Rosenblütengelee

„Haben wir im Urlaub gemacht!“ antworte ich und nicke dabei strahlend. Die Reaktion sind meist fassungslose Blicke. „Im Urlaub?“ kommt die ungläubige Frage dann. „Ja!“ erwidere ich, und mein Lächeln wird dabei noch breiter. Während ich das Glas in die Strahlen der untergehenden Abendsonne halte und fasziniert bin von der rosa-goldenen Farbe. Den Sommer eingemacht, konserviert, in ein Glas gegossen, verschlossen, aber doch sichtbar, sorgfältig beschriftet in geschwungenen Lettern. Rosenblütengelee.

Ich schließe die Augen und sehe sie vor mir, die großen grünen Büsche mit unzähligen, meist pinkfarbenen Blüten. Die Kartoffelrose ist eigentlich nicht dort beheimatet, fühlt sich auf dem dänischen Boden allerdings sauwohl. Von Kindheit an verbinde ich den Duft der Rosen mit Sommerurlaub. An den Ferienhäusern waren meterhohe Hecken, derer man kaum Herr werden konnte. Seit ein paar Jahren wird die Kartoffelrose ein wenig in ihre Schranken gewiesen. Die Böden sollen sich erholen. Und so sieht man die Rosen zwar immer noch zahlreich, allerdings ist sie nicht mehr ganz so stark präsent.

Ich erfreue mich jedenfalls an einigen großen Büschen, die um unser Ferienhaus stehen und schneide von der pinken Pracht ein paar Zweige ab, stelle sie in einen kleinen Krug, den ich in den Schränken des Ferienhauses finde.

Wunderschön sieht das aus und duften tut es. Sommerurlaub! Mein Gehirn ist im Entspannungsmodus. Womit wir wieder beim Rosenblütengelee wären. Einkochen ist Meditation. Man reiche mir einen Eimer Johannisbeeren, zehn Kilo Bohnen, Erbsen – ich entrispe und putze sie. Obst- und Gemüse-Yoga.

Und so geht mein Vorzeigemodell an einem dieser entspannten Tage in den frühen Morgenstunden an einen dieser Rosenbüsche und pflückt etwa 1 l Rosenblüten. Pfeift dabei ein Lied und kommt strahlend zurück. Ich grinse ihn an. „Na?“ frage ich. „Sommerurlaub!“ sagt er. Da kann ich ihm nur zustimmen.

Rezept für ca. 7 Gläser Rosenblütengelee

Ihr braucht:

    1 l duftende Rosenblüten (dabei ist es im Prinzip egal, ob Ihr die dänische Kartoffelrose nehmt oder eine andere wohlriechende Rose)
    500 ml Wasser
    400 ml Apfelsaft
    Saft einer halben Bio-Zitrone
    1 kg Gelierzucker 1:1
  • 500 ml Wasser mit 400 ml Apfelsaft mischen und die Blütenblätter dazugeben. 24 Stunden an einem kühlen, trockenen Ort ziehen lassen (nicht im Kühlschrank!).
  • Die Rosenblüten am nächsten Tage aus der Flüssigkeit fischen.
  • 750 ml von der Flüssigkeit abmessen, den Saft der Zitrone hinzufügen und alles in einen großen Kochtopf geben. Den Gelierzucker hinzufügen.
  • Zum Kochen bringen und unter ständigem Rühren zum Gelieren bringen.
  • Noch heiß in vorbereitete Gläser füllen. Fertig!
  • Das Rosenblütengelee schmeckt auch köstlich zu kräftigem Käse.
  • Probiert es mal aus!
  • Herzliche Grüße von Eurem
  • Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄
  • Von Gram Slot, Sankt Hans und einem köstlichen Omelette

    Wir hatten Urlaub, mein Vorzeigemodell und ich. 14 wundervolle Tage. 14 Tage mit bestem Wetter.

    An einem dieser Abende sitzen wir auf unserem Sofa in unserem dänischen Ferienhaus und schauen abwechselnd Prospekte an und aus den Fenstern, die bis auf den Boden reichen. Blick auf die Dünen und den endlos weiten Himmel. Zugegeben – das Possesivpronomen hat nur eine 14-tägige Gültigkeit. Doch diese 14 Tage ist es eben unser Haus, sind es unsere vier Wände, ist es unser Sofa und unsere Terrasse.

