Astro-Alex und Gedanken zum Jahresende

Alexander Gerst – „unser“ Astro-Alex – ist mit Vollkaracho in der kasachischen Steppe angekommen. Im Sommer, zur Mondfinsternis an einem dieser Tage, an denen man das Schwitzprogramm versehentlich auf Endlosschleife gestellt hatte, zog er noch mit der ISS an uns vorbei, und wir brüllten wie die Bekloppten: „Ey, da ist der Astro-Alex! Haaaaalllloooooo!“

Gehört hat uns Astro-Alex sicherlich nicht, aber er hat die Augen genau aufgemacht. Wir Erdlinge sehen den sprichwörtlichen Wald vor lauter Bäumen nicht, aber der Geophysiker, Astronaut und – Obacht – Vulkanologe hält eine Ansprache, die ich mir von unseren regierenden Häuptern schon so manches Mal gewünscht hätte. Astro-Alex schwebte in schwindelerregender Höhe im Weltall, aber war näher dran als es die Merkels, Seehofers, Gaulands, Scholz’s es jemals waren.

Da kannste eine Prachtstraße mit Leinwänden so groß wie Fußballfelder plakatieren, auf denen im stylischen Sepia-Design so ein Hagestolz im weißen Designerhemd auf seine Rolex schaut und damit ach so volksnah wirken will, weil er nicht wie die ganzen andren Hansel breit in die Kamera grinst, bringt nur nix. Ist nämlich nicht echt!

Astro-Alex hingegen hat Worte in die Welt gesetzt, die sich jeder Einzelne Mensch auf dieser Welt zu Herzen nehmen kann.

Eigentlich sollte es Pflichtlektüre sein für:

Jeden Staatschef und Tyrann

jeden Politiker

jeden Industrieboss

jeden Manager

jeden noch so kleinen vermeintlich popeligen Machthaber auf diesem Erdball.

Und jeder Schlachthofbesitzer, jeder Pharmakonzern, jede Lebensmittelindustrie, jeder Autobauer, jeder Smartphone- und Tablethersteller, die gesamte Rüstungsindustrie – die Liste ist unendlich – müsste verdonnert werden zuzuhören und was zu ändern. Verdammt, hört doch mal zu!

Astro-Alex, ich danke Dir! Mich hast Du mit Deinen Worten erreicht. Und mit meinen bescheidenen Mitteln trage ich einen Teil dazu bei, dass diese Welt schön bleibt und wieder schön wird.

Das, liebe Leserinnen und Leser, ist mein Vorsatz fürs Neue Jahr! Kommt gut rein in ein neues, spannendes Jahr und – ändert was. Kleine Kalenderweisheit: Auch ein Weg von 1000 Meilen beginnt mit einem ersten Schritt!

Herzlichst, Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Frohe Weihnachten – God Jul – Merry Christmas – Joyeux Noël – Buon Natale

Für Jesus war kein Platz

In der Herberge.

Aber dort, wo er ist,

Entsteht Herberge für die Menschen.

Jesus hat um sich einen Raum geschaffen,

In dem sich Menschen verstanden und gehört fühlen.

In seiner Nähe wussten sie sich zugehörig zur Familie Gottes.

Da haben sie ihre menschliche Würde entdeckt.

Da entstand ein Raum des Vertrauens, in dem sie sich bedingungslos angenommen wussten.

(Anselm Grün)

Ich sitze in unserem bequemen grünen Sessel im Wohnzimmer. Und ich bin auferstanden von den Toten. Der erste Weihnachtsurlaubstag begrüßte mich mit Migräne – es hämmerte und ratterte in meinem Kopf, dieses Mal die linke Seite. Erst dachte ich, dass es nicht so schlimm ist, aber nach einigen Schritten in Richtung Küche sagten mir Kopf und Magen etwas anderes. Inzwischen habe ich ein Brötchen gegessen und mein persönliches Lebenselixier zu mir genommen: schwarzen Tee! Gern Assam. Nun duften meine frisch gewaschenen Haare, meine Kuscheljogginghose ist schön bequem und meine Füße stecken in dicken Socken. In Wollsocken! Eine Freundin von mir sagte einmal: „Menschen, die keine Wollsocken mögen, sind mir suspekt!“ Ich kann ihr da nur zustimmen.

