Das Uffizien-Syndrom

Nimm dies und das!

Nimm Cranach, Botticelli, Michelangelo! Nimm da Vinci, nimm Rafael, nimm Caravaggio!!

Die Uffizien (zu deutsch ‚Büros‘) sind ein von 1559 bis etwa 1581 ursprünglich für die Unterbringung von Ministerien und Ämtern errichteter Gebäudekomplex. So steht es nüchtern bei Wikipedia.

Die Uffizien sind so viel mehr!

Die Uffizien machen wohlig-kränklich, erschöpfend-schwärmerisch, kurzatmig-euphorisch!

Das sind die Uffizien.

Und jeder, der länger in Florenz, aber nicht in den Uffizien war, hat Florenz nicht gesehen!

Erschöpft sitzen wir nach unserem Besuch in einem der unzähligen Restaurants, strecken die Füße von uns und gieren nach einem guten Essen, etwas zu trinken – nein, keinen Wein – der Kopf ist eh schon verhangen.

Und als wir wortlos, genüsslich miteinander schweigend die köstliche Pasta verspeisen, kehren die Lebensgeister zurück.

Das Uffizien-Syndrom – eben dieser Erschöpfungszustand, der viele Besucher dieser grandiosen Kunstsammlung ereilt – ist in der Tat kein seltenes Phänomen. Erstaunlicherweise haben wir erst nach unserem Besuch davon gelesen und uns infiziert.

Beim nächsten Mal gehen wir wieder hin!

Livorno – Von Soda, Sand und Sonne

Wir haben Hochzeitstag, unseren 10. – um genau zu sein. Am 15. September 2008 standen wir vor dem Standesamt und gaben uns um ca. 11:30 Uhr das Ja-Wort. Vor 10 Jahren. Es ist unglaublich, wie die Zeit vergeht. Und ich denke daran, wie aufgeregt ich war, schweißnass die Hände. Und es war kalt. Die Standesbeamtin hatte die passende Bluse zum Teppich an – mit großen roten Rosen. Der Trauzeuge meines Mannes stellte fest, dass sein Personalausweis abgelaufen war und trug ein Jacket mit großem Totenkopf an der Seite. Meine Unterlippe zitterte und ich sagte zu früh „ja“, fiel meinen Eltern um den Hals und war – verheiratet mit meinem Vorzeigemodell.

Wir machten Fotos mit einer netten Fotografin mit sympathischem holländischem Akzent, die uns aufforderte anstatt „Ameisenscheiße“ lieber „Kariiiiibik“ zu sagen. Auf einigen Fotos rissen wir die Augen so auf, als wenn wir tatsächlich direkt in die karibische Sonne blicken würden.

Mit unseren Eltern und Trauzeugen ging es anschließend zum Italiener. Der Kellner schmettere mehrfach uns ein herzliches „Auguri!“ entgegen und wir genossen ein köstliches Drei-Gänge-Menü in entspannter Atmosphäre mit glücklichen Eltern. Selbst glücklich, wie man nur sein kann, wenn man denjenigen heiratet, mit dem man den Rest seines Lebens verbringen und irgendwann auf einer Bank sitzen und händchenhaltend aufs Meer gucken möchte.

Eines der schönsten Geschenke war eine riesige Box mit allerlei Köstlichkeiten für „das erste Frühstück als Ehepaar“ – so meine Eltern, die ich mir nicht besser hätte aussuchen können als ich damals noch im Seerosenteich schwamm.

Und nun- zehn Jahre später – an einem dieser Bilderbuch-Urlaubstage fuhren wir in Richtung Livorno, denn einmal Meer muss sein. Das Handy klingelte und es trällerte: „Tillykke! Tillykke! Tillykke!“

„10 Jahre?!“ halb erschreckt, doch glücklich schallt es uns entgegen. „Ja! Wahnsinn, oder?“ bemerken wir und erzählen, dass wir zum Meer fahren. Und dann reden wir, erinnern uns – an kleine Katastrophen, Jackets mit Totenkopf, Walzer vorm Standesamt, Sekt und „Auguri“!