    Gestern waren wir schwimmen in der Nordsee. Es kostete keine Überwindung, denn der ablandige Wind und die 33 Grad sorgten dafür, dass man ohne zu zögern in die spiegelglatte Nordsee tauchte, sich irgendwann auf den Rücken drehte und sich treiben ließ.

    Über Nacht kam dann der Temperatursturz. Heute Wind, viel Wind und 16 Grad. Wir schmeißen den Kamin an und sitzen da, schauen auf die Flammen, ins aufgeschlagene Prospekt, nach draußen in den Himmel und die Sonne, die einfach nicht untergehen will. „Lyse nætte“ nennen die Dänen das, helle Nächte. An Sankt Hans Aften, also am 23. Juni, standen wir alle ums Feuer und sangen die „Midsommervisen“. Barfuß in kurzen Hosen – alles Sommerverliebte, alle gleich und alle in Einigkeit. Let‘s hygge beschreibt es so: „Ganz Dänemark versammelt sich zur Dämmerung am Strand, zündet ein Feuer an, singt ein Lied, trinkt ein Bier, schaut zu wie die Hexe brennt, trinkt noch ein Bier, und geht wieder nach Hause.“ Aber das Wichtige ist doch – die Menschen einigt die Zeremonie, das Beisammenstehen, das Singen.

    Kurze Zeit später erhielten die Abiturienten in Dänemark ihre „Abschlusskappen“. Zum bestandenen Abitur wünscht man sich auch „Tillykke med huen“. Denn jede(r) Reifegeprüfte erhält eine schicke Kappe mit eingesticktem Namen.

    Bild von Mousse and Pen Illustration

    Am Tag drauf ist das Thermometer wieder auf die 23 Grad geklettert, und wir haben uns für einen Besuch des Gram Slot entschieden. „Sollen wir ein Schloss kaufen, Schatz?“ soll die Frage gewesen sein, die der Schlossherr seine Frau (oder auch umgekehrt) im Jahr 2007 halb im Spaß, halb im Ernst gestellt haben soll.

    Gram Slot stand für 25 Jahre leer. Es sollte wieder mit Leben gefüllt werden. Und nun – nach einiger Zeit – erstrahlt das Schloss im Herzen Sønderjyllands im neuen Glanz. Kein pompöses Schickimicki. Nein! Gram Slot wird buchstäblich genutzt. Ein lebendes Kulturerbe sozusagen, in dem viele verschiedene Events stattfinden: Konzerte, Festivitäten, Kurse und Konferenzen. Aber nicht nur das: Gram Slot betreibt Landwirtschaft in großem Stil – biologisch!

    In dem großen Hofladen mit Café gibt es Mehle verschiedenster Sorten, Kaffee und Säfte ne Öle.
    Die Familie lebt im ältesten Flügel des Schlosses – dem Ostflügel – um 1470 erbaut. Süd- und Westflügel sind öffentlich zugänglich und werden für die Veranstaltungen und für Führungen genutzt.

    Im Café selbst herrscht angenehm ruhige Trubeligkeit. Wir schauen in die kleine, aber feine Karte und entscheiden uns nach kurzer Beratung mit der herzlichen Bedienung für Carpaccio und Omelette. Das Omelette ist glutenfrei. Um sicherzustellen, dass bloß kein Malheur passiert, brüllt die freundliche Dame aber nochmal in die Küche: „Omeletten skal være glutenfri! Pigen kan ikke tåle gluten!“

    Und das Mädchen, das kein Gluten tolerieren kann, erhält eine fantastische Portion eines glutenfreien Omelettes.

    Herrlich ist es dort. Inzwischen füllt es sich langsam mit Menschen unterschiedlichen Alters. Manche möchten Kaffee, andere einen Happen Herzhaftes.

    Wir schlendern hinaus, gehen an den Getreidefeldern vorbei, an dessen Rändern Kornblumen stehen. Es fühlt sich an wie früher, als man als Kind durch die Felder gelaufen ist.

    Nun sind wir zurück aus der Herzensheimat. Eine Woche ist schon wieder rum. Und Omelette gab’s heute. Ein Käse-Schinken-Omelette à la Gram Slot.