Ich betrachte meine Füße in den bunten Socken und tue nichts anderes, als sitzen und schreiben. Und das ist schön.

Weihnachten kann kommen. Der Kühlschrank ist gefüllt – morgen müssen nur noch ein paar bestellte Sachen abgeholt werden. Und Montag das Brot. Was Brot angeht, bin ich wohl etwas paranoid. Weihnachten muss genügend Brot da sein! Es muss bestellt werden! Rechtzeitig! Ohne Brot geht’s nicht!

Und so werden wir uns am 24. in die Schlange derer einreihen, die Brot bestellt haben und abholen müssen. Wichtig!

Die Weihnachtszeit bei uns wird oft eingeläutet durch die Muppets Weihnachtsgeschichte mit Gonzo als Charles Dickens und Rizzo, der Ratte. Und natürlich Miss Piggy und Kermit als Ehepaar Cratchit mit dem Schweinefroschnachwuchs. Und Eberneezer Scrooge.

Die Scrooges dieser Welt sterben nicht aus. Nur leider scheinen sie sich nicht vom Geist der Weihnacht belehren zu lassen. Keine Mildtätigkeit, keine Nächstenliebe. In den Augen nur Gier und Niederträchtigkeit, manchmal sogar Hass.

Natürlich: zu Weihnachten drücken viele auf die Tränendrüse. Und wie soll die einsame Oma erkennen, dass der adrette Mann in Polizeiuniform ein Verbrecher ist? Sie nur um ihr Geld bringen will?

Früher, denke ich, waren Oma und Opa an Weihnachten dabei, saßen mit am Tisch, wurden dazugeholt. Meine Mama erzählt immer, dass ihr Vater nach dem Abendbrot an Heiligabend kurz nach draußen ging, um an den Ästen des Baumes vor dem Küchenfenster zu ziehen, sodass es ordentlich raschelte und ruckelte. Als er in die kleine Küche zurückkam, in der die sechs Kinder – teilweise mit Partnern und/oder bereits eigenen Kindern – saßen, hat er immer gesagt: „Kinder, ich glaube, der Weihnachtsmann war da!“

Und nachdem gemeinsam abgewaschen und anschließend aufgeräumt wurde, zog die Prozession ins Wohnzimmer. Jedes Kind, jeder – gern auch mal spontane – Gast bekam ein Geschenk. Alle wurden satt und waren willkommen.

Mein Patenonkel, stationiert in Bayern, hatte es sich zur Aufgabe gemacht, jedes Jahr – vermutlich am Münchener Hauptbahnhof – eine „verlorene Seele“ aufzugabeln, die das Weihnachtsfest dann an dem kleinen Küchentisch mit den vielen Geschwistern gefeiert hat. Aus aller Herren Länder – USA, Kolumbien, aus der Schweiz – wäre ein Marsmensch am Hauptbahnhof gestrandet, er hätte anschließend am Küchentisch gesessen, hätte Mohnstollen oder Kohlsuppe gegessen und Lieder gesungen. Und er hätte ein Geschenk bekommen, einen Platz zum Schlafen und Freude erfahren.

Diese Geschichten liebe ich. Sie sind Teil meiner Familie. Sie zeigen mir, wohin ich gehöre, warum ich die bin, die ich bin. Was mir wichtig ist und welchen Weg ich gehe – und warum.