Die Straßenschilder zwitschern fröhlich Fi-Pi-Li. Und so „fi-pi-li“ sind auch wir – „Firenze, Pisa, Livorno“. Livorno. Vespas brummen an uns vorbei, schlängeln sich durch jede noch so kleine Lücke. Wir navigieren durch ein Parkhaus, dass für zuckersüße Fiat 500 gemacht ist, parken, steigen aus und lassen uns treiben in Richtung Markthalle.

Wie auch schon in Florenz erschlägt uns die Vielfalt an Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch förmlich. Alles duftet verführerisch, ein Traum für jeden Genussmenschen. Und als wir staunend und schauend durch die Markthalle treiben, erscheint plötzlich ein Bäcker vor uns. Ein Bäcker ausschließlich mit glutenfreien Backwaren.

Die Manalù Bakery Lab befindet sich in der Markthalle an einer kleinen Ecke. hier gibt es herrlich duftig-fluffige Focaccia mit Meersalz, leicht warm. Apfeltaschen mit knusprigem Blätterteig. Baguette mit weichem Teig und knackiger Kruste. Ich stehe da und strahle, strahle, strahle. Der Bäcker ist stolz wie Bolle – wie man so schön sagt – und bietet mir lauter Kostproben an. Und ich probiere, kaufe ein und beiße dann in eine Apfeltasche – voller Verzückung. Beobachtet werde ich von einer Dame, die mich so voller Freude anlacht und uns „buona giornata“ wünscht. „Anche a te!“ sage ich. Mit dem Genuss glutenfreier italienischer Backwaren steigt offensichtlich auch gleich die Sprachbegabung.

Mit zufrieden gefüllten Bauch wollen wir nun noch zur berühmten Promenade von Livorno. Ein Schachbrettmuster soll es sein, und man kann die Fähren nach Korsika und nach Sardinien sehen. Das Wasser glitzert, die Fähren gleiten darüber hinweg. Manch einer mag dieses Schachbrettmuster „voll 80er“ finden. Das klingt negativ und ist es – aus unserer Sicht – gar nicht. Es hat was von alten Filmen, ja, aber die Promenade versprüht italienischen Charme.

Aber wir wollen an den Strand. An einen bestimmten Strand. An den Spiagge Bianche. Auch bekannt als der weiße Strand von Vada. Der weiße Strand und das türkise Meer – man hat das Gefühl, man ist in der Karibik. Ein Umstand, der allerdings nicht eine Laune der Natur ist. Eine nahe gelegene Sodafabrik, dessen Rohre durch diesen Abschnitt laufen, hatte hier „früher“ ihre Abwasser ins Meer laufen lassen. Die Chemikalien haben Sand und Meer in diese paradiesischen Farben getaucht. Heute soll dies nicht mehr der Fall sein. Wie dem auch sei: Die Einwohner stört es nicht – der Strand ist gut besucht. Und auch wir trauen uns, stürzen uns in die Fluten, denn die Wellen sind herrlich, mannshoch und sorgen dafür, dass die Glückshormone raketenschnell durch die Adern schießen. Und so liegen wir dort, im feinen weißen Sand und kriegen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht.

Irgendwann – die Haare sind salzig verklebt und der Sand hängt in den Zehen – schlendern wir zurück zum Auto. Glücklich, beseelt und sehr zufrieden.

Von Vada aus wollen wir nun nach Livorno zurück, dann Richtung Pisa. Einmal den schiefen Turm sehen. Und von hier aus kann man auf der Via Aurelia an der Küste entlangfahren, muss sich aber sehr auf die Straße konzentrieren, denn von der puren Schönheit dieser traumhaften Landschaft wird man nach jeder Kurve schier verzaubert. Dieses Fleckchen Erde ist paradiesisch. An den Seiten parken Hunderte von Autos.

Nach Pisa ist es nur ein Katzensprung, und die Schilder weisen uns den Weg zum Torre pendente die Pisa. Ein Parkplatz ganz in der Nähe bietet zu horrenden Preisen Parkmöglichkeiten, aber wir wollen ihn schließlich nur einmal sehen. Das Licht ist golden und taucht den Platz in schillerndes Licht. Der Blick auf den Turm und den Domplatz ist überwältigend. Der Turm ist wirklich schief! Und natürlich muss ein Selfie sein, aber bitte kein Foto, bei dem man die Hände so an den Turm legt, dass es so aussieht, als wenn man das altertümliche Gebäude selbst abstützen würde.