    Rezept

    • 3 Bio-Eier
    • Salz und Pfeffer
    • etwas Sahne
    • 2 Scheiben Bio-Kochschinken, in Streifen geschnitten
    • gewürfelten Käse, z. B. Comté oder Nordseekäse oder ähnlichen würzigen Käse
    • Öl für die Pfanne und für den Salat
    • Essig
    • etwas Salat
    • ein paar Tomaten
  • Schneidet den Salat klein, teilt die Tomaten und gebt alles in eine Schüssel. Gebt Essig und Öl darauf und ein paar der Käsewürfel. Vermengt alles und stellt es beiseite.
  • Schlagt die Eier in einer Schüssel auf. Gebt Salz und Pfeffer nach Belieben dazu, ebenfalls einen Schuss Sahne. Vermengt alles mit einem Schneebesen.
  • Gebt Öl in eine Pfanne. Wenn das Öl heiß ist, gebt die Eier hinein. Lasst das Ei bei kleiner Hitze stocken. Auf die eine Hälfte gebt Ihr Käse und Schinken. Klappt das Omelette zusammen und versucht, wenn es recht fest ist, in der Pfanne zu drehen.
  • Teilt das Omelette in der Mitte und richtet es mit dem Salat auf den Tellern an!
  • Vel bekomme!
  • Es grüßt Euch herzlich Euer

    Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Auf Pflanzen-Pirsch in der dänischen Heidelandschaft – Und plötzlich wird der Blick ganz weit

    Früher, als ich noch klein war und mit meinen Eltern im Auto ohne Klimaanlage und ohne Anschnallgurte auf der Rückbank und ohne elektrische Fensterheber in den Urlaub fuhr, hatte ich am Tag vor der Rückreise immer eine ganz große Angst – ich hatte nicht genügend Meeresluft eingeatmet. Ich war mir sicher, dass ich den Duft von Meer und Salz nicht in ausreichendem Maße in meine Lungen gepresst hatte. Ich war noch nicht ausreichend durch die Heide gewandert, hatte noch nicht genügend Muscheln gesammelt, hatte noch nicht in zufriedenstellendem Maße dem Kiefernrauschen gelauscht. Kurzum: Ich war einfach noch nicht fertig mit Urlaub. Und so atmete ich noch kräftiger ein, noch tiefer, bis mir fast schwindelig wurde, legte mein Ohr noch dichter an die Holzwand des Ferienhauses, stromerte noch weiter in die Heidelandschaft hinein und suchte noch mehr Muscheln. Mit dem Ziel, genügend im Vorrat zu haben. Bis zum nächsten Mal.

    Am Abfahrtstag selbst breitete sich immer eine gehörige Portion Übelkeit aus. Auch heute noch. War der Appetit in den letzten Tagen – gestärkt durch Meeresluft und ausgedehnte Spaziergänge – ausgeprägt, so war und ist er an diesem Tage eher verhalten.

    Irgendwann entstand auch eine ganz eigene Zählweise der noch vor uns liegenden Urlaubstage. Hatte man 14 Tage gebucht und war am Samstag angereist, so hatte man am Samstag drauf nicht noch 7 Tage, nein, man hatte 14 Tage: 7 Vor- und 7 Nachmittage. Völlig logisch.

    Zum Glück liegen noch einige wunderbare Urlaubstage vor uns, sodass an Abreise noch gar nicht zu denken ist.

    Die Tage sind zudem lang. Die Sonne taucht erst in allen erdenklichen Rot-, Gelb- und Lilatönen um 22:30 Uhr ins Meer, und der Himmel ist so unglaublich weit. Um 23:30 Uhr gehen wir langsam ins Bett, nur um gegen 7:00 Uhr wieder die Augen zu öffnen. Es ist schließlich schon seit 3 Stunden hell.

    Heute sind wir am Nachmittag – der dänische Sommer hatte morgens eine kurze Pause eingelegt – durch die angrenzende Heide- und Dünenlandschaft gewandert.

    Schwarze Krähenbeere
    Blut-Storchschnabel
    Scharfer Mauerpfeffer (eine Sedum-Art)
    Sand-Thymian
    Gemeiner Hornklee
    Ebenfalls: Gemeiner Hornklee
    Kleiner Sauerampfer
    Bunter Feld- und Wiesenstrauß mit echtem Labkraut, Grasnelken, Kornblumen und Acker-Gänsedisteln

    Mittsommer/St. Hans-Kranz

    Zugegeben – wir waren ein klein wenig mit Wildkräuter-App und Naturführer bewaffnet, aber das hat dem Entdecken keinen Abbruch gegeben. Im Gegenteil: Der Perspektivwechsel stellte den Blick scharf für das Kleine, Verborgene. Wir entdeckten plötzlich Grashüpfer

    und Distelfalter.