Und dann denke ich an meinen anderen Opa, den ich kennenlernen durfte. Opa konnte am allerbesten Weihnachtsbäume schmücken. Er hat das gute silberne Staniollametta gebügelt und die alten Kugeln aus ihren feinen Schachteln geholt, sorgsam an die Blaufichte gehängt. Manchmal hat er auch Löcher in den Stamm gebohrt und Äste umgesetzt, damit der Baum gleichmäßig war. Und die Spitze wurde angespitzt, damit der Baum eine Spitze bekommen konnte. Und Wunderkerzen kamen an den Baum.

Opa hat meiner Mama auch ein paar blaue puschelige Hausschuhe geschenkt, als Papa sie offiziell vorgestellt hat. Das Mädchen darf doch keine kalten Füße haben! Opa war der Beste!

Auch diese Geschichte liebe ich!

Und ich würde sie gern alle versammeln an unserem Esstisch an Weihnachten. Eine lange Tafel mit all diesen Menschen. Denn hier ist Platz in dieser Herberge.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz

A beautiful sight, we‘re happy tonight…Steckrüben-Kartoffel-Stampf mit Ei und Pilzen und ich wünsche mir Schnee

Ich wünsche mir Schnee. Alle Jahre wieder. In der Vorweihnachtszeit sollen allmählich Ruhe, Besinnlichkeit und Stille einkehren. Ich würde sie gern hereinbitten. Und draußen soll ein flirrendes Licht die Schneeflöckchen ankündigen. Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst Du geschneit? Und dann: ein leichter Schneekopfschmerz, der typische Duft nach Schnee. Dann öffnen sich die dicken Wattewolken, Frau Holle schüttelt die großen Daunenbetten aus und sanft taumeln die Flocken zur Erde. Deck die Blümelein zu. Und alles wird ein bisschen ruhiger, sanfter, leiser, stiller, sauberer und unschuldiger.

Ich wünsche mir weiße Weihnachten. Hier und jetzt! Und ich wünsche mir die Ruhe, die die weiße Weihnacht mit sich bringt. Wie auf den alten Postkarten, wo Kinder in dicken Mänteln und mit  Fäustlingen rotwangig Holzschlitten hinter sich herziehen. Und Rotkehlchen auf kleinen Vogelhäusern sitzen, oder dicke, aufgeplusterte Amseln eine rote Beere im weit aufgesperrten Schnabel haben – das leuchtend gelbe Auge in den Wald gerichtet, der überzuckert ist von allerfeinstem Schnee. Willst Du einen Schneemann bauen?

Und Schlittenfahrten durch tiefverschneite Winterlandschaften, Rentiere mit dampfendem Atem vor den Nüstern, sanftes Glockenläuten und das einlullende Traben der wundervollen Tiere. Ach – ach – ach. Und der Himmel ist sternenklar. A beautiful sight, we’re happy tonight. Walking in a winter wonderland.

Ein Feuerchen im Kamin, dicke Wollsocken und ein kuschliges Fell. Kerzenschein und der Duft eines köstlichen Heißgetränks. Es knistert und knackt von den Holzscheiten und die Flammen züngeln gelb-rot-orange. Hach – hach – hach.

Kein üppiges Festmahl, keine Gelage, kein Stress, keine Zwänge. Jogginghose und Wollpullover, ein Heißgetränk und – Stille. Wenn man hören kann, wie die Schneeflocken rauschend und zart knackend auf dem Fensterbrett landen und sich die Schneeschicht von Stunde zu Stunde, von Minute zu Minute aufbaut und der größte Aufwand darin besteht, eine weitere Kanne Tee zu kochen, eine Kerze auszuwechseln und ein Holzscheit nachzulegen. Oh wie wäre das schön!

Ich denke, mein Gefühl trügt mich nicht. Der Winter will mit seinen klammen Fingern die Tür aufdrücken, stemmt sich dagegen, haut ein paar Flocken raus und manchmal auch echt kalten Winterwind, aber dann schleicht sich wieder so ein lullig-warmer Herbstmisch von der Seite an und teckelt den Winter nieder.

