Ein Landei in der großen Stadt – Regen bringt Segen in Berlin und Potsdam

Berlin. Es ist etwa 9:00 Uhr als wir über die Avus in die einst geteilte Stadt gleiten. Es nieselt leicht, aber der Himmel ist ein Flickenteppich aus weißen Wolken und freundlichem Blau. Heiter bis wolkig eben. Im geräumigen Auto sitzen wir, die Familie: Mama, Papa, Schwiegersohn und Tochter, also ich.

Und wir sind heiß auf Trödel! Auf unserer Liste stehen der altbekannte Flohmarkt an der Straße des 17. Juni, Fehrbelliner Platz, Arkonaplatz, Mauerpark, vielleicht Ostbahnhof, vielleicht Museumsinsel.

Berlin wäre nicht Berlin, wenn nicht irgendwo irgendwer irgendwas mit gleichmütigem Elan absperren, aufreißen, umleiten oder abreißen würde. Geduldig und langmütig „wirste weiter jewunken“ und bist froh über das Navigationsgerät, das uns zuverlässig an den richtigen Ort führt. Doch auch hier ist Berlin für eine Überraschung gut – Flohmarkt an der Straße des 17. Juni ist nicht! Warum nicht? Ist Marathon! Fantastisch… liefe ich den Marathon, ich würde jappsen wie ein Fisch auf dem Trockenen. Doch japsen muss ich gerade auch ohne Dauerlauf: Frechheit! Gestern hatte ich noch auf die Homepage geschaut, und dort stand nix von wegen fällt aus! Hmpf! Verzeihung, aber Berlin – da biste irjendwie Klischee… Termine nicht einhalten – darin biste janz jut.

Doch vier Trödler lassen sich nicht von der Konsequenz der Hauptstadt beeindrucken und fahren zum Fehrbelliner Platz. Klein, fein und gerade von einem erfrischenden Schauer getroffen, bieten hier die Trödler ihre Waren feil. Eine Pinsvinvase, alte Tropfdeckchen von Melitta wechseln den Besitzer.

Und nun eine mittägliche Stärkung. Auf nach Wilmersdorf zu Rogacki, die Stadtküche.

Gut gestärkt schlendern wir durch Wilmersdorf. Irgendwie ist es fast kleinstädtisch hier, gemütlich. Wir entdecken einen Wochenmarkt im angrenzenden Stadtteil Charlottenburg. Auf dem Karl-August-Platz gibt es alles, was das kulinarische Magen-Herz begehrt – Steinpilze, Maronen, Birkenpilze, Preiselbeeren und duftige Quitten, Äpfel und erste Clementinen. An einem Stand köstlichen Käse, heißen türkischen Tee mit einem Hauch Zimt. Wir genehmigen uns einen Becher, als der nächste Regenschauer auf die Stände und uns niederprasselt. Und unterhalten uns mit dem charmanten Türken über Gott und die Welt, über die Türkei und die dummen fremdenfeindlichen Menschen. Wir Herzen uns zum Abschied als wären wir alte Freunde. Und Friede auf Erden!

Seltsam rührig gehen wir weiter, kaufen kleine Pralinen, auf die das Brandenburger Tor und die Goldelse gedruckt sind. Und am nächsten Stand Esterházy-Torte – in glutenfrei! Ein Gedicht!!! Berliner unter Euch – wenn Ihr den Stand kennt, der an der Ecke zur Pestalozzistraße steht, schickt mir doch mal den Kontakt! Nicht nur die Esterházy-Torte, auch ein Cantuccini-Ähnliches Gebäck ist zum Niederknien.

Ach, Berlin. Wir mussten alles ein bisschen umdisponieren, aber wir sind ja flexibel und – jeschmeidich. Ey, Berlin, ick kenn Dir nur im Frühjahr, im Sommer und im Winter. Im Herbst war ich noch nie zu Besuch. Du meinstest wohl, Du willst mir zeigen, wie sich der Herbst so anfühlt, wa‘? Berlin, wat biste nass…

Und am Sonntag tuste die Schleusen so richtig auf und regnest herab. Wenn de was machst, Berlin, dann machste dit richtig, wa‘? Obwohl – aber nee, meckern will ick nich‘, war schon okay, aber irjendwann hätte ich mich jefreut, wenn de mal uffjehört hättest. Mussteste ja janz schön kieken, dass de nich‘ klitschenass wirst. Immer’n Unnerschlupf suchen, aber Berlin – danke, schön war‘s.