Und dann? Dann gleiten wir zurück – Fi-Pi-Li, Fi-Pi-Li summt es in unseren Köpfen, summen wir selbst zufrieden vor uns hin. Fi-Pi-Li, Fi-Pi-Li. Was für ein wunderbarer 10. Hochzeitstag!

Ja jaaa der Chianti-Wein – Von einem Kochkurs, Tiramisu und einem neuen Mitbewohner

Lotte hat Konkurrenz bekommen, zumindest sagt sie das. Lotte ist Französin – Ihr erinnert Euch vielleicht. Lotte ist verschnupft, denn eigentlich ist sie für das Kurbeln zuständig. Lotte durfte sogar mit nach Italien reisen, und ich versuchte Mademoiselle zu erklären, dass es nicht viele Paare gibt, die mit zwei Karton Einweckgläsern, Trichtern, Gelierzucker und einer Flotten Lotte in den Urlaub fahren. Lotte schmollt. Warum schmollt Lotte?

Nun ja, wir haben einen neuen italienischen Mitbewohner. Wir haben ihn Vito getauft. Viele unserer Gerätschaften – ähm – Küchenhilfen, jawohl, wir nennen unsere Küchenhilfen bei ihrem Vornamen. Lotte – zum Beispiel – Rollo, der Rote und nun eben Vito.

Rollo betrachtete Lotte nicht als Gegner oder Konkurrenten, denn Rollo ist eine Küchenmaschine, da muss man nicht kurbeln. Vito ist eine Nudelmaschine mit Kurbel. Autsch.

Als wir am dritten Urlaubstag unserer Italienreise in Richtung Mercatale fuhren, waren wir aufgeregt und nassgeschwitzt. 35 Grad auf dem Thermometer und wir bei einem italienischen Kochkurs – eine buchstäblich heiße Mischung.

Nun muss man sagen, dass diese wunderschöne Region – das Chianti Classico – mit der malerischen Landschaft, mit den sanften Hügeln, dem satten Grün und den hochaufragenden Zypressen und breiten Pinien und unser Navigationsgerät (vielleicht sollten wir es Donald taufen – so verpeilt wie es ist) nicht so richtig kompatibel sind. Kurzum – unser Navigationsgerät fand das Haus nicht, aber es fiel wenigstens nicht aus. Doch unsere herzlichen Gastgeber, Daniela und Daniele, holten uns ab, und wir stellten fest: Ganz verkehrt waren wir nicht!

In Erwartung einer Gruppe Menschen, die auf zwei dusselige Deutsche warteten, gingen wir zu der wunderschönen Olivenfarm mit kleinem Familien-Weingut und würden das erste Mal überrascht. Wir waren die einzigen Teilnehmer. Und so führte uns das herzliche Ehepaar durch ihren Weinberg, vorbei an Prosciuttina – dem glücklichen Schwein – und vorbei an Valentino und Siegfriedo, dazu aber später.

Wir probierten Trauben, genossen den herrlichen Ausblick, lachten und redeten, als ob wir uns schon Ewigkeiten kannten.

Auf der überdachten Terrasse genossen wir dann zunächst unseren Kaffee. Dann ging es in die Küche, in der es angenehm kühl war. Daniele, so Daniela, habe heute Morgen extra glutenfreie Pasta, Löffelbiskuit und Brot für mich gekauft. Und alles stand parat, fein säuberlich getrennt von allem, das glutenhaltig war.

Nichtsdestotrotz war ich neugierig und wollte Pasta machen, wollte den Teig durch die Nudelmaschine drehen. Und während Daniele die wohl Weltbesten Antipasti-Teller vorbereitete und eine köstliche Sauce aus Tomaten, Knoblauch und gemischten Pilzen vor sich hinschmurgelte, zeigte uns Daniela, wie das nun geht mit der Pasta.

So glücklich kann ein kleiner Fliegenpilz sein!

Wichtig, so Daniela, ist, dass man immer in dieselbe Richtung rührt. Welche sei egal, aber dieselbe, sonst – so sagt eine italienische Küchenweisheit – wird die Pasta verrückt und gelingt nicht.