Dabei wäre es doch so schön, wenn mit dem unschuldigen Weiß allmählich Gärten und Straßen, Wiesen und Felder zugedeckt würden. Ruhe und Stille und Besinnlichkeit. Und dann „fehlt“ eben noch etwas, und alles, was man zu Hause hat, sind eine Steckrübe, Kartoffeln, ein paar Eier und Champignons, etwas Butter und etwas Milch.

Und während die Welt anhält und man tief durchatmet, streckt man sich genüsslich wie eine zufriedene Schlosskatze, dreht sich ein Stück auf die rechte Seite und irgendwann hat man die zündende Idee und bereitet einen köstlichen Kartoffel-Steckrüben-Brei zu.

Ihr braucht:

Fürs Püree:

    1 kleine Steckrübe
    5-6 große, mehlig-kochende Kartoffeln
    etwas Butter
    etwas Milch
    Salz und Pfeffer
    Muskatnuss (gerieben)
  • Für die Beilagen:
    • eine Handvoll Champignons
      4 Bio-Eier
  • Petersilie zum Garnieren.
  • Steckrübe und Kartoffeln schälen und klein würfeln. Alles in einem Kopf weich kochen. Kochwasser abgießen. Butter und Milch zu Kartoffeln und Steckrübe geben und mit einem Stampfer zermatschen. Mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken.
  • Backofen auf 180 Grad vorheizen.
  • Eine Auflaufform mit Butter fetten und das Püree hineingeben.
  • Mit einem Esslöffel vier Kuhlen ins Püree drücken und die Eier aufschlagen und jeweils in die Kuhle geben. Etwas Salz darüber streuen.
  • Die Auflaufform in den Backofen stellen und für ca. 20 Minuten backen, bis die Eier gestockt sind und das Püree eine bräunliche Kruste bekommt.
  • Derweil Champignons putzen und in einer Pfanne mit Butter anbraten, salzen und pfeffern.
  • Petersilie abbrausen, klein zupfen und zum Schluss über das Gericht streuen.
  • Und während ich langsam aus dem Land aus Schnee und Eis zurückkehre, denke ich, wie schön es doch wäre, wenn alles ein bisschen ruhiger und entspannter wäre. Und wer weiß, vielleicht hat der Winter doch so viel Kraft, dass er Heiligabend die Tür aufdrückt und hereingeschneit kommt. Ich würde ihn hereinbitten!
  • Slow – Cittàslow, Slow Food – Ein Tag in Greve in Chianti

    “Wisely and slow; they stumble that run fast.”
    (William Shakespeare)

    Die Kraniche ziehen über unser Haus. Es ist kälter geworden. Nach einem goldenen Oktober und einem unvergesslichen Sommer kommt er nun doch – der Herbst. Das Farbenspiel der Bäume ist an Schönheit nicht zu übertreffen, und wenn abends die Sonne in der Masch untergeht, mischen sich zu den satten Gelb- und Orangetönen kräftiges Violett und zartes Rosa, der Himmel in Türkis getaucht.

    Und doch ist es erst einen Monat her, dass wir – mein Vorzeigemodell und ich – in der Toskana weilten und uns zwischen kurzen Hosen und offenen Schlappen entscheiden mussten. Der Gedanke an brennend heiße Tage und Nächte mit offenen Balkontüren scheint schon wieder so weit entfernt.

    Der Gedanke an „piano piano“ allerdings steht uns deutlich vor Augen.