Findelhof, Flohmärkte und Karottenkuchen

3:15 Uhr. Der Wecker ist unerbittlich. Er piept. Erst zaghaft, dann immer aufdringlicher. Schließlich mit Nachdruck. Um 23:30 Uhr hatte ich das letzte Mal auf den rosa Tyrannen geschaut. Ich konnte nicht einschlafen. Und nun will ich nicht aufstehen. Doch was hilft das Meckern und Brummen – nichts. Ich stehe auf, versuche die Augen zu öffnen und schlurfe ins Bad.

Glücklicherweise sind diese Handgriffe automatisiert und der Kopf schon so funktionstüchtig, dass ich die rechte Linse ins rechte Auge und die linke ins linke Auge befördere – ohne besondere Vorkommnisse.

In der Küche sieht es etwas anders aus. Seit Jahren muss ich mir Zettel schreiben: „Tee kochen“, „Zucker“, „Kühlbox packen“, „Milch“. Die Liste variiert je nach Anlass.

Dieses Mal ist der Anlass Der Findelhof. Wohl einer der schönsten Flohmärkte in unserer Nähe. Einmal im Monat ab April findet er statt in einem kleinen Ort namens Bockelskamp bei Celle. Das Besondere: es gibt keine Neuware. Außerdem liegt der Findelhof idyllisch, die einzelnen Stände liegen auf der Streuobstwiese, im Innenhof des Hofes und im kleinen Wäldchen dahinter. Für das leibliche Wohl wird gesorgt – es gibt eine obligatorische Bratwurst, aber auch Kartoffelsalat mit Bockwurst, Suppe oder Ratatouille, Schmalzbrote, Brötchen mit Wurst oder Käse und Milchreis mit Zimt und Zucker. Eine kleine Weinbar, Kaffee und Kuchen und ein Coffeebike mit italienischen Kaffeespezialitäten. Ausgezeichnet!

Die Krux an der Sache? Das frühe Aufstehen, denn die Plätze sind begehrt. Also sitzen wir um 4:45 Uhr im Auto, mit Kühlbox, Teekanne, Blumen und anderer Deko und einem selbstgebackenen Karottenkuchen – für uns und die umliegenden Stände.

Langsam rauschen wir so dahin, den Anhänger hinter das Auto geschnallt. Kurz vor Bockelskamp ergreift mich die Aufregung – Adrenalin! Wir fahren auf die taunasse Ausstellerwiese, parken. Von Weitem wird schon gewunken. Gummistiefel an und raus. Die Handgriffe jetzt sind eingespielt: Pavillon raus, Klapptische unter den Arm geklemmt, ein Hallo hier, ein Hallo dort. Vier Personen, vier Ecken – der Pavillon wird aufgespannt. Es folgen die Tische. Die Sackkarre wird beladen mit Bananenkartons: ein stetes Ausräumen, Umräumen. Letztlich folgt die Deko: wir stellen alte Einweckgläser auf die schmucke Leiter, stellen Schleierkraut, Hortensien und Septemberkraut hinein, füllen mit Wasser auf – auch daran soll gedacht sein.

Dann kann es losgehen. Es ist 7:00 Uhr. Und tatsächlich verirrt sich der eine oder andere erste Besucher auf die Wiese, obwohl offizieller Beginn eigentlich 10:00 Uhr ist. Und natürlich huscht man in der morgendlichen Ruhe auch selbst über den Markt und wirft einen Blick auf die anderen Stände, begrüßt bekannte Gesichter und macht vielleicht auch schon ein Schnäppchen, holt sich einen Ausstellerkaffee und genießt den Morgen.

Der Tag wird irgendwann lang. Das Zeitgefühl ist irgendwann zwischen 7:30 Uhr und 11:00 Uhr verloren gegangen. Wie spät soll es sein? Der berüchtigte tote Punkt schleicht sich an und wir wollen nur noch Dusche und Sofa, Sachen eingepackt und weggepackt haben, Füße raus aus den Schuhen und frische Klamotten.

Doch es ist erst Mittag. Und vorher gibt es Kuchen! Und nächsten Tag, ja am nächsten Tag – ist alles vergessen, und der nächste Findelhof ist kaum zu erwarten.