    Und so erfuhren wir mal so ganz nebenbei eine interessante Geschichte:

    Das echte Labkraut, auch Bettstroh der Jungfrau Maria genannt – das in dem Strauß mit den sehr kleinen, gelben und rispenartigen Blüten – soll der Legende nach in der Krippe des Jesuskindes gelegen haben. Allerdings ist der Kern der Legende noch sehr viel älter: Bevor der christliche Glaube in Skandinavien verbreitet wurde, hat man das wohlriechende Labkraut mit der Göttin Freja verbunden. Freja ist die Göttin der Liebe. Die uralte Tradition besagte, dass das echte Labkraut auf das Bett einer Gebärenden gestreut werden sollte. Die Kirche indes war gegen diesen heidnischen Brauch, konnte sich aber nicht durchsetzen. Schließlich stimmte sie zu, die Pflanze der Heiligen Jungfrau Maria zu widmen.

    Klitzekleine „Kloge Ove“ (Klugscheißer)-Grüße sendet Euch Euer Frøken Fluesvamp – Fräulein Fliegenpilz 🍄

    Danmark – Ankomst oder auch: wenn‘s gut läuft

    Die Minna läuft. Welch liebliches Geräusch, vielmehr das herrliche Gefühl dabei, denn der Bauch ist gefüllt, die Sonne scheint mir wohlig darauf und ich darf meine Beine ausstrecken, die Füße ablegen und immer mal wieder in den traumhaft blauen Himmel schauen. Und den Abwasch erledigt Minna.

    Gestern sind wir angekommen in der Herzensheimat, mein Vorzeigemodell und ich. Mit donnerndem Getöse ging es los. Thor warf mit Blitzen nur so um sich, muss er noch den Behälter mit den Eiswürfeln in die Finger gekriegt haben, wütete und tobte. Ein richtiges Empfangskommittee.

    Am Anreisetag erreiche ich irgendwann den sprichwörtlichen Status „Falschgeld“. Beim Einkaufen bin ich derart müde, irgendwie automatisiert. Wo ist was? Was ist wo? Schlafanzug? Dusche? Handtuch? Bett!? Angekommen, aber mit Fragezeichen.

    Am nächsten Morgen bemerke ich: Das Ferienhaus ist schnuckelig und retro eingerichtet – eingebettet in Dünen, idyllisch zwischen Klitrosen mit Holzterrasse, und es ist lichtdurchflutet. Schmetterlinge fliegen vorbei, Schwalben stürzen sich über das Dach – Frau Schwalbe ist und bleibt eine Schwätzerin. Und die dänische Sonne lacht. Frühstück! Terrasse! Strand! Meer!

    Heute bin ich noch nicht ganz so mutig. Die Hose ist dreiviertel lang, aber ich laufe barfuß. Das Meer umspielt sanft meine Füße, und ein wohliges Gefühl breitet sich in meiner Brust aus. Angekommen! Jetzt mit Ausrufezeichen.

    Angekommen, Ankunft: Ankomst. Danmarks Ankomst. In meiner kleinen Familie ein inzwischen schon traditionelles Ankunftsessen, meistens am Tag nach dem Anreisetag serviert. Mein Papa ist ein großer Liebhaber dieses Gerichts. Einmal, es muss schon einige Jahre her sein, stand er über die Kühltruhe gebeugt und betrachtete mit verzücktem Gesichtsausdruck die Schnitzel. Er fühlte sich unbeobachtet, doch seine Familie hatte ihn sehrwohl im Auge. Plötzlich sagte mein Vorzeigemodell zu meiner Mama: „Schau mal! Rudolf denkt sich bestimmt gerade: ‚Wenn’s gut läuft, krieg ich drei!'“ Woraufhin wir alle in schallendes Gelächter ausbrachen und „Danmarks Ankomst“ einen Beinamen erhielt – wenn’s gut läuft!

    Und was soll ich Euch sagen:

    Es duftet immer noch ein wenig nach den herrlichen neuen Kartoffeln der dänischen Insel Samsø und nach den frischen Erbsen und Wurzeln, nach Gebratenem.

    Schweineschnitzel (natur) mit Kartoffelbrei und Erbsen und Wurzeln

    Die Wurzeln habe ich nur gewaschen und das Karottengrün entfernt. Daraus könnt Ihr übrigens leckeres Pesto machen!