    Aber beginnen wir doch am Anfang. An einem dieser schönen Urlaubstage in der lieblichen Toskana führte uns unser Weg nach Greve in Chianti. Der Bürgermeister dieses kleinen Ortes, Paolo Saturnini, hatte die Idee von Cittáslow:

    „Die Cittaslows der Welt sind Städte und Gemeinden, die versuchen, den Zeitgeist für sich zu interpretieren und gleichzeitig den individuellen Charakter ihrer Gemeinde zu bewahren.“
    (http://www.citta-slow.de/index.php)

    So steht auf der Homepage von Cittàslow und im Manifest:

    Eine Cittaslow, das ist…

    „…eine Stadt, in der Menschen leben, die neugierig auf die wieder gefundene Zeit sind, die reich ist an Plätzen, Theatern, Geschäften, Cafés, Restaurants, Orten voller Geist, ursprünglichen Landschaften, faszinierender Handwerkskunst, wo der Mensch noch das Langsame anerkennt, den Wechsel der Jahreszeiten, die Echtheit der Produkte und die Spontaneität der Bräuche genießt, den Geschmack und die Gesundheit achtet…“

    (Quelle: Cittaslow Manifest)

    Zitate hin, Zitate her. Aber ist die Idee wirklich so umgesetzt? Und spürt man das? Die Entdeckung der Langsamkeit?

    Vielleicht ist es bereits die gemäßigte Geschwindigkeit von gemütlichen 50 km/h, mit denen wir uns maximal durch das Chianti-Gebiet schlängeln und scheinbar hinter jeder Kurve ein neues Bilderbuchörtchen thronend auf einem Hügel zum Vorschein kommt und die übernächste Kurve den Blick freigibt auf Weinberge und Olivenhaine, sanfte Hügel und üppige Zypressen, die ihre Wipfel stolz in den azublauen Himmel ragen. Vielleicht ist es das urlaubliche Bauchgefühl, das wohlig in unseren entspannten Mägen vor sich hinschwappt. Vielleicht ist es Jovanotti, der nahezu einmal stündlich sein „Viva la libertà“ im Radio trällert – dieses Lied ist der Song des Urlaubs.

    Als wir auf den Parkplatz in Greve in Chianti fahren, brennt die Sonne schon heiß vom Himmel, und direkt vor dem Parkplatz steht in schwarzem Metall das Wahrzeichen des Chianti – der Gallo Nero.

    Der schmucke Marktplatz – die Piazza Matteotti – ist nicht zu verfehlen, man geht direkt darauf zu. Und das Rathaus ziert das riesige Cittaslow-Symbol – eine Schnecke. Warum eine Schnecke? fragt man sich, doch die Antwort liegt bei langsamer, genauer und ruhiger Betrachtung auf der Hand:

    Eine Schnecke trägt alles, was sie hat und benötigt, bei sich. Aber um alles dabei zu haben, muss man wissen, was man alles hat – und wenn man das weiß, dann lernt man auch, es wieder zu schätzen. So zusammengefasst schreibt es mein Vorzeigemodell.

    Und so schlendern wir durch die Gassen und von kleinen Handwerksgeschäften zur Salumeria, zum Haushaltsgeschäft hinüber zu einem Gürtelmacher, zu einer Töpferei und in einen Laden, in dem es wunderschön bestickte Handtücher und Kleider, Hemden und Tischdecken gibt. Körbe und Bürsten aus Olivenholz, Wein und Olivenöl. Und über dem Marktplatz liegt eine ansteckende Stille, eine Ruhe geht von den Menschen aus, dass man selbst noch einen weiteren Gang herunterfährt.

    Möglicherweise sorgen diese Leichtigkeit und Langsamkeit dafür, dass wir von dem verführerischen Duft des Restaurants, auf dessen Balkonen man vor der Sonne geschützt köstlich essen kann, noch mehr wahrnehmen.

    Und es ist wieder mal 12:30 Uhr, und wir sitzen wieder in einem Restaurant.

    Der Blick ist unbezahlbar, das Dach des Balkons schützt vor der Sonne und wir bestellen, was doch so typisch ist für diese Region: Bistecca Fiorentina.

    Wann besuchst Du eine Cittá Slow ?

