäck. Doch die Fragen…

„Nee“, sage ich dann, „diese Frage ist mir tatsächlich noch nie gestellt worden.“ 

Wieder dieses triumphierende Grinsen. Ich grinse auch, aber weil mir das Bild von Pippilotta Blocksberg nicht aus dem Kopf geht. 

„Dann füllen Sie doch bitte unseren Fragebogen aus!“ und der Nadelstreifen schiebt mir einen Zettel über den Schreibtisch. Ich überfliege die Zeilen, stutze und runzele die Stirn. „Schuh- und Konfektionsgröße? Ansteckende Krankheiten? Bitte?“ Ich merke erst hinterher, dass ich die Worte laut ausgesprochen habe. 

Der Nadelstreifen windet sich, Schweißperlen stehen ihm plötzlich auf der Stirn. 

Und dann tue ich etwas, dass ich in den ganzen Gesprächen bisher nicht getan habe. Ich stehe auf und gehe mit den Worten: „Das fülle ich Ihnen nicht aus, geschweige denn, dass ich Ihnen hier auch nur irgendwas unterschreibe!“

Der Nadelstreifen zuckt nervös mit den Augenbrauen.

„Pippilotta Blocksberg!“ sage ich im Gehen. Er guckt irritiert. „Mein Vorbild!“ sage ich, nehme den Fragebogen an mich und verlasse das Gebäude. 

Herr Nilsson huscht auf meine Schulter. Ich binde mir fix zwei seitliche Zöpfe, steige auf meinen Besen und fliege auf, auf und davon

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So oder so ähnlich ereignete sich eines meiner Vorstellungsgespräche – sagen wir ehrlicherweise: der Großteil entspricht der Wahrheit!

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Und als Belohnung gibt es eine Apfel-Blätterteig-Tarte mit eingemachten Preiselbeeren, Zimt und Zucker.

Dafür braucht Ihr:

  • glutenfreien Frischblätterteig
  • Preiselbeerkompott
  • zwei säuerliche Äpfel, z. B. Holsteiner Cox oder Wellant
  • Zimt und Zucker

Den Backofen gemäß Packungsanweisung des Blätterteigs vorheizen. Eine Tarte-Form mit dem Blätterteig auslegen und mit einer Gabel kleine Löcher in den Teig pieksen. 

Den Teig mit Preiselbeerkompott großzügig bestreichen. Die Äpfel schälen, das Kerngehäuse entfernen und in Scheiben schneiden. Die Scheiben auf den Kompott legen. Mit Zimt und Zucker bestreuen. 

Die Form auf die mittlere Schiene des Ofens stellen und etwa 25 Minuten backen (schaut auch hier nochmal auf die Blätterteig-Verpackung).

Nach der Backzeit aus dem Ofen nehmen und auskühlen lassen. Vor dem Servieren mit Puderzucker bestäuben und mit einem Klecks Schlagsahne servieren. 

Auf uns! 

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp 🍄