    Die Erbsen habe ich gepahlt und nach ca. 12 Minuten Kochzeit zu den Wurzeln dazugegeben. So blieben die Erbsen schön grün und knackig.

    Gewürzt habe ich hinterher nur mit ein bisschen Petersilie und einem Hauch Butter.

    Die neuen Samsø-Kartoffeln habe ich geschält und in Salzwasser gekocht. Hinterher habe ich mit Butter, Salz, Muskat und Milch ein lockeres Kartoffelpüree gemacht.

    Die Schnitzel vom Bio-Schwein habe ich mit Salz und Pfeffer in Öl angebraten, und zwar scharf von beiden Seiten.

    Und die Sauce ist eine Mehlschwitze aus Butter und Maisstärke mit Sahne und Gemüsebrühe ausgegossen, dazu einen Spritzer „Madkulør“, damit die Sauce eine schöne dunkle Farbe annimmt.

    Und wenn’s gut läuft, kann man nochmal Nachschlag nehmen!

    Angekommen – Ausrufezeichen.

    Auf ins Abenteuer – Austernsafari auf Mandø

    Die Wathose sitzt, kneift nur ein bisschen unter den Armen und trägt ein wenig auf. Aber das dunkle Grün schmeichelt dem Teint, denn die Nase leuchtet schon rot in der herbstlichen Sonne. Der Sturm hat das wenige Laub von dem kleinen Eiland gepustet, die Wolken weggefegt und den Himmel blank geputzt – hellblau liegt er vor uns. Hat mit seinem faserigen Pinsel kleine Wölkchen gemalt – ganz hoch oben. Um unsere Schultern geschwungen tragen wir eine Tasche aus demselben Material wie die Hüfthosen. Die Taschen haben Löcher am Boden – spannend. Und während wir wie John Wayne das Pferd – Verzeihung – den Pferdewagen besteigen und Platz nehmen, steigt die Spannung, wohin die Reise geht.

    Nachdem Yoga-Castle, Æblerø und rotes Cordsofa mitsamt unzähliger Kisten verschiedenster Art und Herkunft ca. 4 km östlich umgezogen waren, zogen wir erneut los, landeten auf „unserer“ Insel, strandeten auf Mandø. Nachdem der Sommerurlaub in weiteste Ferne gerückt ist, hat uns die Sehnsucht mit stahlharter Hand gepackt und nicht mehr losgelassen. Der Urlaub war wohlverdient und nötig.

    Und nun rumpelt, zieht und zockelt der Pferdewagen los. Und wir sind nicht allein. Eine Truppe engagierter Jäger sitzt mit uns auf dem Wagen, lacht, grinst und ist gleichermaßen gespannt wie neugierig, was diese Safari denn so bieten wird. Schnell wird klar – keiner hat diese Safari jemals vorher gemacht, alle sind grün hinter den Ohren. Jedoch – die Erfahrung „Wathose“ haben die Jäger uns voraus.

    Als wir dann weit ins Wattenmeer hinausgefahren sind, stoppt der Pferdewagen. Unser persönlicher Chauffeur, der sympathisch-wortkarge Ove, geht straffen Schrittes auf das Meer zu und watet durch die Nordsee in Richtung Austernbank. Wir schauen uns an und stapfen hinterher. Das Gefühl ins unbezahlbar – die Wathose saugt sich an den Beinen fest, es wird kalt, bleibt aber – dem Meeresgott und dem Karl Lagerfeld der Wathosen sei dank – trocken, aber das Wasser steigt. Der Untergrund wird krümelig, sandig und etwas uneben. Hat der eine Jäger eben gerade gesagt, dass es noch tiefer wird? Meine Mutter und ich gucken uns entsetzt an – und sacken fünf Zentimeter ab. Großartig. Eine Handbreit wäre dann noch Platz für erfrischendes Nordseewasser von außen!