    Sonntagsruhe, Kindheitserinnerungen und ein sizilianischer Zitruskuchen

    Ich sitze in eine flauschige Decke gehüllt in der Ecke von Æblerø und genieße die Sonne, den Himmel und die sonntägliche Ruhe. Die Vögel zwitschern, ein altes Einweckglas mit Traubenhyazinthen steht auf dem kleinen Balkontisch vor mir und ich tu was ich selten tu: ich rauche genüsslich eine Zigarette, halte mein Gesicht in die Sonne und lasse mich von der Ruhe und den Sonntagsgeräuschen einlullen. Das, was Elisabeth Flickenschildt in ihrem Buch „Kind mit roten Haaren“ als bedrückend beschreibt, gerade wenn im Sommer sich noch die Schwere heißer aneinandergereihter Sommertage in Hamburger Stadtteil Blankenese dazu mischte, habe ich schon immer genossen. Wenn man als Kind nach einem schweren Mittagessen die Gelegenheit am Schopf ergriff, weil die Erwachsenen ihre gefüllten Bäuche auf Sofa und Sessel entspannten oder tief in im Schatten stehende Liegestühle sanken, ging ich auf Entdeckungstour in Omas und Opas Garten, kroch durch den verwilderten Gang zur Gartenlaube, pflückte Walderdbeeren, die auf dem Terrassengarten wuchsen und sammelte ein, was mir in meiner Phantasiewelt in die Finger kam und zur Geschichte in meinem Kopf passte. Kind mit rotblonden Haaren, aufgeschlagenen Knien und Sand und Dreck an Händen und Füßen.

    Wenn sich Oma, Opa, Mama, Papa, Tante, Onkel mit Gestöhne aufrichteten, weil nun endlich Platz für Kaffee und Kuchen war, war ich selig, sank selbst auf einen Stuhl, führte eines meiner erdachten Stücke auf und sorgte für Belustigung der Verwandt- und Nachbarschaft. Ich fuhr mit einem riesigen Rhabarberblatt auf dem Kopf auf meinem kleinen roten Fahrrad über den Schotter des Hofes, spielte mit einem Tennisschläger Labamba und sang dazu oder zeigte voller Stolz meine erste Zecke am Po. Das fand die Gemeinschaft nicht so lustig und ich wurde auf das große hellgrüne Sofa verfrachtet, die Zecke wurde entfernt und zur Belohnung gab es Eis, weil ich nicht den Mega-Aufstand geprobt hatte.

    Mit meinen Augen ging morgens der Mund auf, sagt meine Mutter heute noch, und mein Göttergatte kann das bestätigen. Geht es mir gut, ist das meistens heute – zum Leidwesen einiger (An-)Verwandter – noch so. Tja, Kind mit rotblonden Haaren, aufgeschlagenen Knien, und Sand und Dreck an Händen und Füßen hatte schon immer Quasselwasser getrunken. Gern, sehr gern! Bin ich fröhlich, quassel ich! Ich beobachte, dass meine Stimme auch mit der Zeit immer etwas rauher wird, was – wie ich vermute – am Wortschwall liegt, der sich täglich den Weg hinaus bahnt. Ich möchte auch die Hypothese, vielleicht sogar Theorie aufstellen, dass Italiener oft eine so ergreifend rauhe Stimme haben, weil ihre Sprache so wortgewaltig ist. Ich liebe das – auf der einen Seite, auf der anderen Seite liebe ich Ruhe und Stille und die Melodie der Natur.