Für einen fluffigen Möhrenkuchen braucht Ihr:

  • 220 g glutenfreies Mehl (z. B. Mix C von Dr. Schär oder Helles Mehl von Hammermühle)
  • 30 g Maisstärke
  • 1 TL Backpulver (gehäuft)
  • 1 TL Xanthan
  • 50 g Kokosraspel
  • 1 Prise Salz
  • 2 TL Zimt (gemahlen)
  • 325 g geraspelte Möhren
  • 80 g gemahlene Haselnüsse plus etwas für die Backform
  • 4 Bio-Eier
  • 200 ml Sonnenblumenöl
  • 180 g flüssigen Honig
  • Butter zum Einfetten der Backform

Heizt als Erstes den Backofen auf 180 Grad vor. Dann fettet eine Napfkuchen- oder Springform mit Butter und streut sie mit einem Teil von den gemahlenen Haselnüssen aus.

Mischt Mehl und Stärke mit dem Backpulver, Xanthan, den Kokosraspeln, Salz und Zimt. Gebt die geraspelten Möhren und die Haselnüsse hinzu.

Gebt Eier, Öl und Honig hinzu und rührt alles solange, bis ein cremiger Teig entsteht.

Gebt nun den Teig in die vorbereitete Backform und stellt diese dann auf die mittlere Schiene des Backofens. Backt den Kuchen für 45 Minuten, bis er goldbraun ist.

Nehmt den Kuchen nach der Backzeit heraus und lasst ihn in der Form für ca. 10 bis 15 Minuten auskühlen. Anschließende stürzt ihr ihn vorsichtig und lasst ihn auf einem Kuchengitter auskühlen.

Am übernächsten Tag schmeckt der Kuchen am allerbesten!

Viel Spaß beim Nachbacken, und verratet mir doch mal, welches Euer Lieblingsflohmarkt ist.

Es grüßt Euch herzlich Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Oh Flohmarkt, my love

Wann genau ich mit dem Virus „Flohmarkt“ infiziert wurde, weiß ich nicht. Es handelt sich allerdings um eine sehr schwerwiegende Sorte, meist gepaart mit akuter Schnappatmung, erhöhtem Puls und leichten Schweißausbrüchen sowie einem rasanten Adrenalinausstoß. Nach dem ersten Schub stellt sich ein Jagdfieber ein. Die Körperhaltung ist wieselartig, das Grinsen im Gesicht gleicht dem eines Fuchses, wenn er Fette Beute gemacht hat. Dann wird alles in einen Beutel gesteckt, womit wir auch den Bezug zum Känguruh erklärt hätten. Und boxen kann ich auch, aber nur freundlich! Und in die Seiten meiner Begleiterinnen und Begleiter, die zumeist vom selben Virus befallen sind. Die Trigger für diese eigenartigen Schübe variieren jedoch von Person zu Person. Manche haben den 60er-Virus und vergessen alles um sich herum, wenn sie beispielsweise einen Melitta-Filter sehen. Andere sind völlig verzückt beim Anblick von Möbelstücken aus der Biedermeier-Zeit – die Handwerkskunst bringt diese Personen völlig aus der Fassung. Andere kriegen ein nostalgisches Glänzen in den Augen beim Anblick von Vinyl. Wieder andere machen Freudensprünge, wenn sie dänisches Design sehen. Die Symptome sind vielfältig, variabel – und es gibt sie in unzähligen Kombinationen. Heilbar? Fehlanzeige!

Und auch in meinem Yogacastle, auf Æblerø und auf Pæreø, neben dem gemütlichen Cordsofa und auch sonst in unserer gemütlichen Höhle steht so allerelei flohmarktiges herum. Allein der Platz!

Und Fliegenpilz wäre nicht Fliegenpilz wenn er nicht über glückliche Zufälle etwas wagen würde…

Hochverehrtes Publikum, ich präsentiere Euch nunmehr hochoffiziell und sowas von „proudly“ mein umgangssprachlich sogenanntes Kleingewerbe! Trommelwirbel und Tusch!

Und Sonntag ist es wieder soweit. Auf dem Findelhof in Bockelskamp bei Celle stehen mein Vorzeigemodell und ich wieder in aller Herrgottsfrühe auf einer bezaubernden Streuobstwiese und verkaufen, dass die Schwarte kracht. Denn sie müssen verrückt sein…oder einfach nur vom Flohmarktvirus befallen.