    Eine helfende Jägershand streckt sich uns entgegen und wir waten ans rettende Muschelufer. Ich kann ein Ächzen nicht unterdrücken und stakste wie der sprichwörtliche Storch im Salat über die Muschelbank und sacke mit lautem Schmatzen in das stellenweise schmierige Muschel-Sand-Gemisch ein. Ob hier schon mal jemand umgekippt ist? Ich versuche, das Gleichgewicht zu halten und zu verstehen, wie genau die Auster aussehen muss, damit sie den Weg in die löchrige Umhängetasche finden darf. Mit einem lauten „Klatsch“ schmeißt Ove uns Austern vor die Füße – als hätte er Gedanken gelesen. So also – aha! Mit den speziellen Handschuhen greifen wir in das eiskalte Wasser, fischen Austern und Miesmuscheln heraus und färben unsere Fingernägel in schmückendes Schwarz. Irgendwann – die Nase läuft, die Wangen sind gerötet – wird allen klar, dass auch noch der Rückweg ansteht. Wir waten also zurück durch das über bauchnabelhohe Wasser und folgen Oves Aufforderung, die löchrige Tasche mit unserer Jägersbeute hinter uns herzuziehen, was einer kleinen sportlichen Höchstleistung gleicht und Schnauben hervorruft.

    Doch am rettenden Ufer angelangt, werden wir belohnt. Mit einer Engelsgeduld öffnet Ove die frischen Austern direkt vor Ort und versorgt alle „Safarianten“ mit der köstlichen Meeresgabe. Erwartungsvoll blicken ihn zehn Augenpaare an, als er in aller Seelenruhe Plastiksektgläser in den weichen Sand steckt, in seiner linken Hand eine Champagnerflasche in den blauen Himmel streckt und mit seiner rechten doch tatsächlich einen Säbel hervorzaubert. Ove hebt die Stimme und zählt auf Dänisch von 3 rückwärts – mit einem feinen, klingenden „Sssing“ trennt er den Korken sauber aus dem Flaschenhals und gießt die gülden schimmernde Flüssigkeit in die Gläser. Wir applaudieren, sind begeistert, schlürfen Champagner und essen die Austern.

    „Kys havet på munden“ – so der Slogan von Mandø Event für dieses besondere Erlebnis. Sinngemäß übersetzt: Gib dem Meer einen Kuss auf den Mund! Und so ist es, so schmeckt es – nach Meer. Es schmeckt so, als wenn Neptun selbst einen unglaublich intensiven Meeres-Cocktail gemixt hätte.

    Ich hätte nie gedacht, dass etwas so köstlich sein kann und so ursprünglich, so naturverbunden. Als wir auf dem Rückweg über das Wattenmeer fahren, sehen wir sog. „Schwarze Sonnen“ am Himmel – Abermillionen Stare, die sich immer wieder neu formieren und in unglaublich geschmeidigen Bewegungen hoch und runter stürzen. Robben liegen auf Sandbänken, ein Fuchs läuft am Deich entlang, Brand- und Nonnengänse fliegen über uns hinweg, ein stetiges Schnattern liegt in der Luft. Die Pferde traben und traben – sie kennen den Weg nach Hause. Wir wärmen unsere kälten Hände, indem wir den warmen Atem hineinpusten und grinsen uns fröhlich und zufrieden an.

    Als wir am Landhandel ankommen, stehen Gasgrills bereit. Nachdem wir uns aus den Wathosen geschält haben und teilweise doch das eine oder andere Leck feststellen mussten, legen wir unsere gesammelten Austern und Miesmuscheln darauf und erleben ein weiteres Geschmackserlebnis. Gratinierte Austern – fantastisch, köstlich!

    Etwas tiefgefroren mit klammen Händen, roten Nasen und kalten Ohren gehen wir zurück in unser gemütliches Nest, entfernen den Rest Watt, genießen das heiße Wasser der Dusche und den warmen Tee. Was für ein Abenteuer! denken wir als wir eingekuschelt auf dem Sofa liegen und den Ausflug Revue passieren lassen. Mandø – Du bist wunderbar!

    Wer sich an Austern wagt, wird belohnt. Roh vielleicht wirklich nicht jedermanns Sache, gratiniert für jeden Meeresfrüchte-Liebhaber ein Genuss.

    Für gratinierte Austern braucht Ihr:

    • frische Austern (und ein spitzes Messer, mit dem Ihr die Austern öffnen könnt)
    • Tomaten in Würfel geschnitten
    • Glutenfreies Paniermehl
    • Pfeffer
    • Geriebenen Parmesan

    Ich würde die Austern als Vorspeise servieren. Drei Austern pro Person sind ausreichend.

    Legt die Austern in der Schale in eine feuerfeste Auflaufform und würzt sie mit Pfeffer. Legt die kleingeschnittenen Tomaten drauf, bestreut sie mit Paniermehl und dem Parmesan. Dann stellt Ihr die Austern für ca. 15 Minuten in dem vorgewärmten Backofen (160 Grad).