    Wenn ältere Menschen von ihrer Kindheit erzählen und davon, wie das Verhalten bei Tisch gewesen ist, imponieren mir manche Dinge, andere finde ich schrecklich. Neulich sagte eine Bekannte zu mir, dass es doch schön sei, wenn die Kinder bei sterbenslangweiligen Familienfeiern ein iPad in die Hand gedrückt bekommen. Ich habe mich bei Familienfeiern eigentlich nie gelangweilt. Entweder habe ich mit Omas schwarzem Kohlekajal die Blumen an der Tapete des Gästezimmers nachgemalt – sehr zur Freude aller – oder ich habe beim Abtrocknen geholfen und den Gesprächen gelauscht. Oma, die einen neuen Kühlschrank mit dem Namen „Alaska“ bekommen hatte und sagte, dass ihr schon beim Lesen des Namens ganz kalt würde. Oma, die nicht gern „Sendung mit der Maus“ geguckt hat, weil sie Mäuse nicht besonders gut leiden konnte. Und Opa, der ohne mit der Wimper zu zucken die hundertste Flasche „Doppelherz“ zum Geburtstag in einem riesigen Präsentkorb bekam, für den aber das größte seine kleine Enkeltochter war. Das kann ich mit Fug und Recht und ohne Arroganz behaupten. Diese Enkeltochter bin ich – Kind mit rotblonden Haaren. Opa, der mich aus dem Gartenteich fing, in den ich kopfüber eintauchte, weil ich die Goldfische genauer anschauen wollte, der unzählige Male Eis in der Mosterei im Dorf kaufte bei der alten „Frau Moster“, die auf Anraten eines naseweisen Kindes Schokoladenstückchen in das Schokoeis gemacht hat. Opa, der heimlich, still und leise viel zu früh von dieser Welt ging und den ich manchmal schmerzlich vermisse. Mit dem ich an vielen Nachmittagen das Zuckerbrot in den Karokaffee tunkte oder Milchreis mit viel Zimt und Zucker aß, der morgens seine Kniebeugen im gelb-gefliesten Badezimmer machte und der an Weihnachten mit liebevoll ausgestrecktem Zeigefinger und gerauntem ‚Horch!‘ dafür sorgte, dass man den Weihnachtsmann hörte.

    Und so sitze ich hier, schwelge in Kindheitserinnerungen und würde sie gern einladen zu einem Stück sizilianischen Zitronenkuchen.

    Und was würden sie wohl sehen? Was ist geworden aus dem Kind mit den rotblonden Haaren?

    Rezept für sizilianischen Zitruskuchen

    Ihr braucht:

    • 4 Eigelb
    • 4 Eiweiß
    • 125 g Zucker
    • Abgeriebene Schale von zwei Bio-Orangen + deren Saft
    • Abgeriebene Schale von einer Bio-Zitrone + den Saft
    • 125 g gemahlene Mandeln
    • 200 g glutenfreies Mehl (z. B. „Kuchen & Kekse“ von Dr. Schär)
    • 2 TL Weinsteinbackpulver
    • Mandeln und Zucker für die Verzierung

    Fettet eine Springform mit Butter oder Margarine. Rührt die Eigelbe und den Zucker schaumig und gebt die abgeriebene Schale von Zitrone und Orangen hinzu. Gießt den ausgepressten Orangen- und Zitronensaft zum Teig und lasst die Mandeln einrieseln. Gebt dann Mehl und Backpulver dazu und verrührt alles zu einem flüssigen Teig. Schlagt das Eiweiß steif und gebt es anschließend unter die Mischung.

    Gießt den Teig in die gefettete Springform und backt dem Kuchen bei ca. 180 Grad Ober-/Unterhitze bis er goldbraun ist.

    Nehmt die Form aus dem Ofen und lasst ihn abkühlen. Wenn Ihr den Kuchen aus der Form nehmt, könnte es sein, dass er etwas zusammenfällt. Das tut dem Geschmack aber keinen Abbruch!

    Zerstoßt die Mandeln im Mörser oder tut sie in einen Gefrierbeutel und haut mit dem Nudelholz darauf. Gebt zwei bis drei EL Zucker in eine Pfanne und macht Karamell. Gebt die Mandel dazu. Ständig rühren!

    Dann gebt die Mandeln auf den Kuchen.

    Ladet Euch die Liebsten ein und genießt den Sonntag!