Es grüßt Euch – das Pilzhütchen lupfend Euer

Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

Kindheitserinnerungen und Glaskirschenmarmelade

Jeder Tag ruft deinen Namen, ich wünsch Glück an allen Tagen

Nicht’s ist besser als ne Liebe auf der Welt

Kirschen gibt’s an Sommertagen nur solang die Bäume tragen

Und lebend gehen wir nicht mehr aus der Welt

(„Kirschen“ von Nils Koppruch)

Das Vorzeigemodell und ich, meines Zeichens ein fröhlicher Fliegenpilz, haben ein paar Tage frei. Der Sommerurlaub liegt noch in weiter Ferne. Wir haben keinen Kurztrip gebucht, keine Fahrt ans Meer geplant. Und dennoch waren die letzten Tage eine ganz persönliche Reise – in die Vergangenheit. Unkontrolliert und scheinbar zufällig wurde ich teilweise Jahre zurück katapultiert. In meinem Elternhaus gibt es nämlich einen Wandschrank. Dieser Wandschrank befindet sich in meinem alten Zimmer. Der Wandschrank hat gewisse Ähnlichkeiten mit Hermine Grangers Handtasche. Für diejenigen unter Euch, die Harry Potter nicht gelesen haben: Hermine ist in Besitz einer unscheinbaren, kleinen Damenhandtasche, aus der sie in regelmäßigen Abständen so hilfreiche Dinge wie ein riesiges 20-Personen-Zelt zieht, das sie mit sämtlichem Equipment auf ihrer Flucht vor Voldemort und seinem Gefolge in weiser Voraussicht dort untergebracht hat.

Nun sei klargestellt, dass ich mich nicht auf der Flucht befinde, die Dimensionen von Hermines Handtasche und meines Wandschranks ähneln sich nur in gewisser Weise sehr.

So ist es beispielsweise so, dass meine Lieben einen starken Hang zu Flohmarktbesuchen haben. Trafen wir in der Vergangenheit auf Hörspiele oder Schallplatten ertönte bisweilen häufiger folgender Spruch: „Das ist im Wandschrank!“

Das Vorzeigemodell antwortete im Laufe der Jahre dann auch öfter mit: „Lasst mich raten! Das ist im Wandschrank?!“ Ein Running Gag in unserer Familie.

Kurz nach Pfingsten hatte meine Mama ebenfalls ein paar Tage frei. Am darauffolgenden Freitag reiste ich mit Brause-Karl an, und fiel das erste Mal direkt in eine Zeitschleife. Der Keller stand voll mit Kisten und Kästen. Lego, Barbie-Sachen und Bücher, Bücher, Bücher. Schachteln mit Briefen meiner Brieffreundinnen, alte Zeichnungen und aufgehobene Postkarten. Einen Bruchteil dieser Kostbarkeiten konnte ich abends in meinen kleinen Flitzer laden – die Rückbank umgeklappt, angeschnallte Kästen auf dem Beifahrersitz.

Die tropischen Temperaturen im Wonnemonat Mai brachten mich beim Ausladen am Abend ins Schwitzen. Fein säuberlich stellte ich die Kästen in unseren Eingang. Was für ein Schatz!

Voller Aufregung öffnete ich die erste Box: Hörspielkassetten! Regina Regenbogen, Hallo Spencer, Pumuckl, Walt Disney, Alf – und natürlich Pippi Langstrumpf. Briefe, akkurat und chronologisch sortiert. Eine Karte fällt mir in die Hand: Grüße von meinem geliebten Opa. Dass es diese Karte noch gibt. Geburtstagskarten, Glückwünsche, Zeitungsartikel von der heiß geliebten Boyband, ein handgeschriebener Zettel meiner Mama, ein Begrüßungsplakat von meinem Papa nach einer ziemlich miserablen Klassenfahrt. Und böse Briefe einer vermeintlich besten Freundin, die ich feierlich im Altpapier versenke. Ich rase durch die Zeit: 1988, 1995, 1996, 1986, 1994. Hin, zurück. Und das war erst die erste Ladung.

Eine Woche später brause ich wieder mit Karl, dem Kleinen, in Richtung Elternhaus. Ich habe frei, es ist Freitag, der erste Tag im Juni. Gewitterluft und schwül-warm. Mein Vater hat Nachtschicht und schläft. Meine Mama und ich stärken uns mit Frühstück. Das Vorzeigemodell ruft an – muss arbeiten und ist gespannt auf die weiteren Schätze. Wir fahren zu einer nahegelegenen Landpartie und werden nach kurzer Zeit evakuiert. Das angekündigte Gewitter hängt über uns wie ein Damoklesschwert, tiefschwarze Wolken, dicke Regentropfen. Wir retten uns zügigen Schrittes in die Wagenremise und warten ab: Donner und Blitze gleichzeitig und sturzbachartige Regenfälle. Das Unwetter hängt nur über uns. Das Rote Kreuz informiert regelmäßig und wir nippen an Wasser und Orangenbrause. Nach einer Stunde haben sich die Wolken entladen und das Gewitter hat sich verzogen. Wir gehen hinaus an die nunmehr frische Luft, atmen durch. Langsam schlendern wir weiter, mein Papa stößt ausgeschlafen noch dazu: Ein Eltern-Tochter-Tag! Ein Kaffee in der Schlossküche und viel Platz zum Schauen, denn das Gewitter hat viele wohl vertrieben.