Vom Feuereifer gepackt, zog nach unserem Urlaub Vito bei uns ein. Glutenfreie Pasta kann doch nicht so schwierig sein. Doch glutenfreie Pasta ist eine Herausforderung, die ich zwar angenommen habe, aber die mir bis jetzt noch nicht gelungen ist.

Tiramisu hingegen – das bekomme ich nun hin. Und zwar das köstlichste alkohol- und glutenfreie Tiramisu, das ich jemals gegessen habe.

Rezept

  • 4 Eigelb
  • Etwas Zucker
  • 4 Eiweiß
  • Glutenfreie Löffelbiskuit
  • Mascarpone
  • Lösliches Kaffeepulver
  • Eine wirklich gute dunkle Schokolade
  • Kakaopulver
  • Trenne die vier Eier (sehr frisch und bitte in Bio-Qualität) und schlage das Eigelb mit ca. 1 EL Zucker auf kleiner Stufe, bis es weiß und cremig ist.
  • Schlage das Eiweiß zu Eischnee.
  • Kippe das Wasser von dem Mascarpone ab und gib ihn zum Eigelb, verrühre alles mit dem Mixer für 1 Minute.
  • Hebe den Eischnee vorsichtig unter und (!) rühre stets in eine Richtung!
  • Löse Kaffeepulver in Wasser auf.
  • Nimm eine passende Schale und gib eine dünne Schicht von der Creme auf den Boden der Schale. Tauche einen Löffelbiskuit in den Kaffee und drücke ihn auf die Masse. Wiederhole dies, bis der Boden bedeckt ist.
  • Bestreiche die Biskuits mit der Creme, raspele Schokolade darüber und mache eine zweite Schicht fertig.
  • Die letzte Schicht ist Creme, auf die großzügig Kakaopulver gestreut wird.
  • Decke das Tiramisu mit Frischhaltefolie ab und stelle es für mindestens 15 Minuten in den Kühlschrank.
  • Doch noch einmal zurück zu Siegfriedo – warum der Hahn nun nach einer Nibelungenfigur benannt ist?
  • Daniela und Danieles Sohn studiert Musik in Florenz. Er ist großer Wagner-Fan.
  • Siegfriedo – ein chinesischer Hahn – krähte wie ein charismatischer Bariton und stolzierte über den Hof. Was für ein Hähnchenleben!
  • Und was Lotte angeht – so hat sie meinem Vorzeigemodell heimlich zugeflüstert, dass der Vito doch très charmant sei. Wir werden das beobachten!
  • Oh Firenze – oh Florenz!

    Florenz. Ach – wie liegst Du da im Tal. Schön bist Du anzuschauen, wie ein eingefasstes Juwel, umringt von grünen Bergen. Florenz – wie sich der Arno durch Dich schlängelt. Florenz – wie ein künstlerischer Magnet. Florenz – die Scharen ziehst Du an und bist doch etwas gelangweilt von den Massen, die sich durch Deine pittoresken Altstadtstraßen und über die Ponte Vecchio schieben. Aufgeregt warst Du als sich der Arno 1966 mit all seiner Kraft den Weg durch Deine Gassen bahnte, in die Uffizien drückte, in die Nationalbibliothek, in die Archive der Opera del Duomo und in die vielen anderen Orte. Oh, was warst Du froh als die Angeli del Fango Dich von den Schlammkrusten befreiten. Jede Hochwassermarke aus den vorangegangenen Jahrhunderten wurde übertroffen, das Wasser stand Dir bis zum Hals. Oh Florenz, ruhig liegst Du da, breitest Deine Gassen aus, lädst Menschen aus aller Herren Länder hinein. Wie sie die Augen aufreißen, mit ihren von Mücken zerstochenen Armen auf Bauwerke zeigen, auf Fresken, auf Taschen, Schuhe und Cafés, aus denen es verführerisch nach Dolci duftet und Kaffee natürlich. Hörst Du, wie sie alle das Kaffeepulver in den Kasten aus Edelstahl klopfen, das Zischen des Wassers zum Aufbrühen eines pechschwarzen Espressos, hörst Du es?