    Fertig!

    Probiert es aus! Es lohnt sich!

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    Wichtig!

    Solltet Ihr einmal an einem Ort Urlaub machen, an dem es Austern gibt, solltet Ihr Euch immer im Vorfeld erkundigen, ob man dort als Otto-Normalverbraucher Austern ernten darf. Es gibt Gebiete, die sind Leuten vorbehalten. Außerdem sind Austern ein Naturprodukt. Bei einer speziellen Austernsafari mit einem Guide darf man Austern suchen und verzehren. Es findet logischerweise aber keine Lebensmittelkontrolle statt.

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    Von Meerjungfrauen und einem dänischen Glücksgefühl

    Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht. Viele Kirchtürme müssten aufeinander gestellt werden, um vom Grunde bis über das Wasser zu reichen.

    (Die kleine Seejungfrau – Hans-Christian Andersen

    Der Urlaub ist schon Wochen her – es fühlt sich an wie Monate. In weiter Ferne liegt der Erholungsort, die herrlich wunderbar lässigen Tage, an denen man von der Sonne wachgeküsst wurde.

    Vogelgezwitscher, Frühstücksduft, Meer. Ausschlafen, Wachbleiben, Blumenpflücken. Essenkochen, Lesen, Reden, in die Sonne schauen. Gedanken treiben lassen, Steine bemalen. Kränze binden, über Flohmärkte streifen, Freunde besuchen. Wäsche in den Wind hängen, Vögel beobachten, Lachen.

    Ist der Urlaub wirklich erst oder schon vier Wochen her? Ein Blick auf den Kalender bestätigt diesen wirren Gedanken. Vier Wochen!

    Morgens fühlt es sich schon so nach Herbst an. Die Luft riecht schon danach, herbstlich eben. Auch wenn in den letzten Tagen eine schwüle Dunstglocke über uns hing; er nähert sich: der Herbst.

    Meine Gedanken wandern, sind oft auf der kleinen Perle im Wattenmeer – auf Mandø. Hier, in einem wunderbaren Ferienhaus mit Blick auf ein großes Feld, habe ich mit meinen Liebsten meine Batterien aufgeladen. Abends saßen auf dem Feld hinter dem Haus fünf Hasen. Morgens beobachteten wir Bachstelzen mit ihren Jungen. Morgens duftete es im Haus nach Frühstück – schwarzer Tee, Kaffee, Brötchen – wunderbare Gerüche. Eine angenehme Trägheit, alles kann, nichts muss. Abends ging die angenehme Trägheit über in eine Gemütlichkeit – in Hygge.

    Ein viel zitiertes, in der letzten Zeit von den Medien oft aufgegriffenes Wort, ein Lebensgefühl, das meist den Dänen zugeschrieben wird – das soll „Hygge“ sein. Ich frage mich, ob ich nun mit auf den „Hygge“-Zug aufspringen soll. „Hygge“ ist in vielen Dingen – aber besonders in den Momenten, in denen man einfach fühlt, riecht, schmeckt, sieht und berührt. Das kann von dem wohligen Gefühl warm eingepackter Füße vor einem Kamin über ein Stück Lieblingskuchen über eine gesellige Runde mit einfachem Essen bis zu einem guten Buch reichen, das man in seinem Lieblingssessel liest.

    Der Zauber an „Hygge“ ist – denke ich – dass man „Hygge“ sehen will, dass man es zulassen muss, „Hygge“ zu fühlen. Im gewissen Sinn hat „Hygge“ auch etwas mit einem inneren Gleichgewicht zu tun, mit Achtsamkeit nach innen und nach außen. Das hat nichts damit zu tun, dass man naiv nur das Gute sieht. Aber die Gewichtung der Dinge wird eine andere, wenn man versucht, immer einer Sache auch etwas Gutes abzugewinnen. Sicherlich ist es echt total schade, dass der angedachte Flohmarktbesuch ins Wasser fällt und es vom Himmel schifft, als kenne der Wettergott kein morgen, aber ist es nicht „hyggelig“, dass wir uns danach frisch geduscht in warmen Klamotten vor den Kamin kuscheln können und die leckerste Suppe aus bunten Schüsseln löffeln? Und hinterher – ja, hinterher gibt es noch ein Stück Kuchen oder einen von diesen köstlichen „Flødebollern“ – Schokoschaumküsse mit einem Marzipanboden und knackiger Schokolade drumherum.