Wir genießen Platz und Ruhe, quatschen mit den Ausstellern und fahren dann wohlgemut zurück. Karl der Kleine wird wieder beladen mit Kisten und Kästen – dieses Mal ist Lego mit dabei.

Das Gewitter hat nur kurze Abkühlung gebracht. Es ist tierisch warm und schwül. Als ich zurück fahre, hängt die Feuchtigkeit in den Bäumen rechts und links der Bundesstraße wie ein dicker Schleier. Ich lade die Kästen aus, stelle sie wieder in das Treppenhaus. Morgen reise ich wieder durch die Zeit!

Als ich am folgenden Morgen die Kästen öffne, wirft mich der ein oder andere Brief wieder in die Vergangenheit, ein regelrechter Strudel. Manches Mal muss ich so über mich lachen. Finde gezeichnete Bildergeschichten oder eine gemalte Schneekugel – mit Vampir im Schneegestöber. Ganz natürliche Umgebung für so einen Blutsauger, insbesondere mit dem Lametta im Hintergrund.

Und nun haben wir wieder frei. Donnerstag fuhren mein Vorzeigemodell und ich wieder zu meinen Eltern – mit dem Hektor, der Firmenwagen. Der Rest wurde eingeladen: Brettspiele und Bücher.

An diesem Donnerstag war ich selig. Denn außer dieser Aneinanderreihung von kleinen und großen Zeitmaschinen saß ich in der größten und besten Zeitmaschine, die man sich vorstellen kann: Ich saß im Kirschbaum. Der Kirschbaum mit den Glaskirschen ist knorrig und alt, einige Äste sind morsch und es ist schwierig, in ihm zu klettern. Doch während mein Papa mit seinem Bruder und dem Vorzeigemodell einen englischen Strandkorb zusammenbaute, trohnte ich im Baum, aß und pflückte Kirschen und war meines Lebens froh.

Die Luft war herrlich, die Vögel zwitscherten und ich hatte so viel Bullerbü im Herzen, wie Ihr es Euch gar nicht vorstellen könnt. Und Kirschen in den Blumenampeln!

Und anlässlich dieser wunderbaren Kirschenpflückerei hab ich Marmelade aus Glaskirschen gemacht.

Dafür braucht Ihr:

  • 1 kg Glaskirschen (oder andere Kirschen), entsteint
  • 1 kg Gelierzucker 1:1

Die Kirschen entsteinen und in einen großen Topf geben. Ein Kilo Gelierzucker drüber streuen und zwei Stunden ziehen lassen. Es duftet irgendwann wie Marzipan.

Nach den zwei Stunden den Topf auf den Herd stellen und alles aufkochen, dabei ständig rühren!

Wenn die Masse anfängt zu kochen – rühren, rühren, rühren! Eine Gelierprobe machen und wenn die Masse geliert, in vorbereitete Gläser abfüllen.

Fertig!

Komm lieber Mai…Von Maikäfern, Sturmböen und Wolldecken

Komm lieber Mai und mache die Bäume wieder grün!

Früher zog eine Blaskapelle durch das kleine Dorf, dort, wo ich aufgewachsen bin. Und alles sang und lockte den Mai. Ab dem 1. Mai wurde alles grüner, freundlicher, saftiger und satter. Alles blühte. Ein Maibaum wurde aufgestellt, es würde darum getanzt. In manchen Orten schleppte der Verliebte seiner Angebeteten einen Maibaum durch das ganze Dorf, um ihn des Nachts in den Vorgarten zu stellen und – GANZ WICHTIG – zu bewachen! Denn die Angebetete sollte den Birken-Romeo ja schließlich am nächsten Morgen komplett sehen. Nicht nur Mann, Mann mit Baum – ich und mein Holz quasi. So war das, und ich fand’s schön. Auch wenn mir niemals irgendwer einen Baum in den Vorgarten gestellt hat.

Und Maikäfer gab es früher gefühlt irgendwie mehr. Es waren unzählige, und Kinder haben Sie aufgeteilt in Schornsteinfeger, Müller, Bäcker und Kaiser und in Tüten gesammelt, haben sie auf ihren Fingern krabbeln lassen, bis sie mit kräftigem Gebrumm davon flogen. Maikäfer flieg!