    Und in Deinem Mercato Centrale liegen Köstlichkeiten in meterlangen Theken. Fische und Muscheln, die ich noch nie zu Gesicht bekommen habe, liegen hier auf dickem Eis und riechen nach Meer, salzig und köstlich. Obst und Gemüse, riesige Steinpilze, Trüffel, frisches fluffiges Brot, Chilis aufgefädelt und Knoblauch, der in heißem Olivenöl angebraten wird. Salami und Schinken, Käselaibe groß wie Wagenräder – Parmesan und Pecorino, der würzige Geruch von Rucola, faustgroße Tomaten in feierlichem Rot, samtig, wenn sie aufgeschnitten werden. Ein Festival für die Sinne.

    Kurz schließen wir die Augen, nehmen die Gerüche in uns auf, gehen dann weiter und suchen uns einen Platz. Essen kann man hier überall gut und frisch. Ein Informationsstand empfiehlt uns dann bei glutenfreiem Essen ein Bistro gleich gegenüber. Wir nehmen an der Theke Platz und erleben das, was man italienische Leichtigkeit nennen könnte, zum ersten Mal. „Senza glutine? Sie, Signora, gar kein Problem. Sehen Sie, hier auf der Karte ist all das mit Sternchen glutenfrei. Und wenn Sie Pasta haben möchten, kein Problem, haben wir auch!“

    Ich rücke meinen Barhocker ein bisschen näher an die Theke und entspanne. Wähle dann mit meinem Vorzeigemodell Antipasti für 2 und hinterher „Pulpo“ mit Gemüse und Pici für meine bessere Hälfte mit Ragu di cinghiale. Pici, so lernen wir, sind dickere Spaghetti, typisch für die Toskana. Ebenso die Sauce – ein Wildschwein-Ragout. Ich lasse mich von dem charmanten Kellner noch zu einem Aperol Spritz überreden. Die Orangenscheiben strahlen im Sonnenlicht, das durch das Dach der imposanten Markthalle fällt. Der Geschmack ist erfrischend, den Alkohol schmeckt man kaum. Die Antipasti-Platte duftet verführerisch – verschiedene Sorten Salami, Schinken und Käse, sauer eingelegtes Gemüse wie Fenchel und kleine Möhrchen und eine köstliche Zwiebelmarmelade. Die harmoniert mit dem kräftigen Käse – ein Traum. Wie selbstverständlich wird mir ein Brotkorb vor die Nase gestellt, darin glutenfreie Brötchen. Ich bin im siebten Himmel – mindestens!

    Von der Vorspeisenplatte schon ganz selig und mit Liebe im Bauch nippen wir an Aperol und Aqua minerale als ein junges Paar neben uns Platz nimmt und nach Bistecca alla fiorentina fragt. Die Chefin nickt, das Paar nimmt Platz, wir kommen ins Gespräch – zunächst auf Englisch, dann stellt sich heraus, dass das Paar aus Frankfurt kommt. Wir wechseln ins Deutsche und tauschen uns aus, über Florenz, über die Parkmöglichkeiten, über das Essen. Das Bistecca alla fiorentina wird dem Paar im „Rohzustand“ gezeigt, dann gebraten und mit den Beilagen serviert. Wir lernen etwas dazu, denn wir dachten immer, dass das T-Bone-Steak aus den USA kommt. Das T-Bone-Steak oder auch Bistecca alle fiorentina genannt, hat seinen Ursprung in der Toskana. Es wird oft aus einer bestimmten Rinderrasse zubereitet, nämlich Chianina. Das Chianina-Tal liegt in der Toskana, daher haben die Rinder auch ihren Namen. Es gibt aber auch T-Bone-Steaks vom Maremma-Rind, wie wir später feststellen sollten.

    Das Paar isst und genießt, wir essen unsere restlichen Pici und den knusprigen Pulpo und genießen ebenfalls. Dann brechen wir auf, verabschieden uns und treten in die spätsommerliche Wärme von Florenz.

    Oh Florenz – Du bist magisch.