    Herzliche Grüße,

    Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    2017 – ein Gedanke

    Eigentlich ist es noch gar nicht Zeit, einen Rückblick auf 2017 zu wagen. Eigentlich hat das Jahr noch zwei Tage. Und einer dieser Tage ist beladen mit Vorsätzen, Hoffnungen und Wünschen für ein neues Jahr. Eigentlich müsste dieser Tag ganz gebeugt sein unter der Last der Erwartungen und Sorgen und Hoffnungen. Alles auf ihn, auf diesen Tag!

    So wie ich vor einem Jahr den großen Reinhard Mey zitierte in Kleiner Silvestertag – so denke ich immer noch und blättere durch meine Blogartikel-Entwürfe und bleibe bei einem hängen. Und der geht so:

    Der Dachlattenmann ist wieder aufgetaucht – und er hat seine Brüder mitgebracht oder Schwestern, wer weiß das schon so genau. Er hat seine perfide Zuschlagtechnik perfektioniert, hat gewartet. Im Glückszustand hat er dann zugeschlagen. Tief, ganz tief – nicht in die Magenkuhle, nein, mitten ins Herz hat er geschlagen, gestochen und wieder zugeschlagen. Und dann zog er vondannen. Die Seele wund, das Herz eckig, die Nerven taub.

    Mit den Tränen kam der Schlaf.

    Grippeartige Symptome, kein Gehen – eher ein Wanken. Das Schiff pflügt sich durch die sturmumtoste See, die Wellen meterhoch. Ich versinke. Ein luftleerer Raum, alles dumpf. Ich falle wieder in den Schlaf. Schlafen – nur schlafen.

    Ferngesteuert, wie aus weiter Ferne Stimmen. Essen? Vergessen.

    Dann plötzlich – tauche ich auf, dringe durch die Blase, stoße durch die Oberfläche, hole Luft. Gierig sauge ich den Sauerstoff ein.

    Leben – bist Du das? frage ich zaghaft.

    Hallo! sagt es und ergreift meine Hände, zieht mich aus dem Wasser, legt mich an den Strand in die sanfte Brandung.

    Ich komme auf die Füße, höre wie im Nebel, stehe langsam auf, schaue mich um.

    So, denke ich, so…

    Das Leben also…

    Hast mich zurecht gerückt.

    Hast mir Familie und Freunde geschickt.

    Hast mir den Liebsten zur Seite gestellt.

    Hast dem Dachlattenmann gesagt, dass er gehen darf, gehen soll.

    Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit…

    ********************

    Leben, was hältst Du für Prüfungen bereit? Neues Jahr, was hast Du für uns parat?

    Seenebel – 

    „In fünf Minuten ist es 12 Uhr. Gleich haben wir Mitternacht. Für eine Geschichte bleibt uns gerade noch Zeit.“

    (The Fog – Nebel des Grauens)

    Nebel zieht auf, raubt uns die Sicht. Erst ist der Himmel noch azurblau und die Sonne steht milchig gelb und strahlend am wolkenlosen Firmament. Plötzlich ein Wabern, wie Rauchschwaden – dann ist alles ganz still. Die kalten, feuchten Nebelhände greifen nach dem Sonnenlicht, ersticken das Wellenrauschen, verbieten jeden Möwenschrei. Man verliert die Orientierung, kann nicht mehr sehen. Der innere Kompass rotiert…

    …doch plötzlich – wird man still. Lässt sich vom Nebel umarmen, fühlt sich willkommen.

    Der Nebel ist nicht bedrohlich, er ist neugierig, will an Land kriechen, den feinen Sand unter den nass-kalten Füßen spüren. Vielleicht einen kleinen Blick werfen über die Dünen. Und der Nebel verdichtet sich. Selbst die Sonne schafft es nicht, die Schwaden zu durchbrechen und hängt am Himmel. Wie ein rundes beschlagenes Goldfischglas – milchig weiß. Der einzige Orientierungspunkt. Kleine Tröpfchen haben sich auf der Jacke gebildet. Und der Nebel wabert weiter. Stille.