Der gute Liedermacher und Herzensmensch Reinhard Mey, der poetischste Mey-Käfer unter allen, hat dem wunderbaren Geschöpf auch ein Lied gewidmet. Es gibt keine Maikäfer mehr, heißt das Lied, in dem er den Einsatz des Insektizids DDT, das inzwischen verboten ist, thematisiert, und das dafür eingesetzt wurde, die „Schädlinge“ zu bekämpfen. Weil die Engerlinge die Laubbäume von der Wurzel her auffressen… Engerlinge also… die großen Waldkiller…

Nun, die Maikäfer haben sich zur Wehr gesetzt und es gibt sie eben doch noch. Nicht in der Vielzahl wie damals, aber es gibt sie. Und wenn eines dieser wunderbaren Flugobjekte mit lautem Gebrumm auf mich zusteuert, dann freue ich mich wie ein Schneekönig.

Einmal, vor etwa fünf oder sechs Jahren, kehrten wir gerade von einem Mittelaltermarkt zurück. Zu Walpurgis waren wir nach Bad Bodenteich gereist, hatten die Gewandung angelegt und die schwarzen Rösser vor die Kutsche gespannt. Es war mitten in der Nacht, als wir im gelblichen Licht des Geschäftes, vor dem wir geparkt hatten, Dutzende Maikäfer sahen. Sie brummten, krabbelten, flogen, schwirrten um das Licht. Und wir sammelten Herrn Sumsemann und seine Verwandten ein und setzten sie in die Buchenbüsche, befreiten sie von den Irrlichtern, auf dass sie nicht ihr sechstes Beinchen verloren.

Lange Zeit glaubte ich auch, dass Reinhard Mey sein Maikäfer-Lied für meinen Paps geschrieben hatte. Mein Vater hatte als Kind eine Hose geschenkt bekommen, am der sogenannte Knebelknöpfe angebracht waren. Als kleiner Junge, der er damals war, dachte er aufgrund der Form und Farbe, dass es Engerlinge waren, schnitt sie kurzerhand ab und vergrub sie im Garten. Die Engerlinge sollten ja zu Maikäfern werden.

Seit vielen Jahren – findet in Hannover zum 1. Mai auch immer das sogenannte Maikäfer-Treffen statt. Wenn bereits am 30. April die freundlichen VW-Käfer und Bullys in Richtung Messegelände brummen, hüpft mein Herz vor ungebändigter Freude.

Mit stolzgeschwellter Brust sitzen die Maikäfer- und Bully-Besitzer hinter dem Lenkrad ihres Automobils und lenken die glänzende Karosse über die Straßen, geben wohlgemut Auskunft, erzählen Geschichten von Fahrten entlang der englischen Küste bis Cornwall, von Schweiß-Workshops und autodidaktischem Polsternäh-Abenden, von Tuckern, Schrauben und plötzlichem Stillstand.

Mit einem VW-Bully durch Skandinavien, denke ich, und vor meinem inneren Auge erscheint eine Route.

Wir schlendern an diesem 30. April zurück zu Karl, dem Kleinen – mein kleiner roter Flitzer, dessen VW-Zeichen in der Sonne funkelt, ein kleines bisschen wie eine Mischung aus Käfer und Bully. Dann fahren wir nach Hause, gehen früh schlafen – denn morgen ist Flohmarkt, am 1. Mai.

Und kalt ist es an diesem Morgen. Ein eisiger Wind weht über die Streuobstwiese, und er nimmt sogar noch zu. Sturmböen mit Windstärke 8, die Ohren rauschen. Der Tapeziertisch wackelt verdächtig, wir stellen die schweren Dinge drauf.

Der Pavillon bleibt in seiner Tüte. Und wir frieren, trinken Kaffee und Tee, essen Milchreis mit Zimt und Zucker, und Kuchen mit Rhabarber oder mit Schokolade. „Flohmarkt in Warschau!“ kommentiert Thomas, der Mann meiner Freundin Sandra, als wir uns die Decken um die Beine schlingen.