    Figline e Incisa Valdarno

    8. September 2018. Es war warm, der Himmel so strahlend blau wie die Augen von Terence Hill. Kleine Wölkchen wie zufällig mit einem ausgefransten Borstenpinsel ins Firmament getupft. Die Brennerautobahn war voll, und wir fuhren mit der Blechlawine weiter gen Süden, immer weiter und weiter. In Südtirol hingen die Äpfel an den Bäumen. Die Raststätten boten Espresso für 1,20 EUR an, in Porzellantassen an einer langen Theke, auf der Zucker verstreut war; und Kekse „senza glutine“ – ein ganzes Regal. Je weiter wir fuhren, umso höher kletterte das Thermometer. Der Himmel wurde noch ein bisschen blauer und die Wolken verschwanden, machten Platz für das Blau. Ein Apfel, ein Sandwich, ein glutenfreier Schokokeks, eine Pause draußen, 30 Grad, ein Stau, einer nächster Stau, eine Umleitung, eine Mautstation, Klirren der Münzen, Landstraße, Autobahnschild, Mautstation, Ticket, ein Kaffee, eine Abzweigung: „Panoramica“ oder „Direttissima“? „Panoramica“ oder „Direttissima“? Die Wahl fällt auf „Panoramica“!

    Und weiter geht’s über unzählige Brücken, kleine Tunnel, durch die Hügel, das toskanische Apennin. Kurz vor Florenz – Pause, Kaffee – ein ausgefallenes Navigationsgerät. Ein Schreck, ein Schütteln, aber – ein Ausdruck im Gepäck. Und so fuhren wir – weiter, immer weiter in Richtung „Incisa“.

    Wo waren wir? Unser Navigationsgerät ließ sich auch mit gutem Zureden nicht wieder aktivieren. Irgendwo zwischen „Panoramica“ und „Abfahrt Incisa“. An der Mautstation das nächste Fiasko – das Ticket wurde nicht akzeptiert. Die Stimme aus dem Apparat wiederholte stoisch Ortsnamen „Bologna“, „Milano“. „Scusa, no capisco. Parla inglese?“ Aber nix „inglese“. Die Stimme wiederholte fragend und genervt: „Bologna?“, „Milano?“. Vielleicht weil wir Hunger hatten, brüllten wir „Bologna!“ und wurden freigelassen.

    Das Navi streikte immer noch. Doch dann – wir konnten tun, was wir wollten, aber wir fanden unsere Ferienwohnung nicht. Die Hauptstraße fuhren wir rauf und wieder runter, rauf und wieder runter. Der Ausdruck sprach von „you start driving up the hills“ und „San Michele“. Doch kein Schild, aber Hügel. Kein Handynetz, aber ein Ausdruck, an den ich mich klammerte. Und ein Handy mit einem strahlenden E. Und so fuhr mein Vorzeigemodell mit unserem Kombi die Hügel hoch, hupte als gäbe es kein Morgen, als die Straßen so eng und schmal wurden, dass ein spontanes Ausweichen nicht möglich gewesen wäre, wäre uns jemand entgegen gekommen. Auf der Spitze des toskanischen Apennin – zumindest gefühlt – hielten wir dann an. Dort war doch ein Haus, da saß doch eine Dame mit ihren Kindern, da können wir doch fragen! Aber das wird doch nicht unsere Ferienwohnung sein? Das wird doch nicht, oh bitte nicht, oh bitte, wo kommen denn plötzlich die ganzen Katzen her, Katzen? Oh Himmel, Katzen, 20 oder 30 Katzen.

    Mit Händen und Füßen, einem Wörterbuch und einer Engelsgeduld erfuhren wir, dass wir „to the other side“ müssen, nahmen unsere Füße in die Hand, sagten artig „grazie“ und flohen vor der Katzenarmee. Dann – ENDLICH – erreichten wir traumatisiert unser Urlaubsdomizil:

    Poderaccio. Ein Agriturismo, ein Farmhaus mit Ferienwohnungen inmitten von Olivenbäumen mit einem traumhaften Blick ins Tal mit Gemüsegarten und mit abendlichem Grillenkonzert, mit Duft von Wald und Wiese, mit nächtlichem Wetterleuchten, mit morgendlichem Hunde- und abendlichem Katzenbesuch. Mit Wildschwein-Grunzen in der Dämmerung, mit Smaragdeidechsen und mit gefüllten Gemüsekörben, Frühstückskörbchen und frischen Eiern, grünen Bohnen und Früchtebrot. Mit Tipps und Tricks, mit Rat und Tat, mit abendlichem Wind, mit Sekt im „Bath-Tub“ und funkelnden Lichtern, mit Spaziergängen und unzähligen Tomaten.