    „Hygge“ also…

    Vogelgezwitscher, Frühstücksduft, Meer. Ausschlafen, Wachbleiben, Blumenpflücken. Essenkochen, Lesen, Reden, in die Sonne schauen. Gedanken treiben lassen, Steine bemalen. Kränze binden, über Flohmärkte streifen, Freunde besuchen. Wäsche in den Wind hängen, Vögel beobachten, Lachen.

    Und vielleicht bald ein farbenfroher Regen aus Herbst 🍂

    Was ist Deine persönliche „Hygge“-Liste? Schon mal drüber nachgedacht?

    Bleibt hyggelig,

    Euer Frøken Fluesvamp 🍄

    Hr. Skov – Blåvand – Eine Reise durch das Gourmetuniversum

    Herr Wald? Herr Wald! Das schwarze Schild vor dem weißen Haus im Touristenort Blåvand an Dänemarks Westküste, quasi am westlichsten Punkt, ziert ein nahezu blätterloser Baum, ein Apfelbaum. An einem Ast des Baumes hängt ein roter Apfel. Das Logo verführt, so wie es Äpfel schon immer getan haben. 


    Die Gourmetbutik ist aber alles andere als hochnäsig oder versnobt. Paradiesisch, ja, doch nicht abgehoben. So sagte der umtriebige Claus Skov, Inhaber der Gourmetbutik, einmal von sich, dass er doch ein Bauernjunge sei. Also jemand, der seine Wurzeln kennt, schätzt und pflegt. 

    So findet man in seiner Kühltheke herrlichsten Schinken von der nahegelegenen Insel Fanø, Käsesorten aus der Region, Lamm- und Kalbfleisch von lokalen Bio-Bauern. Und dänisches Frokost wäre nicht dänisches Frokost ohne Leverpostej, eine Art Leberwurst aus Leber, fettem Speck und Zwiebeln in einer Form gebacken – köstlich mit eingelegter Roter Bete oder süß-sauer eingelegten Gurken. Und: diese ist glutenfrei, denn eigentlich gehört noch Mehl in die Masse. Aber die Glutenunverträglichkeit macht auch vor den Dänen nicht Halt. 

    Und wenn ich hier gerade so rumstehe, werfe ich einen Blick auf die Karte. Ich kenne Claus‘ einfach-köstliches Essen mit dem bio-regionalen Pfiff. Und auf der kleinen, aber feinen Karte stehen so köstliche Dinge wie Wattenmeersandwich mit Nordseekrabben und Spiegelei, dazu ein Bärlauch-Aioli oder Miesmuscheln mit selbstgemachten Pommes Frites und Sanddornketchup oder ein köstliches Steaksandwich. Wer die herrlich angerichtete Portion schaffen sollte, kann sich dann noch einem Nachtisch zuwenden. Wie wär’s mit dem leckersten Eis Dänemarks? Hansen-Is – ein Gedicht: Schokoladen-Eis mit auf der Zunge zergehenden Schokoladensplittern, Vanille-Eis mit oder ohne Mango, Himbeersorbet, Nougat-Eis mit oder ohne Salzkaramell! Oder ein „Flødeboller“ von der Schokoladen-Fabrik Summerbird – ein gehaltvoller Schokoschaumkuss mit dicker, knackiger Schokolade umhüllt und – OBS OBS OBS – mit einem Marzipanboden! Nicht mit pappiger Weichbodenwaffel…

    Aber ich schweife ab in kulinarische Köstlichkeiten und Essensphantasien. 

    Warum? Weil ich mit meinem Liebsten von einem tüchtigen Strandspaziergang zurück ins gemietete Ferienhaus zurückkam, als ich anfing, diesen Artikel zu schreiben. 


    Der Wind hat uns ordentlich durchgepustet, der Kamin schnurrte schon herrlich vor sich hin, die Sauna bullerte – der Magen knurrte. Aber diese köstliche Quälerei kosteten wir noch ein wenig aus und stopften nicht wahllos irgendwelche Dinge in uns hinein. Nein!

    Denn zur Feier des Gründonnerstages gab es Köstlichkeiten von Hr. Skov. Empfohlen vom wohl nettesten „Bauernjungen“ mit Gourmetbutik, den ich kenne! 

    Tillykke med 10 års-jubilæum i Blåvand Claus og Henny! 🇩🇰🇩🇰