Wir stehen seit 5:30 Uhr dort draußen und der Wind nimmt nicht ab. Mehr Kaffee, mehr Tee, mehr Kuchen. Trotz dieses stürmischen 1. Mai kommen die Besucher, haben wir Spaß und verkaufen unseren Trödel. Bekommen Besuch von Mama und Papa – Maikäferfreunden:

Um 15:00 Uhr streichen wir die Segel, packen ein und wickeln die Reste in Zeitungspapier. Die Sitzheizung läuft auf der Rücktour auf höchster Stufe, doch die Fahrt ist kurzweilig, denn es ist Abreisezeit beim Maikäfer-Treffen. Schon von Weitem erkennen wir die runden Dächer der brummenden Käfer und die freundlichen Farben der Bullys. Gegenseitig rufen wir uns zu: „Schau mal hier! Guck mal – dort!“ Und trotz müder Beine, steifen Schulter und trotz Durchgefrorensein liegen wir zufrieden und glücklich letztlich aufgetaut und frisch gebadet auf dem Sofa.

„Komm, lieber Mai!“

Euch allen einen wunderbaren Wonne-Monat! Möget Ihr viele hübsche Maikäfer sehen!

Kommste kieken? – Von Flohmärkten und Fischterrinen

Unsere Mägen sind wunderbar gefüllt vom Frühstück bei Lina Rothenberger und wir stürzen ins Berliner Leben, strecken die neugierigen Nasen in die Berliner Luft und reißen die Augen auf.

Was unser Begehr ist? Flohmarktschätze! Gegenstände mit Geschichte, manchmal auch nur das Betrachten schöner und unbekannter Dinge. Wenn ein alter Teddybär, die Nase von den vielen Gute-Nacht-Küssen schon ganz licht, mit treuen, gläsernen Augen traurig schaut, schaue ich zurück und frage mich oft: „Was Du wohl schon gesehen hast?“

Manchmal ist es auch beklemmend, wenn einem angelaufene Messingrahmen mit alten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Großfamilien in die Hände fallen. Oder geliebte, lederne oder samtene Poesiealben. Diese kleinen Büchlein liegen oft dort auf den Tischen. Manche noch in Sütterlin beschriftet. Gab es keinen mehr in der Familie, der dieses Kleinod an sich nehmen wollte?

Doch Flohmarktsucht wäre nicht Flohmarktsucht, wenn es nicht die nette Geschichten zum erhandelten Stück gäbe oder ein nettes Gespräch und manchmal auch ein wahres Schnäppchen.

Ich erinnere mich an einen Flohmarktbesuch in Berlin und die Entdeckung einer alten Fischterrine, vermutlich aus den 1930er Jahren. Mein Vater betrachtete das gute Stück und fragte den Ur-Berliner hinter seinem Stand, was er denn wohl dafür berappen müsse. Die Summe, die genannt wurde, war meinem Vater zu hoch – hatte der Fisch, der auf dem Deckel der Terrine trohnte doch auch einen Riss. Die Terrine wurde also wieder dort platziert, mein Vater schüttelte mit dem Kopf und zog vondannen. Wir, das Schauspiel von weiter weg beobachtend, wurden Zeuge eines unvergessenen Handels. Der Ur-Berliner, vermutlich in seiner Ehre als Flohmarkthändler gekränkt, nahm die Terrine in seine Hände, trat hinter seinem Stand hervor und rief meinem Vater hinterher:

„Ey, Meester, ick bin doch so unjeschickt mit Porzellan!“

Und so packte der Ur-Berliner dem Meester dit Porzellanteil ziemlich jeschickt in Papier ein – zu dem Meester-Preis. Jutes Geschäft!


Berlins Flohmarkt-Kultur ist – wie ich finde – geschmeidiger als anderswo in Deutschland. Das Angebot ist groß.

Wir haben uns dieses Mal für den Flohmarkt am Schöneberger Rathaus entschieden (nicht empfehlenswert) und für den Flohmarkt am Fehrbelliner Platz. Hier wurden wir fündig, erworben LPs von Queen und von Reinhard Mey, einen Stopf-Fliegenpilz und eine Emaille-Backform.


Am zweiten Tag zog es uns dann in den Mauerpark und zum Arkonaplatz – beide Flohmärkte ganz in der Nähe der berühmten Bernauer Straße.

Geschichtsaffin wie wir nun mal sind, schweifen unsere Augen über dieses 1,4 km lange Denkmal – der alte Grenzstreifen. Ein zentraler Erinnerungsort an die deutsche Teilung, gelegen im Zentrum der Hauptstadt. Sucht man einen Parkplatz, um zum Flohmarkt am Mauerpark zu gelangen, trifft man auf dem Areal der Gedenkstätte auf das letzte Stück der Berliner Mauer.

Dieses Stück ist, lt. Homepage der Gedenkstätte Berliner Mauer, in seiner Tiefenstaffelung erhalten geblieben und soll einen Eindruck vom Aufbau der Grenzanlagen zum Ende der 1980er Jahre vermitteln. Anhand der weiteren Reste und Spuren der Grenzsperren sowie der dramatischen Ereignisse an diesem Ort wird exemplarisch die Geschichte der Teilung nachvollziehbar.