    Figline e Incisa Valdarno ist lt. Wikipedia eine Gemeinde mit 23.420 Einwohnern (Stand 2016). Wie der Name schon sagt, liegt sie im Arno-Tal. Florenz ist etwa 25 km entfernt. Westlich von Figline e Incisa liegt das Chianti-Gebiet, das einen oder zwei oder auch mehrere Besuche wert ist, aber dazu später.

    Incisa hat zudem einen wunderbaren Supermarkt Coop, in dem wir an unserem zweiten Tag nach einer entspannenden Nacht und einem köstlichen ersten Frühstück noch weitere Köstlichkeiten einkauften – schier überwältigt von der Frische, der Vielfalt und von der Qualität. Das letzte Bild zeigt übrigens das Regal mit den glutenfreien Produkten. Den Tiefkühlschrank habe ich wegen Reitüberflutung vergessen zu fotografieren.

    Aber Incisa hat nicht nur einen großen Supermarkt, nein, auch ein kleiner Markt namens Punto Simply Market fügte sich in das Ortsbild ein. Von außen erinnerte der Laden an einen kleinen Dorfladen, und auch die ersten Regale boten ein wohlsortiertes Chaos. Bog man allerdings um die Ecke, steuerte man geradewegs auf eine Frischetheke mit verschiedenen Sorten Käse, Brot und Antipasti zu, dass einem die Luft wegblieb.

    Und auch für den süßen Zahn war gesorgt.

    Eine Pasticceria namens „Le Delizie“ warb bereits direkt an der Tür „anche senza glutine“. Und das Angebot war großartig! Köstliche kleine Windbeutel mit Sahne oder Schokoladencreme gefüllt, kleine Kekse mit Aprikosenmarmelade oder Schokocreme oder ein in Rum getränktes, pilzähnliches Gebäck:

    Glutenfreies Fliegenpilzherz – was willst Du mehr?

    Toskana – Der Beginn einer wunderbaren Reise

    Nach dem Sommer des letzten Jahres hatten mein Vorzeigemodell und ich beschlossen: „Nächstes Jahr haben wir einen richtigen Sommer, zumindest für zwei Wochen!“ Gesagt, gebucht – zwei Wochen Toskana im September. „Im September“, so redeten wir uns ein, „ist es auch nicht mehr so heiß!“ Wir streckten die bewollstrumpten Füße unter die Kuscheldecke und nippten genüsslich an dem heißen Tee. Eine herrliche Vorstellung! Endlich mal wieder Sommer!

    Und dann kam er: Sommer 2018. Ein Adonis! Ein Langstreckenläufer, ein Triathlet, ein Goldmedaillen-Olympiasieger im Einzel und in Formation, in Kurzstrecke und auf Distanz, in Pflicht und in Kür, in jeder Disziplin, A-Note und B-Note. Keine Spritzer beim Eintauchen, kein Fehlstart – aber Durststrecken. Die Abenteurer, die sich ihre Erlebnis-Safari gebucht hatten, ärgerten sich, denn afrikanische Steppe war auch hier, in Niedersachsen, gleich zwischen Deister und Süntel, in Richtung Leine- und Weserbergland.

    Gefühlt fuhr ich von Ende März bis Ende September täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit. Und abends auch noch eine Runde – ins Schwimmbad, zum See, zur Eisdiele, um den Block – den Fahrtwind genießen, abkühlen, eine Sekunde länger vor der offenen Kühlschranktür verweilen.

    Die Langzeitwetterprognose sprach von einem Jahrhundertsommer, von anhaltenden hohen Temperaturen bis weit in den September hinein.

    Wolldecken, heißer Tee oder Füße in Socken? Die Erinnerungen verblassten. Das Kalenderblatt „September“ grinste mich fröhlich an, als ich es mit Schwung zum Vorschein brachte. Dort stand ein magisches Wörtchen „Urlaub“. Die Überdosis „Sommer“ hatte ich noch nicht erreicht. Und so packten wir unsere Köfferchen…

    …reist Ihr mit?