Bedrückend und merkwürdig faszinierend zugleich ist dieser Teil Berlins. Für mich ist es schwer vorstellbar, so eingesperrt zu sein. Egal ob Ost oder West, meiner Freiheit beraubt – das ist erdrückend und bedrückend, und ich bin nachdenklich und dann dankbar. Schüttele mich kurz und gehe dann mit meinen Lieben zum Mauerpark hinüber, wo wir auf eine bunte Vielfalt treffen. Nicht nur unzählige Flohmarktstände mit den abenteuerlichsten Dingen, die feilgeboten werden. Nein, es gibt auch kleine Food-Trucks, Bullis und Wagen mit Köstlichkeiten aus aller Herren Länder. In den aufgereihten Bananenkartons werden wir tatsächlich fündig: Eine Kanne von Seltmann-Weiden, Serie Patricia Roter Apfel, eine süße Keramikdose für „Heiße Würstchen“, eine Märchen-LP und eine LP von Pippi Langstrumpf.



Wir treffen auf Kuriositäten, auf tolle Möbel, auf freundliche Menschen und merken nicht, wie die Zeit vergeht. Plötzlich sind zwei Stunden vergangen und wir schlendern hinüber zum Arkona-Platz. Diesen Flohmarkt mag ich besonders. Er hat etwas gemütliches und herrlich sonntagsträges an sich. Die Menschen sind alle sehr entspannt, es riecht nach Kaffee aus den umliegenden Caféhäusern, die Sonne scheint und wärmt uns den Rücken.

Als wir durch die Reihen tingeln, stellt sich eine herrliche Entspannung ein. Eigentlich könnten wir doch noch eine Nacht bleiben, wenn denn nicht Sonntag wäre und wir Montag nicht wieder arbeiten müssten. Die letzten Minuten lassen wir uns treiben, recken das Gesicht gen Himmel, saugen die frische Luft in uns hinein. Mit diesem Gefühl geht es zurück, raus aus der Hauptstadt, durch das grüne Brandenburg, über Sachsen-Anhalt nach Niedersachsen – Regen begrüßt uns.

Berlin, schön warste, laut warste, facettenreich warste…


 

Flohmarkt an der Straße des 17. Juni und auf der Museumsinsel

11.45 Uhr. An der Prachtstraße angekommen, die Gold-Else schimmerte bei der Vorbeifahrt im Sonnenlicht. Der Himmel – nahezu wolkenlos. Ein geschäftiges Treiben war schon vom Weiten sichtbar – oh wunderbarer Flohmarkt! Der Original Berliner Trödelmarkt an der Straße des 17. Juni hat mich bei meinem ersten Besuch vor knapp sechs Jahren nahezu aus den Puschen gehauen. Eine Vielfalt an Kunst, Kitsch, Krempel, Kuriositäten – jedes Mal bin ich aufs Neue begeistert.

Und auch dieses Mal suchten meine Augen die Tische ab nach Melitta-Kannen und -Filtern, nach Geschirr von Seltmann-Weiden, das Patricia heißt und das mit einem leuchtend-roten Apfel verziert ist, nach Fischterrinen aus Porzellan und nach Sachen, von denen ich noch nicht wusste, das ich sie suche, die mich aber in ihren Bann ziehen. Und wenn man dann die Beute eingewickelt in Zeitungspapier in einer knitterigen Plastiktüte zum Auto trägt, schleicht sich ein Grinsen ins Gesicht – vielleicht auch, weil man ein Schnäppchen gemacht hat, weil man etwas gefunden hat, das so besonders ist, weil man ein nettes Gespräch geführt hat, weil es einfach schön ist und einem das Herz aufgeht.

12.00 Uhr – Museumsinsel. Wir hatten von diesem Flohmarkt gelesen. Ist er was für uns? Was finden wir hier? Finden wir vielleicht ein neues Stück für die Sammlung? So ein Flohmarkt macht neugierig, ist spannend, weckt das Jagdfieber. Und – ja, dieser Flohmarkt ist schön und nicht so gedrängt wie an der Straße des 17. Juni. Ist man ein Liebhaber alter Bücher wird man hier sicherlich noch eher fündig, aber auch altes Porzellan, alte Steiff-Tiere, Briefmarken und Postkarten, Emaille und Berliner Weiße-Gläser findet man hier. Dieser Flohmarkt ist echt einen Besuch wert!